Kolumne: Moneytalk

Die Konjunktur zeigt Bremsspuren

Es sah so aus, als würde der DAX schon bald wieder die 10.000-Punkte-Marke überschreiten. Doch dann drehte der deutsche Vorzeigeindex Richtung Süden und verlor im Laufe der vergangenen Woche rund drei Prozent. Es waren in erster Linie Nachrichten von der Konjunkturseite, die den Börsianern die Laune verdarben

Eine schlechte Nachricht kam aus dem australischen Cairns. Dort  hatten chinesische Regierungsvertreter beim Treffen der G20 trotz stotterndem Aufschwung in China größeren Konjunkturhilfen eine Absage erteilt. Peking will das Wachstum lieber durch Reformen im öffentlichen Sektor und Steuererleichterungen für kleine Unternehmen stärken.

Von den aktuellen Konjunkturdaten fielen vor allem die aus dem Euroraum enttäuschend aus: Das Verbrauchervertrauen lag im September mit einem Wert von -11,4 Punkten unter den erwarteten -10,5 Zählern. Die Einkaufsmanagerindizes sanken erneut, sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungsbereich – und signalisieren eine schwache konjunkturelle Entwicklung Eurolands im zweiten Halbjahr.

Ebenfalls schwächer als von Experten vorausgesagt fiel der ifo-Geschäftsklimaindex aus. Er sank im September den fünften Monat in Folge. Dabei fiel die Erwartungskomponente auf den tiefsten Stand seit 2012 und deutet darauf hin, dass sich Deutschland der Wachstumsschwäche in Europa nicht entziehen kann. Selbst bei den bislang so zuversichtlichen deutschen Verbrauchern hinterlassen die globalen Krisen mittlerweile Spuren. Das Konsumklima ist das zweite Mal nacheinander gefallen, die Deutschen schätzen die konjunkturellen Perspektiven pessimistischer ein und wollen sich bei Anschaffungen stärker zurückhalten als bisher.

Im Gegensatz zu Euroland kommen aus den USA weiterhin überwiegend gute Konjunkturzahlen. Beispielsweise wurde die Zunahme des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal von – aufs Jahr hochgerechnet – 4,2 auf 4,6 Prozent nach oben revidiert. Immer deutlicher zeigt sich, dass das Wirtschaftswachstum dies- und jenseits des Atlantiks auseinanderdriftet.

Interessant ist, wie die Börse neuerdings auf Konjunkturdaten reagiert. In den vergangenen Monaten kam es nach Meldung schlechter Konjunkturzahlen häufig zu steigenden Aktienkursen, nach dem Motto: „Der Aufschwung kommt nicht in Gang, da wird die Notenbank helfen.“ Bei guten Zahlen lief es oft umgekehrt. Da schienen sich die Anleger zu sagen: „Um Gottes willen, die Konjunktur läuft, nun dreht die Zentralbank den Geldhahn zu.“

Aktienstrategen weisen ja schon lange darauf hin, dass die Hausse an den Aktienmärkten primär durch die Liquidität der Notenbanken getrieben ist. Allerdings müssen die Investoren zusätzlich auch die Erwartung hegen, dass das viele Zentralbankgeld über kurz oder lang zu mehr Wirtschaftswachstum und höheren Unternehmensgewinnen führt. Tut es das nämlich nicht, kommt es zu Spekulationsblasen, die irgendwann platzen. Solange Notenbanken Möglichkeiten haben, die Zinsen zu senken und den Geldhahn immer noch weiter aufzudrehen, lässt sich die Hoffnung, dass sie damit die Realwirtschaft erreichen, wohl halbwegs aufrecht erhalten.

Aber inzwischen liegen die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank praktisch bei null, das geldpolitische Arsenal scheint weitgehend ausgeschöpft – und trotzdem zeigen die konjunkturellen Indikatoren nach unten. Das trägt offenbar dazu bei, dass bei den Investoren ein Umdenken einsetzt. Schlechte Konjunkturzahlen werden wieder als schlecht für die Börse und gute Konjunkturzahlen als gut für die Börse interpretiert. Zumindest war das in der vergangenen Woche so.

Die große Frage ist nun, ob wir uns auf eine Rezession in der Eurozone einstellen müssen oder ob der Währungsraum doch noch die Kurve kriegt. Nachdenklich muss stimmen, dass die Geschäftserwartungen im ifo-Index in den negativen Bereich gesunken sind. Damit überwog erstmals seit Januar 2013 der Anteil der Unternehmen mit einer negativen Erwartung diejenigen der Firmen mit einer positiven Erwartung. Gleichzeitig weist die ifo-Konjunkturuhr, die sich aus Erwartungen und Lageeinschätzung zusammensetzt, auf eine spürbar sinkende konjunkturelle Dynamik hin.

In anderen Euro-Mitgliedsländern ist die Erholung gleichfalls ins Stocken geraten. Offensichtlich setzen die zahlreichen globalen Krisen, insbesondere der anhaltende Ukraine-Russland-Krise mit den damit verbundenen Wirtschaftssanktionen den europäischen Volkswirtschaften stärker zu als die Regierungen wahrhaben wollen. Die Konjunkturexperten in den Wirtschaftsforschungsinstituten und in den volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken haben längst begonnen, ihre Wachstumsprognosen nach unten zu nehmen. Keine Frage, dass auch die EZB ihre Vorhersagen für das Wachstum 2015 demnächst nach unten korrigieren wird.

Parallel zu den abwärts gerichteten Wachstumserwartungen sinken auch die Inflationserwartungen. Verschiedene Indikatoren deuten darauf hin, dass sie sich immer weiter vom EZB-Ziel eines Verbraucherpreis-Anstiegs von knapp unter zwei Prozent entfernen – Richtung Deflation. Diese Entwicklung dürfte EZB-Chef Mario Draghi und seine Mitstreiter ziemlich nervös machen. Kein Wunder, dass sie immer wieder betonen, die Zinsen noch sehr lange niedrig halten zu wollen.

Weil die niedrigen Zinsen jedoch bislang herzlich wenig bewirkt haben, versucht es Draghi nun mit weiteren Liquiditätsspritzen, wie zusätzlichen zweckgebundenen Krediten für die Banken und demnächst dem Ankauf von ABS-Wertpapieren. Außerdem scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis die EZB auch Euro-Staatsanleihen aufkaufen wird. Man dürfte bald kaum noch jemand finden, der das nicht erwartet. Fragt sich nur, ob das dann an der Börse noch irgendjemand beeindrucken wird.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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