Terrorismus

Bomben reichen nicht

Die USA bombardieren den „Islamischen Staat“ nun auch in Syrien. Bei der Bekämpfung der Islamisten ist dies jedoch nur ein politisches Placebo

Nun bombardieren sie wieder. Die USA und Frankreich im Irak, die USA nun auch in Syrien. Und demnächst, wenn das Unterhaus zugestimmt hat, wird auch London seine Kampfbomber aufsteigen lassen. Das Ziel der Allianz: das „Kalifat“ der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), die sich in Syrien und im Irak immer weiter ausdehnt.

Unerträglich war das lange Zögern der Welt angesichts der Massaker, die IS verübt. An Jesiden, an Schiiten, an Turkmenen, an Christen, kurz: an allen, die nicht ihre ultraradikale Auslegung des Islam teilen. Unerträglich war, dass sich der Fall Afghanistan wiederholen und eine Terrororganisation regional etablieren konnte.

Deshalb ist es gut, dass Amerikaner, Franzosen und demnächst Briten nun endlich etwas tun. Aber es ist genauso unerträglich mitanschauen zu müssen, dass das, was sie tun, nicht ausreichend ist. Es sind politische Placebos. Denn mit Luftangriffen alleine ist der Terrororganisation nicht beizukommen.

Der IS verfügt zwar auch über Panzer, Artilleriegeschütze und seit der Einnahme eines syrischen Fliegerhorstes wohl auch über Flugzeuge und Hubschrauber, aber er führt seinen Krieg vornehmlich mit Kalaschnikows und Maschinengewehren. Schweres Militärgerät lässt sich zwar mit Luftangriffen bekämpfen. Aber um Kalaschnikows auszuschalten, sind Bomben und Cruise Missiles denkbar ungeeignet.

Militärs wissen das. Nicht zufällig sagte US-Generalstabschef Martin Dempsey kürzlich bei einer Senats-Anhörung, unter bestimmten Umständen würde er dem Präsidenten „den Einsatz von US-Kampftruppen am Boden“ empfehlen.

Es ist absehbar, dass Dempsey dies tun wird. Und genauso absehbar ist, dass Barack Obama dies ablehnen wird (genauso wie seine mitbombardierenden Amtskollegen David Cameron und Francois Hollande). Zu präsent ist noch die Erinnerung an das Debakel der US-Streitkräfte im Nachkriegs-Irak, zu groß die Angst, dass demnächst auf Youtube IS-Videos zu sehen sind, in denen gefangene Soldaten bestialisch geköpft werden.

Der Krieg gegen IS wird halbherzig geführt, mit untauglichen Mitteln. Und so ist absehbar, was passieren wird.

Der IS wird seine Drohungen wahr machen und Terroraktionen gegen Staaten durchführen, die sich Obamas Allianz angeschlossen haben; dazu gehört auch Deutschland. In Australien ist vergangene Woche erst eine IS-Zelle ausgehoben worden, die Menschen entführen und enthaupten wollte. Gestern erschoss in Melbourne die Polizei einen IS-Anhänger, der mit einem Messer Beamte attackiert hatte. Erst wenn solche Attacken sich häufen und willkürlich gekidnappte Bürger vor laufender Kamera ermordet werden, wird sich wohl auch in der Politik die Erkenntnis durchsetzen, dass Bomben allein gegen den IS nicht ausreichen.

Das „Kalifat“ wird auch mit Bodentruppen bekämpft werden müssen. Aber mit welchen?

Die irakische Armee ist nicht in der Lage dazu, wie bei ihrer panischen Flucht aus Mossul erschreckend deutlich wurde. Die kurdischen Peschmerga im Nordirak, die nun auch von Deutschland bewaffnet werden, sind zu schlecht ausgerüstet und vor allem zu schlecht ausgebildet; sie werden erst in Monaten, wenn nicht Jahren wirklich einsatzbereit sein. Und die gemäßigten Rebellen in Syrien sind nach dreieinhalb Jahren Bürgerkrieg zu geschwächt, um dem IS Paroli zu bieten. Das Überrennen kurdischer Dörfer im Osten Syriens durch die Terrormiliz hat dies dieser Tage allzu deutlich gemacht.

Die USA haben im Fall der Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien einen klugen Schachzug getan. Um dem Eindruck entgegenzutreten, hier finde ein christlicher Kreuzzug gegen Muslime statt, haben sie Staaten der Arabischen Liga eingebunden. Dem Vernehmen nach waren an den ersten Angriffen auch Jets aus Jordanien, Bahrain, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar beteiligt.

Truppen aus diesen Staaten sind es, die am Boden gegen das „Kalifat“ vorgehen müssen. Denn diese Länder sind geografisch am meisten bedroht von den Islamisten, die ihr Herrschaftsgebiet ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen ausdehnen. Und auch das Nato-Land Türkei, das derzeit verwundeten und erschöpften IS-Kämpfern als Rückzugsraum dient, wird sich dann nicht länger zurückhalten können. Denn Recep Tayyip Erdogans Land ist am meisten von diesem „Kalifat“ an seiner Südost-Grenze bedroht.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, hat als langjähriger Politikchef der „Financial Times Deutschland“ immer wieder den Aufstieg und die Bekämpfung islamistischer Terrorgruppen journalistisch begleitet.

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