Kolumne: Auf einen Klick

Die Streamingfans überschätzen sich

Angeblich soll die Streaming-Plattform Netflix so viel besser sein wegen ihres Englisch-Angebots. Dabei verstehen die meisten das gar nicht gut genug

Eine beliebte Raubkopierer-Rechtfertigung in Deutschland geht so: Deutsche Sender und Videoportale bieten die meisten Filme und Serien oft nur in der deutschen Synchronisation an – da war man ja als Connaisseur des englischen Sprachwitzes geradezu gezwungen, auf illegale Angebote auszuweichen! Der Mythos war nicht die einzige Selbstrechtfertigung und Selbstentschuldigung für all jene, die illegal Kopien herunterluden oder über Streamingplattformen sich anschauten.

Aber nun soll ja alles anders werden: Netflix, die angebliche Qualitätsrevolution, ist nun auch in Deutschland verfügbar. Zwar kostet sie ähnlich viel wie bereits etablierte Streaming-Plattformen, auch das Angebot an Filmen und Serien unterscheidet sich noch nicht wirklich. Aber: viele gibt es im englischen Original.

Wenigstens das müsste doch den Durchbruch für den US-Import bringen, hoffen nun viele – nachdem sich herumgesprochen hat, dass die Plattform für viele ersehnte Serien gar keine Ausstrahlungsrechte in Deutschland besitzt (etwa die HBO-Hits Sopranos oder Game of Thrones).
Doch auch diese Hoffnung dürfte sich zerschlagen. Gewiss, es wird eine Nachfrage danach geben. Aber die Nutzerzahlen werden eher übersichtlich sein. Denn tatsächlich machen sich die Verteidiger von illegalen Kopien englischer Produktionen etwas vor: Sie sind weniger als sie denken.

Ein Indiz dafür sind die Daten der Statistikseite Alexa: Die ersten Streamingseiten im Ranking für Deutschland sind Youtube und das Pornoportal Xhamster – nicht etwa bekannte illegale Portale (illegal, was den Inhalt betrifft, nicht ihre Nutzung) wie Kinox.to oder Movie4k – die kommen erst auf Platz 67 bzw. 75. Die beliebtesten Serien auf diesen Portalen wiederum sind: How I met Your Mother, Two and a Half Men, Big Bang Theory. Und zwar auf Deutsch – nicht im englischen Original. Obwohl die ohnehin in Dauerschleife auf ProSieben laufen. Und verfügbar sind auf den Bezahlportalen wie Amazon Prime Instant Video, Watchever oder Maxdome. Wo sie ebenfalls die meist gesehenen Folgen sind. Diese deutsche How-I-Big-Bang-Your-Two-and-Half-Men-Sucht wäre übrigens mal eine medienwissenschaftliche Untersuchung wert. Oder besser noch, eine massenpsychologische.

Der Grund ist: Gar nicht so viele Deutsche verstehen Englisch gut genug, um gelungene Wortwitze jenseits von „Bazinga!“ und „Fuck“ zu verstehen. Den meisten fällt das ja schon im Deutschen schwer. Bei schnell gesprochenem, vielleicht noch mit Dialekt versehenem Englisch wird das für viele unmöglich. Klar, es gibt Studenten und Studierte, die diese Sprache beherrschen. Doch selbst Könner verstehen nicht alles, sofern es nicht ihre Muttersprache ist oder sie jahrelang im Ausland gelebt haben. Diese Selbstüberschätzung der Deutschen ist nicht nur gefühlt: Laut dem jüngsten „English Proficiency Test „(auf Basis der Testergebnisse von 750.000 Erwachsenen weltweit) sprechen die Deutschen schlechter Englisch als Belgier oder Malaysier, als Österreicher und Niederländer.

Zudem: Die deutsche Bevölkerung besteht eben nicht nur aus Studierten – die Akademikerquote liegt bei rund 20 Prozent. Und schon von denen können nur ein Teil ordentliches Englisch – drei Viertel der Studenten gehen nicht einmal für ein Semester ins Ausland.

Die Wahrnehmung in manchen Kreisen ist natürlich eine andere: Da hat man schnell den Eindruck, jeder verfolgt nahezu live die aktuelle Game-of-Thrones-Staffel oder hat bereits die neueste Revenge-Folge gesehen. Dabei tritt jedoch das Peergroup-Problem auf: Freundes- und Kollegenkreis besteht selten aus einer repräsentativen Auswahl der deutschen Gesamtbevölkerung, sondern aus Menschen mit ähnlichem Bildungsgrad, ähnlichem Alter und ähnlichen Interessen. Und gerade unter Studierten erzählt man sich dann gern, wie gut man Film A oder Serie B im Original gefunden hat – obwohl man das Meiste gar nicht verstanden hat. Aber das würde nie einer zugeben. Früher hat man mit Literaturklassikern angegeben, heute mit englischen Serienepisoden. Und kann sich damit gleich ein bisschen gebildeter, weltmännischer, globalisierter vorkommen.

Gewiss, es gibt sie, die Sofortgucker, die English-Binge-Watcher, die schon am Morgen die neueste Serie nach der US-Premiere streamen und dann wiedergeben können. Aber so viele wie oft behauptet wird sind das nicht.

Nicht genug jedenfalls, um dem Newcomer Netflix zum Durchbruch zu verhelfen. Das Angebot von Orginalfassungen allein wird für das Portal nicht ausreichen, dafür braucht es noch andere Argumente. Der Preis ist es nicht – Amazon und Sky Go sind deutlich günstiger. Und auch nicht das Angebot von guten, ungewöhnlichen verdrehten Produktionen wird ausreichen, damit Netflix Millionen Kunden gewinnt. Die Deutschen gucken am liebsten nur das, was sie kennen: Tatort, Mario Barth und Big Bang Theory.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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