Demokratie

Große Lust auf starke Männer

Der Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan in der Türkei passt zu einem Trend: Politiker, die undemokratisch denken und agieren, werden ganz demokratisch gewählt. Was sind die Ursachen?

Es sollte vermutlich versöhnlich klingen, als Recep Tayyip Erdogan vor seine jubelnden Anhänger trat und verkündete, er wolle künftig der „Präsident aller Türken“ sein. Also auch derer, denen er Twitter abschalten wollte? Und Präsident derer, die er im Gezi-Park von Wasserwerfern wegspülen ließ?

Das glaubt er wohl selbst nicht, er kann es ja auch einfach mal so sagen. Liegt Erdogan doch in einem unguten Trend, der ihm schrecklich recht gibt. Da gerieren sich Männer wie Russlands Wladimir Putin, Ägyptens Al-Sisi oder eben Erdogan als Polit-Machos, disqualifizieren sich dabei nachhaltig als Demokraten und fahren dennoch fulminante Wahlsiege ein. Das Volk wählt starke Männer. Manchmal könnte man an der Demokratie verzweifeln.

Unsere Enttäuschung hier im Westen liegt auch an unserem Blick auf diese Länder. Wir halten die aufmüpfigen Söhne des Tahrir, die rebellischen Studenten des Gezi-Parks oder die mutigen Frauen von Pussy Riot für Ausdruck einer gewichtigen Opposition. Wir glauben, sie könnten es aufnehmen mit der Macht von Oligarchen, mit Militär-Establishments oder halbkriminellen Seilschaften, die im Präsidenten-Palast enden. Das ist nicht der Fall.

Jenseits der Brennpunkte von TV-Kameras empört die Menschen solche Ungerechtigkeit nur am Rande. Sie sind Korruption gewöhnt, aber sie wollen Ruhe vor unberechenbaren Fanatikern, sie lassen sich faszinieren von der Aussicht auf nationale Größe – oder sie wollen vom wirtschaftlichem Aufschwung profitieren, wie im Falle Erdogan.

Sein Konzept ist für den Moment aufgegangen, aber ein großer Sieger ist noch kein großer Staatsmann. Gewonnen haben Erdogan, al-Sisi oder Putin als Spalter. In ihren Gesellschaften steht eine wachsende, westlich orientierte Mittelschicht einer ländlichen Mehrheit immer verständnisloser gegenüber. Solange dieser Graben existiert, können diese Männer als Populisten mit gefährlicher Politik erfolgreich sein. Aber solange dieser Graben existiert, wird einer wie Erdogan auch nicht Präsident aller Türken sein.

Matthias Maus, Autor in München, war 13 Jahre Chefreporter der „Abendzeitung“ in München und kommentierte regelmäßig außenpolitische Themen. Er ist großer Türkei-Fan.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 15 Bewertungen (4,47 von 5)