Kolumne: Grenzgänger

Das Phänomen Helene Fischer

Erstmals bricht eine Schlagersängerin aus der Nische aus und wird zum Mainstream-Star. Helene Fischers Erfolg sagt viel über die Seelenlage der Deutschen aus

Es muss irgendwann 2010 gewesen sein, als der Name Helene Fischer zum ersten Mal in meinem Berufsleben auftauchte: Damals arbeitete ich bei einer regionalen Tageszeitung für das Politikressort und saß wie üblich in der morgendlichen Redaktionskonferenz, als ein leitender Redakteur ziemlich unvermittelt die Frage in den Raum warf: „Sollten wir nicht mal was zu Helene Fischer machen?“ Der Chefredakteur, der die Runde leitete, visierte blitzschnell den anwesenden Feuilletonredakteur an, der sofort, noch ehe er ein abgehacktes „bloß nicht“ in den Raum fallen ließ, die Hände schützend vors Gesicht schnellen ließ. Er sagte nichts weiter, sein Gesichtsausdruck aber sprach Bände: Helene Fischer ins Feuilleton? Was denn noch? Vielleicht die Geißens auf die Hochschulseite?

Ich weiß nicht mehr genau, ob es diesen Artikel dann gegeben hat, und schon gar nicht weiß ich mehr, ob er letztlich im Feuilleton der Hochkultur oder der Panoramaseite mit den Stars und Sternchen landete. Fakt ist aber, dass Helene Fischer an diesem Tag für mich aus der Nische der Volksmusik trällernden Lederhosenfraktion, die seit Jahren Teile des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammes gekapert hatte, hinaustrat. In den Mainstream, die große weite Welt der Popkultur, die wenig polarisiert und die jeder irgendwie gut findet – zumindest im Nachhinein, spätestens dann, wenn Songs aus der Jugend wieder gespielt werden.

Der Erfolg Helene Fischers kann also nicht mehr ignoriert werden, im Gegenteil: Ihr Erfolg ist seit 2010 und 2011 derart ungeheuerlich groß, dass er für mehr steht, als nur den singulären Albumverkauf einer erfolgreichen Schlagerinterpretin. Fischers Erfolg ist das Symptom einer gesellschaftlichen Emigrationsbewegung, die längst weitere Kreise schlägt als nur die alten Tanten und Omas, die früher die Platten von Roland Kaiser gekauft haben. Fischer ist selbst bei den Jungen und Gebildeten anschlussfähig geworden. Weil sie von Zweisamkeit und einer überschaubaren Welt singt, die frei von Problemen, Konsum und Leistungsgesellschaft ist. Offenbar scheint das vielen Menschen zu fehlen. Ein Befund, der zumindest zu denken geben sollte. Der Fischer-Chor der Deutschen hat seine Gründe.

Diese Woche kehrt sie mit ihrem Album „Farbenspiel“ bereits zum zwölften Mal ganz oben in die deutschen Album-Charts zurück – nachdem sie ein paar Mal für nur wenige Tage durch die Beatsteaks oder den langjährigen deutschen Superstar Marius-Müller Westernhagen verdrängt worden war. Der wiederum war der Konsens-Rocker der Achtziger- und Neunziger-Jahre, wobei er seinen Erfolg auch der Tatsache verdankte, anzuecken und zu polarisieren. Gegen Dicke. Oder für häufigen Geschlechtsverkehr von Unverheirateten. Fischer ist das Gegenteil: Sie ist das weichgespülte, nahezu perfekt anmutende Starlet, das so gar nichts Kontroverses anzubieten hat. Stattdessen handeln ihre Texte von großen Gefühlen und der Sehnsucht nach Zweisamkeit („Du lässt mich sein. So wie ich bin. Mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn.“)

Schlager als Religionsersatz

Sehnsucht nach Harmonie also als Geschäftsgrundlage für ein Business, das derzeit Hochkonjunktur hat. Familienstrukturen brechen auseinander, weil es die Arbeitsbedingungen mit sich bringen, dass Nähe heute mit Ach und Krach nur noch über soziale Netzwerke und eben Herzschmerzmusik à la Fischer transportiert wird. Religion hat ihre Bindungswirkung fast gänzlich eingebüßt – zumindest in Deutschland -, und an ihre Stelle ist nichts Verbindliches getreten, sieht man einmal vom Konsum ab, der jedoch nicht über die gleiche Sinnstiftung verfügt. Je länger der Arm der Globalisierung wächst und in die heimatlichen Wohnzimmer herein reicht, desto stärker verspüren viele Menschen das Bedürfnis, ihrer Überforderung ein Gefühl der Heimat und der Überschaubarkeit entgegensetzen zu müssen. „Glokalisierung“ nennen das manche, wenn Menschen bewusst regionale Produkte nachfragen, statt auf chinesische Äpfel zurückzugreifen, oder wenn sie sich bewusst nur noch mit kommunalen Themen auseinandersetzen, weil die Weltpolitik viel zu unübersichtlich geworden ist. Bürgerinitiative gegen die neue Umgehungsstraße statt Märsche für den Weltfrieden.

Das gab es natürlich immer schon: In der engeren Volksmusikszene wurde immer schon von Heimat und Liebe gesungen, über die Sehnsucht nach einem einfachen Leben. Naturmetaphorik – die gab es schon in den Operetten von Paul Abraham. Oder zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Wurde aber früher oftmals über exotische Orte gesungen (über „zwei kleine Italiener“ oder gar die Südsee als nie zu erreichender Sehnsuchtsort), weil man damals nur schleppend, wenn überhaupt, mit dem VW Käfer über den Brenner gekommen ist, so wird heute die Heimat („ich gehöre in die Berge“, Hansi Hinterseer) oder – ganz ungeografisch – das „Herz“ als innerliche Heimat beschworen. Handelt die erste Variante von der Sehnsucht, nach draußen in die Welt fahren zu wollen, so ist die zweite, Fischer’sche Variante, ein moderner Eskapismus, man könnte auch sagen: innere Emigration, der zu denken gibt. Anders ausgedrückt: Der Erfolg Helene Fischers ist ein Zeichen dafür, dass viele Menschen überfordert sind von Karriere und Familie und dem Überangebot an Möglichkeiten, die nahezu alles zur Qual der Wahl machen.

Es dürfte daher kein Zufall sein, dass Fischers Karriere so richtig in Schwung kam, als 2010 und 2011 die Wirtschafts- und Finanzkrise in allen Ohren war. Fischer wurde in dieser Zeit von ihrem Management geschickt aufgestellt, als Allzweckwaffe, die singen, tanzen und moderieren kann – und dazu noch gut aussieht. Dass ihre Stimme nicht gerade unverwechselbar ist, zudem ziemlich dünn und in geringer Bandbreite daherkommt? Geschenkt. In einer ARD-Dokumentation präsentierte sich Fischer als Multitalent, das alles für die Fans tut. Selbst eine Stimmbandentzündung kann sie nur kurz aus der Bahn werfen. Die Selbstdisziplinierte kämpft darum, bald wieder für ihre Fans auf der Bühne zu stehen – und der Fernsehzuschauer begleitet sie dabei. Die Message: Helene Fischer tut alles für Dich und opfert sich für Dich auf – und ist damit ganz anders als Dein herzloser Chef, die selbstverliebten Politiker und maßlosen Manager, die sich nur die Taschen voll machen wollen. Ein wenig erinnert das an die Herzschmerzfilme der Fünfziger-Jahre, als die psychisch kriegsversehrten Deutschen nach Harmonie, Familienidylle und klarer Geschlechterrollenverteilung gierten. Aber dem gingen eben Kriegszeiten voraus, wohingegen heutzutage zumindest in Deutschland die friedlichsten und reichsten Tage der bisherigen Geschichte angebrochen sind.

Angepasstheit als Maß aller Dinge

Offenbar passt Fischer perfekt in diese Zeit, in der Zeitschriften die besten Auflagen machen, wenn sie über Marmeladeeinkochen berichten und von der Landluft schwärmen. Der Star ist der, der der komplizierten Welt etwas Überschaubares entgegenzusetzen hat. Etwas aus dem eigenen Küchengarten. Es ist auch kein Zufall, dass Fischer für Jogi Löws Weltmeistermannschaft auf der Berliner Fanmeile singen durfte. Der Weltmeistertitel wurde vom DFB als disziplinierte Mannschaftsleistung verkauft, ganz nach dem Motto, der Star ist die Mannschaft. Kein Star darunter, der aus dem Normenkatalog der Gesellschaft ausbricht. Einer für alle, alle für ein Ziel: den Titel. Kein egozentrischer Maradona. Oder auf Deutsch: kein selbstverliebter Mario Basler, kein aufsässiger Stefan Effenberg, kein individualistischer Bernd Schuster.

Angepasst sein gilt als Tugend, weil die Mannschaftsdisziplin Berechenbarkeit und Planbarkeit bringt. Und damit die Komplexität der Realität reduziert. Unberechenbare Künstler – um wieder zur Musik zurückzukommen – wie David Bowie oder neueren Datums Lady Gaga sind in Deutschland derzeit undenkbar. Der Künstler als Grenzgänger und Verschieber von Grenzen ist derzeit hierzulande nicht gefragt. Gefragt ist das Vorhersehbare und Unkontroverse, da passt eine gelernte Musicaldarstellerin wie Helene Fischer perfekt ins Bild. Die Frau tut keinem weh und liefert immer die gleiche, perfekte Show ab. Bei Axl Rose oder Harald Juhnke wusste man dagegen nie, ob sie wirklich auf die Bühne steigen oder doch lieber einen Fotografen in der ersten Reihe verprügeln oder gleich besoffen in der Garderobe bleiben.

Helene Fischer als Gegenentwurf zu diesen Originalen muss uns freilich nicht das Fürchten lehren. Soll sie doch mit den Deutschen auf kollektive Kreuzfahrt gehen, soll doch Hansi Hinterseer seine Fans mit auf Wanderungen nehmen. Soll doch Andreas Gabalier mit Elvis-Tolle den Rabauken in Lederhose geben, obwohl er genauso angepasst und im Grunde stockspießig ist wie alle Volksmusikanten. Und von mir aus sollen auch „Die Amigos“ weiterhin ein Nummer-eins-Album nach dem anderen produzieren, obwohl selbst „Die Flippers“ dagegen textlich und musikalisch nahezu innovativ waren. Wenn aber Helene Fischer aus der Schlagerecke ausbricht und schon den WM-Song singen darf, dann heißt das, dass dem Volk – im Krankheitssinne – etwas fehlt. Ihm ist unwohl in der Magengegend, und das Rezept dagegen ist die Beruhigungspille Helene Fischer.

Die Finanzkrise ist vorerst eingedämmt, die Verunsicherung aber bleibt. Und sie wird vorerst weiter bleiben, weil sie ein Nebenprodukt der Globalisierung ist. Deutschland ist ein erfolgreiches Land, aber auch eines mit vielen Ängsten – die „German Angst“ ist der Welt ein Begriff.

Helene Fischer ist deshalb derzeit nur in Deutschland möglich. Wer glaubt, in ihr sei ein künftiger Weltstar geboren und man müsse ihre Texte nur ins Englische übersetzen, um sie erfolgreich zu machen, irrt. Ihre Musik ist provinziell und ihre Show nur in Deutschland (und in Österreich sowie der Schweiz denkbar). Sie eckt nicht an, neben einer Lady Gaga oder selbst einer Rihanna wirkt sie seltsam langweilig und farblos. Und wenn es deutsche Stars einmal zu überregionalen Ruhm bringen, dann meist, weil sie anecken: Rammstein zum Beispiel, eine Band, die fast mehr für die deutsche Sprachwerbung im Ausland tut als das Goethe-Institut. Selbst die unvermeidliche Synthie-Pop-Gruppe Modern Talking, die noch heute in Asien aus jeder zweiten Karaoke-Bar schallt, war auf ihre, manchmal nur schwer zu ertragene Art unverwechselbar. Helene Fischer kann nur zwischen Flensburg und Klagenfurt funktionieren.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 26 Bewertungen (4,04 von 5)