Konjunktur

Rutscht Deutschland in die Wirtschaftskrise?

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft, der Ifo-Index zum vierten Mal in Folge gefallen. Rezessionsgefahr, jammern jetzt viele, die vor nicht allzu langer Zeit noch einen Dax-Stand oberhalb der 10.000 Punkte für zwingend geboten hielten. Wie begründet ist die Angst?

Wirft man einen Blick auf die jüngsten Konjunkturdaten aus Deutschland, könnte man tatsächlich meinen, das Land stehe vor einer veritablen Wirtschaftskrise. Schließlich ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den zweiten drei Monaten des Jahres geschrumpft, um unfassbare 0,2 Prozent – ein weiteres Negativquartal und wir stehen mit beiden Füßen in der Rezession. Und dann fällt auch noch der Ifo-Index zum vierten Mal – ein untrügliches Zeichen für den Niedergang dieser so stolzen Volkswirtschaft!

Doch gemach. Ein zweiter Blick auf die Zahlen lohnt immer. Dann stellt sich etwa schnell heraus, dass der BIP-Rückgang im zweiten Quartal vor allem eins ist: ein statistischer Effekt. Denn der milde Winter hatte es zum Beispiel der Bauwirtschaft ermöglicht, quasi durchzuarbeiten. Aufträge, die eigentlich für das zweite Quartal vorgesehen waren, konnten so schon im ersten verbucht werden. Dieser Effekt war auch durchaus absehbar, hatte die Mehrheit der Analysten doch genau aus diesem Grund ohnehin mit einer Stagnation der Wirtschaftsleistung gerechnet.

Und auch der Ifo-Index, wahrscheinlich der verlässlichste hiesige Frühindikator, sieht vor allem in der Schlagzeile schlecht aus: Vier Rückgänge in Folge, das deutet normalerweise auf eine Rezession hin. Schaut man hingegen auf den absoluten Stand des Index‘, könnte man glauben, eine Euro-Krise hätte es gar nicht gegeben. Denn die Werte sind hoch, obwohl es doch vielen wichtigen Handelspartnern in Euroland wirtschaftlich immer noch so schlecht geht, dass sie vor allem durch die hier zu Lande gern verdammte Niedrigzinspolitik der EZB über Wasser gehalten werden.

Die niedrigen Zinsen sind auch für Deutschland gut, womit wir zu den positiven Seiten der aktuellen Lage kommen. Sie sind eng verbunden mit einer quasi nicht existenten Inflation, die die Kaufkraft der Bürger selbst bei geringen Lohnzuwächsen erhält. Der Arbeitsmarkt ist erstaunlich robust, was zwar teilweise durch skandalös niedrige Löhne und miese Arbeitsbedingungen bedingt ist, anderseits aber auch die Gehaltsabrechnungen der Konsumenten verbessern kann.

Unternehmen könnten diese Bedingungen eigentlich dazu nutzen, lang aufgeschobene Investitionen endlich anzugehen. Die müssten ja nicht auf den Ausbau von Kapazitäten abzielen, sondern könnten auch Ersatzbeschaffungen sein: Die Maschine läuft nicht nur schon zwölf statt der geplanten zehn Jahre, das neue Modell verbraucht auch noch ein Drittel weniger Energie und sorgt damit für geringere Kosten in der Zukunft.

Das alles würde die Binnenkonjunktur stärken, worauf Experten schon seit Jahren hoffen. So richtig zündet der Funke allerdings nicht, die Außenwirtschaft bleibt das Zugpferd Deutschlands. Einer der Gründe, wahrscheinlich der Hauptgrund für die aktuellen Warnsignale, ist die zunehmende internationale Unsicherheit. Niemand kann sagen, wie sich der Ukraine-Konflikt entwickelt und wie sehr er sich zum Beispiel auf die hiesigen Energiekosten auswirken wird. Ähnliches gilt für den fast schon als Alltag abgehakten Gaza-Krieg. Und auch die islamistischen Fanatiker von der IS agieren in Regionen, die wirtschaftlich vor allem durch ihre Ölproduktion von sich reden machen.

Angesichts dieser Krisen ist es mehr als verständlich, dass die Wirtschaftsakteure versuchen, ihr Geld zusammenzuhalten. Das gilt sowohl für die Produzenten als auch für die Konsumenten – und zwar trotz der Minizinsen, die Sparguthaben derzeit abwerfen. Dieses Vorbereitetsein auf schlechtere Zeiten ist angemessen – weitaus angemessener jedenfalls, als jetzt in Panik zu verfallen. Realismus lautet das Schlagwort angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen. Und der kann der Republik nur gut tun. Er macht klar, dass Deutschland keineswegs eine Insel der Seligen ist. Das ließe Muttis Konsenssoße vergessen und machte den Blick frei für Debatten, die wirklich zu führen wären.

Vielleicht wären ein milder wirtschaftlicher Rückschlag, wie er sich abzeichnet, und eine Rückkehr zur Realität nicht das Verkehrteste. Wenigstens müssten wir uns dann nicht mehr mit abseitigen Themen wie einer Maut für Ausländer befassen, die unsere schönen Autobahnen kaputtfahren. Oder mit einer vorweihnachtlichen Kabinettswunschliste für die digitale Zukunft herumärgern. Eine Rückkehr zur Normalität wäre nicht zuletzt die Gelegenheit für den Wirtschaftsminister von der SPD, sich zu positionieren und zu bewähren und so aus dem übermächtigen Schatten seiner Kanzlerin von der CDU herauszutreten.

Kai Makus, Autor in Hamburg, arbeitete unter anderem lange bei der Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“, etwa als Chef von Dienst ihrer Website ftd.de .

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