Abtreibung

Das Down-under-Syndrom

Der Fall des australischen Pärchens, das ein behindertes Kind bei der  thailändischen Leihmutter ließ, zeigt nicht nur ein abartiges Verhalten der Eltern. Es stellt auch die massenhafte Abtreibung von Trisomie-21-Kindern infrage

Es ist eine sehr moderne Tragödie, die sich da zwischen Australien und Thailand abspielt: Ein australisches Pärchen lässt sich von einer Leihmutter Zwillinge austragen, nimmt am Ende aber nur ein Kind und lässt das andere bei der Leihmutter: weil es Trisomie 21 hat. Das Pärchen wurde weltweit beschimpft, dabei ist der Fall durchaus komplex und wirft moralische Fragen nicht nur nach der Leihmutterschaft auf, sondern auch nach der massenhaften Abtreibung von Trisomie-21-Kindern.

Fakt ist wohl: Nachdem das Paar per Voruntersuchung erfahren hatte, dass ein Kind Trisomie 21 – also das Down-Syndrom – haben wird, bat es die Leihmutter, das Kind abzutreiben. Dabei ist es bei Zwillingen durchaus wahrscheinlich, dass beide Kinder sterben. So weit kam es nicht. Die Thailänderin weigerte sich, insofern – und so argumentieren viele nun auch – ist es nur folgerichtig, dass sie das Kind behält und die Australier es nicht nehmen – sie hatten es ja bereits abgelehnt. Am Ende hat die Leihmutter ein Kind, das sie offenbar will und die leiblichen Eltern haben ein Kind nicht, das sie nicht wollten.

Unabhängig davon, was dieses am Ende sehr kaltherzige Verhalten über die leiblichen Eltern aussagen mag, stellt sich die Frage, ob das Ergebnis nicht für alle Beteiligten besser ist, als die gängige Praxis der massenhaften Abtreibung von Trisomie-21-Kindern. Jedes 800. Kind hätte ungefähr das Down-Syndrom. Doch viele werdende Eltern prüfen ihr Ungeborenes. Wenn die Nackenfaltmessung auffällig ist, kommt die Fruchtwasseruntersuchung. Kommt es dann zur Trisomie-21-Diagnose, werden mehr als 90 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen, obwohl die meisten Frauen über der 16. Schwangerschaftswoche sind.

Die gesetzliche Vorschrift – dass „Lebensgefahr oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ bestehe – dürfte auch nur selten zutreffen. Vielmehr scheint der Umgang mit der Krankheit ein Auswuchs einer perfektionistischen Wohlstandsgesellschaft zu sein, in der alles möglich ist, die auch für Trisomie-21-Kinder problemlos sorgen könnte, in der aber für Unperfekte offenbar kein Platz ist.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, hat bei seiner Tochter keine Nackenfaltmessung machen lassen, da er sie auch bei Trisomie 21 behalten hätte.

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