Kolumne: Moneytalk

Die Angstblase

Am 20. Juni erreichte der DAX mit 10.051 Punkten sein bisheriges Rekordhoch und viele Anleger waren optimistisch, dass der Aufwärtstrend anhält. Inzwischen liegt der deutsche Leitindex rund 1.000 Punkte niedriger und die Bären scheinen die Oberhand gewonnen zu haben. Dabei haben sich weder politische noch ökonomische Lage verändert. Was also ist los?

Wie sah die Welt am 20. Juni aus? An geopolitischen Problemen herrschte kein Mangel: Der Konflikt in der Ukraine schwelte vor sich hin, ohne dass ein Ende absehbar gewesen wäre, gleichzeitig verbreitete im Irak eine islamistische Terrorgruppe namens Isis Angst und Schrecken. In Israel sorgte die Entführung und Ermordung von drei Jugendlichen für Empörung. Israelische Behörden machten die Hamas dafür verantwortlich. Der gegenseitige Beschuss mit Raketen zwischen palästinensischen Milizen und Israel begann.

Das konjunkturelle Bild stellte sich so dar: Die Indikatoren deuteten auf eine kräftige Erholung der US-Wirtschaft hin, eine schleppende Konjunktur in der Eurozone sowie ein verhaltenes Wachstum in den Schwellenländern. Die amerikanische Notenbank Fed schränkte planmäßig ihre Wertpapierkäufe ein und signalisierte, den Leitzins frühestens Mitte 2015 anzuheben. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi hatte kurz zuvor den Leitzins für die Eurozone auf das historische Tief von 0,15 Prozent gesenkt und eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt.

Wie sieht die Welt heute aus? Zugegeben, der Konflikt in der Ukraine hat sich nach dem Abschuss des malaysischen Linienflugzeugs, weiteren Sanktionen des Westens gegen Russland und Sanktionen Russlands gegen den Westen verschärft. Im Irak sorgt weiterhin eine islamistische Terrorgruppe, die sich nun IS statt Isis nennt, für Angst und Schrecken. Immerhin versuchen nun aber amerikanische Militärflugzeuge mit gezielten Luftangriffen, dem Terror Einhalt zu gebieten. Im Gaza-Konflikt wechseln sich gegenseitiger Raketenbeschuss und Feuerpausen immer wieder ab. Zuletzt wurde eine dreitägige Feuerpause vereinbart und die Friedensgespräche sollen wieder aufgenommen werden.

Insgesamt war die geopolitische Lage Ende Juni alles andere als erfreulich und sie ist auch heute alles andere als rosig. Aber sie hat sich sicherlich nicht so drastisch verschlechtert, dass ein so dickes Kursminus beim DAX gerechtfertigt wäre. Das gilt zumindest dann, wenn der DAX bei einem Stand von 10.000 Punkten einigermaßen fair bewertet war. Glaubt man der Mehrheit der Aktienanalysten und -strategen, war er bei dieser runden Marke nicht mehr billig, aber im langfristigen Durchschnitt auch nicht überbewertet.

Haben sich also bei der Konjunktur die Perspektiven stark eingetrübt? Nein, zwar haben die Frühindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima offenbar ihr Top überschritten, weisen aber insgesamt weiterhin auf eine wachsende Weltwirtschaft hin, blutleer in Euroland, dynamischer in Amerika. In den USA ist die Wirtschaft im zweiten Quartal sogar stärker gewachsen als erwartet.

Doch genau das scheint vielen Investoren den Angstschweiß auf die Stirn getrieben zu haben. In deren Köpfen läuft nun folgende Gedankenkette ab: Die US-Wirtschaft expandiert kräftiger als vorausgesagt, deshalb wird die Fed schon vor Mitte 2015 den Leitzins erhöhen, deshalb wird Liquidität knapper, deshalb wird weniger Geld in Aktien fließen, deshalb werden die Kurse fallen, deshalb werfen wir Aktien aus den Depots – und die Kurse fallen.

Wie soll man das jetzt bewerten? Klar, wenn mir ständig gesagt wird, die Aktienkurse steigen in erster Linie, weil die Notenbanken die Finanzmärkte mit Geld fluten, neige ich vielleicht zu panischen Reaktionen, wenn der Geldhahn zugedreht werden sollte. Man sollte aber schon mal ein paar kritische Fragen stellen.

Erstens: Wer sagt denn, dass die Fed gleich den Geldhahn zudreht, wenn sie irgendwann mal vorsichtig beginnt, zu so etwas wie einer „normalen“ Geldpolitik zurückzukehren? Viel wahrscheinlicher ist, dass aus einer ultraleichten Geldpolitik noch auf Jahre hinaus eine leichte Geldpolitik wird, aber keineswegs eine restriktive.

Zweitens: Wer kauft denn Aktien allein deshalb, weil er Geld hat, noch dazu geliehenes? Würden Sie sich ein Auto kaufen, nur weil Ihnen jemand einen zinslosen Kredit gibt (und Sie nicht wissen, was Sie sonst mit dem Geld anfangen sollen)? Sie würden wohl zumindest ein Auto kaufen, das Sie attraktiv finden.

Drittens: Ist für Aktien wichtiger, dass die Fed ewig den Leitzins bei Fast-Null belässt oder dass die Unternehmen wegen einer deutlich wachsenden Wirtschaft künftig höhere Gewinne erzielen? Vielen Investoren scheint eine Fed, die dauerhaft alle Schleusen geöffnet hält und damit unweigerlich Spekulationsblasen schürt sowie die nächste globale Finanzkrise heraufbeschwört, wichtiger zu sein als Firmen, die im Zuge eines Konjunkturaufschwungs ihre Gewinne erhöhen und damit die letztlich einzig nachhaltige Basis für höhere Aktienkurse legen.

Rationaler als die Furcht vor einer restriktiven Fed ist die Angst, die Russland-Ukraine-Krise könnte die Konjunktur in Deutschland und der Eurozone beziehungsweise in der EU bremsen. Denn natürlich treffen Sanktionen, insbesondere von Moskau verhängte Importverbote, vor allem europäische Länder. Für das zweite Halbjahr haben sich daher die EU-Wachstumsperspektiven etwas eingetrübt. Man sollte jedoch die Möglichkeiten, qualitativ hochwertige Güter in andere Absatzmärkte umzuleiten, nicht unterschätzen.

Seit einigen Wochen werden die Anleger allerdings auch daran erinnert, dass die Eurokrise wohl doch noch nicht abgehakt ist, obwohl sich die Finanzmärkte lange so verhielten als wäre das der Fall. Doch die Turbulenzen um die portugiesische Espirito-Bankengruppe machten deutlich, dass die Krise jederzeit wieder aufflammen kann. Zudem sind die Hoffnungen enttäuscht worden, in Italien werde es endlich wirtschaftlich wieder aufwärts gehen. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone im ersten Quartal 2014 um 0,1 Prozent geschrumpft war, wurde für das zweite Vierteljahr ein Minus von 0,2 Prozent gemeldet. Dass gleichzeitig das krisengeschüttelte Spanien wieder auf Wachstumskurs ist und mit dem vierten BIP-Anstieg in Folge seine Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um satte 0,6 Prozent steigerte, tröstete die Börsianer wenig.

Wie groß die Verunsicherung an den Märkten derzeit ist, zeigt sich an der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. Sie hat ein neues Allzeittief erreicht und kratzt an der Ein-Prozent-Marke. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Flucht der Anleger in sichere Häfen die Rendite unter diese Grenze drückt. Man sollte ja bei der Diagnose von Spekulationsblasen vorsichtig sein. Es ist aber wahrscheinlich keine allzu kühne Behauptung, wenn man sagt, dass sich am deutschen Staatsanleihenmarkt eine „Angstblase“ gebildet hat. Haben die Anleger noch vor einigen Wochen vor allem positive Nachrichten registriert und negative Botschaften mehr oder weniger ignoriert, ist es inzwischen umgekehrt.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Kolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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