Kolumne: Moneytalk

Draghi zwingt Privatanleger zum Risiko

Was die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank bewirken, was der gegensätzliche Konjunkturverlauf in den USA im Vergleich zur Eurozone bedeutet, und weshalb das Referendum der Schotten die Börsen nervös macht

Hoffnungsträger für die Börsen ist und bleibt EZB-Chef Mario Draghi. Die von ihm verkündeten Maßnahmen können die Aktienkurse über mehrere Kanäle nach oben treiben. Erstens dürfte ein Teil der zusätzlichen EZB-Geldspritzen in die Aktienmärkte fließen und damit auch die Kurse stützen. Wie viel Geld das sein wird, lässt sich aber kaum vorhersagen. Zweitens: Anleihekäufe der Notenbank werden wohl die Bondrenditen noch tiefer drücken, wodurch diese Anlagealternative im Vergleich zu Aktien für Privatanleger noch unattraktiver wird. Die EZB zwingt durch ihre extreme Niedrigzinspolitik Investoren geradezu, auf der Suche nach halbwegs vernünftigen Renditen auf risikoreichere Anlagen zu setzen.

Drittens: Mit ihrer jüngsten Leitzinssenkung auf 0,05 Prozent und der beschlossenen Liquiditätsausweitung sorgt die EZB dafür, dass das Gefälle der kurzfristigen Zinsen zwischen der Eurozone und den USA größer wird. Deshalb fließt mehr Kapital Richtung Amerika, was den Dollar stärker und den Euro schwächer werden lässt. Genau dieser Effekt wird von der EZB angestrebt, weil man sich davon positive konjunkturelle Wirkungen verspricht, aber auch höhere Einfuhrpreise, was deflatorische Risiken mindert. Eine bessere Konjunktur käme natürlich den Unternehmen zugute und damit auch den Aktienmärkten. Zudem begünstigt ein schwächerer Außenwert des Euro die Aktiennotierungen, weil er die in ausländischer Währung erzielten Exporterlöse und Gewinne der Firmen in Euro erhöht.

Die Frage ist allerdings, ob die Amerikaner einer so offen angestrebten Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar lange tatenlos zusehen werden. Im Moment mögen US-Regierung und Notenbank Fed dies wegen der gut laufenden Konjunktur noch hinnehmen. Das muss aber nicht so bleiben, insbesondere wenn es Anzeichen geben sollte, dass es in der amerikanischen Wirtschaft doch nicht so rund läuft. Gut möglich, dass sich die Fed dann mehr Zeit mit Zinserhöhungen lässt als dies momentan an den Märkten erwartet wird.

Es scheint, die Regierungen der Euro-Mitgliedstaaten wollen nicht darauf verlassen, dass die Geldpolitik den gemeinsamen Währungsraum wieder auf Wachstumskurs bringt. Sie wollen sich nun mit höheren Investitionen gegen die anhaltende Konjunkturschwäche stemmen. Polens Finanzminister Mateusz Szczurek hat kürzlich vorgeschlagen, einen EU-Investitionsfonds einzurichten, aus dem Infrastrukturprojekte in Höhe von 700 Milliarden Euro finanziert werden. Dumm nur, dass die europäischen Staaten klamm sind und ihnen deshalb das Geld fehlt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Zwar drängen vor allem Frankreich und Italien darauf, den Stabilitäts- und Wachstumspakt flexibler anzuwenden – sprich: längere Zeit hohe Budgetdefizite zu fahren. Das allein bringt aber noch kein Geld für zusätzliche staatliche Investitionsausgaben in die Kasse, da die Budgets bereits auf Kante genäht sind.

Daher wollen die Finanzminister die Unternehmen dazu bringen, mehr zu investieren. Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Kollege Michel Sapin planen, das durch die Finanzkrise in Verruf geratene Instrument der Kredit-Verbriefungen neu zu beleben, um privates Kapital anzulocken. Vermutlich wird es darauf hinauslaufen, dass die EZB die so entstehenden Wertpapiere aufkauft und der Gegenwert den investitionswilligen Unternehmen zufließt. Ob das dazu führt, dass Investitionen und Konjunktur wieder richtig Fahrt aufnehmen, darf aber bezweifelt werden. Denn an billigem Geld fehlt es in der Eurozone keineswegs. Was die Unternehmen von Investitionen abhält sind die Risiken, die mit den politischen Krisen zu tun haben – beziehungsweise die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Unsicherheit ist für das Investitionsklima nun mal Gift.

Ein Ende des Russland-Ukraine-Konflikts ist nicht abzusehen, obwohl es zwischendurch immer wieder mal Entspannungssignale gibt. Vor wenigen Tagen traten weitere Sanktionen gegen Russland in Kraft, die sich vor allem gegen den Rüstungs-, Energie- und Finanzsektor richten. Man kann nur hoffen, dass sie Russland zum Einlenken bringen, sicher ist das aber keineswegs. Klar ist dagegen, dass hier zu Lande viele kleine und mittlere Firmen, die einen großen Teil ihrer Geschäfte mit Russland machen und nicht einfach auf andere Märkte ausweichen können, in ihrer Existenz bedroht sind.

Dreht sich die Sanktionsspirale weiter, ist kaum vorstellbar, dass die Investitionen in Deutschland und der Eurozone insgesamt anspringen. Nachdem die Euro-Wirtschaft im Frühjahr lediglich stagnierte, besteht sogar die Gefahr, dass sie in eine Rezession abgleitet. Zumal nun auch von einer Seite Ungemach droht, die von den Finanzmärkten lange gar nicht ernst genommen wurde – von der Abstimmung der Schotten beziehungsweise den möglichen Folgen, falls sie für die Unabhängigkeit stimmen.

Denn wichtige Fragen sind völlig ungeklärt: Welche Währung hätte ein unabhängiges Schottland? Wie würden die Vermögenswerte des Vereinigten Königreichs auf England und Schottland aufgeteilt, wie die Schulen? Man muss schon extrem optimistisch sein, wenn man glaubt, dies werde alles ohne Reibereien über die Bühne gehen. Was geschieht mit der EU-Mitgliedschaft? Schottland wäre wohl nicht automatisch EU-Mitglied, obwohl die Schotten EU-freundlicher sind als die Engländer. Demgegenüber wäre ein Großbritannien ohne Schottland eher noch EU-feindlicher als bisher und könnte Brüssel und den anderen EU-Mitgliedern möglicherweise noch mehr Zugeständnisse abringen als in der Vergangenheit, zumindest dann, wenn Angela Merkel und Co. das Land unbedingt in der EU halten wollen. Das Referendum der Schotten am Donnerstag könnte die Finanzmärkte also durchaus bewegen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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