Kolumne: Moneytalk

Good News are Bad News

An Europas Aktienmärkten gaben die Notierungen vergangene Woche kräftig nach. Dabei verlor der DAX überproportional und liegt inzwischen rund acht Prozent unter seinem Rekordhoch von 10.051 Punkten, das er Ende Juni erreicht hatte. Was sind die Ursachen?

Für Nervosität sorgte zuletzt die Meldung, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal um vier Prozent gewachsen ist, und damit stärker als erwartet. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, weil sie belegt, dass die Konjunktur jenseits des Atlantiks richtig Tritt gefasst hat. Doch an der Börse sind gute Nachrichten eben manchmal schlechte Nachrichten. Bei Anlegern schürten die starken Wachstumszahlen Ängste, die amerikanische Notenbank Fed könnte die Zinsen früher anheben als bislang angenommen, zumal Fed-Vertreter von einer „grundlegenden Stärke“ der US-Wirtschaft sprachen.

Bei der jüngsten Sitzung des Offenmarktausschusses hat die Fed erwartungsgemäß eine weitere Kürzung ihrer Anleihekäufe um zehn Milliarden Dollar beschlossen. Sie betragen ab August nur noch 25 Milliarden Dollar. Ein offizielles Ende ihres QE3-Programms haben die amerikanischen Notenbanker allerdings noch nicht verkündet. Fed-Beobachter gehen davon aus, dass es im Oktober soweit sein wird. Beibehalten hat die Fed zudem ihre bisherige „forward guidance“ für den Leitzins: Dieser werde noch „for a considerable time“ niedrig bleiben. Fed-Chefin Janet Yellen und ihre Mitstreiter sehen deutliche Fortschritte bei der Erholung des Jobmarktes und bei der Inflation, weisen jedoch gleichzeitig auf eine weiterhin signifikante Unterauslastung der Arbeitsmarktkapazitäten hin. Ungeachtet dessen weisen gestiegene Zinssätze an den Terminmärkten darauf hin, dass Anleger das Risiko früherer Leitzinsanhebungen höher einschätzen als bisher. An den Märkten wurde lange damit gerechnet, dass die Fed erst Mitte 2015 die Zinswende einleiten wird.

Für Unruhe an den Finanzmärkten sorgte vergangene Woche auch wieder die Furcht vor negativen Konsequenzen der Finanzprobleme der portugiesischen Espirito-Gruppe. So meldete die Banco Espirito Santo für das erste Halbjahr 2014 einen dicken Verlust, woraufhin die Aktie massiv einbrach. Hinzu kommen die nach wie vor ungelösten Konflikte im Gaza-Streifen und im Irak und die Staatspleite Argentiniens. Sie hat zwar nicht das Potenzial, eine neue internationale Finanzkrise auszulösen, macht den Anlegern aber bewusst, dass die Politiker es immer noch nicht geschafft haben, eine Insolvenzordnung für Staaten zu etablieren, die eine geordnete Abwicklung gewährleisten würde. Und in Teilen Afrikas breitet sich das Ebola-Virus aus, was den Handel mit der Region aus Angst vor Ansteckung einfrieren lassen könnte.

Kopfzerbrechen bereitet Börsianern aber vor allem die Ukraine-Russland-Krise mit verschärften Sanktionen der EU gegenüber Moskau. Sie wird von Investoren inzwischen mehr und mehr als Risikofaktor für die Konjunktur gesehen. Gestützt wird diese Einschätzung durch Äußerungen von Volkswirten. So meint ifo-Chef Hans-Werner Sinn, die Ukraine-Krise und die Sanktionen gegen Russland werden das Wachstum in Deutschland auf Null drücken. Behält er recht, müssen so gut wie alle aktuellen Prognosen der Konjunkturexperten nach unten revidiert werden.

Für die ohnehin zögerliche wirtschaftliche Erholung der Eurozone ist das eine schlechte Botschaft. Begänne nun auch Deutschland wirtschaftlich zu schwächeln, zöge das die gesamte Währungsunion nach unten. Mit Spannung wird deshalb die Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag erwartet, zumal die aktuell extrem niedrige Inflation den Euro-Zentralbankern Unbehagen bereitet. Wird EZB-Chef Mario Draghi angesichts der Konjunktur- und Deflationsrisiken umfassende Anleihekäufe durch die EZB verkünden? Die Mehrzahl der Analysten sagt nein und rechnet mit einem solchen Schritt der Geldhüter erst, wenn die Inflationsrate die Marke von 0,25 Prozent unterschreitet. Zuletzt lag sie bei 0,4 Prozent und damit nicht mehr weit davon entfernt.

Positive Impulse hatten sich Anleger von der laufenden Unternehmens-Berichtssaison für das zweite Quartal erhofft. Die ist in den USA insgesamt keineswegs schlecht gelaufen, in Europa aber nicht unbedingt dazu angetan, für gute Stimmung an den Aktienmärkten zu sorgen. Hier kam es – auch in der abgelaufenen Woche – zu einigen herben Enttäuschungen, die einzelne Titel in den Keller rauschen ließen. In der neuen Woche legt nochmal eine Reihe europäischer Konzerne ihre Quartalszahlen vor: HSBC, BMW, Deutsche Post UniCredit, ING Group, Standard Chartered, Lanxess, adidas, Beiersdorf, Commerzbank, Deutsche Telekom, Merck KGaA, Munich Re, Nestlé, Rio Tinto, Zürich Insurance Group und Allianz.

Auf kurze Sicht ist die Gefahr groß, dass es zu weiteren Kursverlusten an den europäischen Börsen kommt. Denn auf dem überhitzten US-Aktienmarkt hat die Korrektur erst begonnen und dürfte sich fortsetzen, vor allem wenn sich die Erwartungen einer baldigen Leitzinserhöhung durch die Fed verstärken. Davon geht zusätzlicher Druck auf die Märkte in Europa aus, die wegen der geopolitischen Krisen und schwächerer konjunktureller Frühindikatoren bereits angeschlagen sind. Für den DAX heißt das, dass es kurzfristig durchaus auf 9000 Punkte nach unten gehen kann.

Eine nachhaltige Trendwende ist jedoch unwahrscheinlich. Die Erfahrung lehrt, dass Haussen am Aktienmarkt üblicherweise durch restriktive Notenbanken mit stark steigenden Zinsen oder durch ein Abgleiten der Weltwirtschaft in eine Rezession beendet werden. Beides ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Die Fed wird ihre Geldpolitik nur langsam und behutsam straffen, die US-Kapitalmarktzinsen werden nur sehr moderat steigen. Gleichzeitig wird die EZB noch lange expansiv bleiben und ihren Leitzins bei 0,15 Prozent belassen. Und für die Weltwirtschaft signalisieren die verfügbaren Frühindikatoren derzeit keine Rezession.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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