Kolumne: Mein Held der Woche

Das ist Chuzpe, Frau Bundesministerin für Schrott

Ursula von der Leyen möchte die Bundeswehr weltweit einsetzen. Vielleicht hätte sie besser vorher mal die Verteidigungsministerin gefragt. Denn die Truppe leidet unter Mangelversorgung

Wir sind nicht hämisch, nein, wir sind überhaupt nicht hämisch. Wir bedauern Sie nur sehr.

Nach Arbil im Nordirak sind Sie geflogen, Frau Bundesverteidigungsministerin, und wollten sich dort mit Ihren Soldaten zeigen, die kurdische Peschmerga-Kämpfer an frisch gelieferten deutschen Waffen ausbilden. Alles im Dienste des Kampfes gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Das gibt gute Fernsehbilder: die Peschmerga, ihre Bundeswehr-Ausbilder – und mittendrin die Bundesverteidigungsministerin. Hat was.

Tja, und dann passierte etwas, was derzeit Ihren Büroalltag prägt: Pannen über Pannen. Die Waffen kamen nicht – die Chartermaschine, die das Zeug von Leipzig nach Arbil bringen sollte, hatte eine Panne. Die Soldaten kamen auch nicht – die Bundeswehr-„Transall“, mit der sie unterwegs waren, hatte eine Panne und musste in Bulgarien zwischenlanden. Die nächste „Transall“ hatte ebenfalls eine Panne, und so kamen die sieben Bundeswehr-Soldaten mit knapp einer Woche Verspätung in Arbil an. Hätten sie statt Ulla-Airlines die Linienflüge von Turkish Airlines genommen, wären sie in sechs Stunden und 45 Minuten vor Ort gewesen. Zwischenstopp in Istanbul inklusive.

Es war eine schlechte Woche für Sie, Ursula von der Leyen. Kurz zuvor hatten die Inspekteure der Teilstreitkräfte dem Verteidigungsausschuss des Bundestages einen Bericht vorgelegt, der die Sau graust. Von den 31 „Tiger“-Kampfhubschraubern der Bundeswehr sind nur zehn einsatzfähig, von den 33 Transporthubschraubern NH90 nur acht. Und von allen Hubschraubern der Marine sind lediglich vier flugfähig.

Und so geht es weiter. Bei der Luftwaffe sind nur 42 der 109 „Eurofighter“ einsatzbereit, nur 38 der 89 „Tornado“ Kampfbomber, nur 24 der 56 „Transall“-Transportflugzeuge, nur 16 der 83 CH-53-Transporthubschrauber.

Die Bundeswehr, so legt der Bericht nahe, ist ein großes staatliches Schrottlager.

Eine Lebensweisheit besagt, dass immer nur das wahr ist, was man wahr haben will. Dies haben Sie meisterhaft verinnerlicht, Ursula von der Leyen. Noch nach der Vorlage dieses Berichts des Schreckens erklärten Sie, die Truppe sei „hoch leistungsfähig“. Vom Tenor her ist dies genauso wie Ihre Aussage zu Jahresbeginn, dass sich Deutschland auch militärisch international mehr engagieren muss. Vielleicht hätten Sie, werte Frau von der Leyen, sich vorher erst einmal bei der Verteidigungsministerin erkundigen sollen, ob die Bundeswehr dazu überhaupt in der Lage ist.

Da wir Ihnen keine Schizophrenie unterstellen wollen, vermuten wir mal, dass Sie über eine enorme Chuzpe verfügen. Das ist schön. Und mit gleicher Chuzpe sollten Sie nun daran gehen, den Soldaten, die in Ihrem Auftrag ihr Leben riskieren sollen, zu funktionierender Ausrüstung zu verhelfen. Das ist so wichtig wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Truppe, die Ihr Leuchtturmprojekt ist. Mindestens.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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