Ukraine

Ist die Ukraine noch zu retten?

Der Waffenstillstand ist brüchig, die politische Situation in Kiew fragil – wovon es abhängt, dass sich die Lage in Europas Krisengebiet Nummer eins wieder stabilisiert

Russlands Präsident Wladimir Putin soll seinen damaligen ukrainischen Amtskollegen Viktor Janukowitsch bereits Ende 2013 gewarnt haben, dass er hart durchgreifen werde in der Ukraine. Das behauptet zumindest der gewöhnlich gut informierte Abgeordnete Gennadij Moskal. Der ehemalige Vize-Geheimdienstchef der Ukraine ist gut vernetzt und gut informiert. Janukowitsch jedenfalls habe die Drohung ernst genommen und daraufhin den europäischen Kurs des Landes aufgegeben.

Seine Flucht nach Russland drei Monate später löste ein Machtvakuum in Kiew aus, verunsicherte die Sicherheitskräfte und die ohnehin geschwächte Armee der Ukraine. Die Gunst der Stunde nutze der Kreml sofort aus und spielte das offenbar von langer Hand vorbereitete Szenario der Krim-Übernahme durch. Die reibungslose Besetzung der Halbinsel ohne Blutvergießen und die lasche Reaktion des Westens haben wohl selbst die Machtinhaber in Moskau überrascht.

Russische Siedler im Donbass, die dort in in der zweiten und dritten Generation leben, fremdelten schon seit langem mit dem ukrainischen Staat. Verunsichert durch Fehltritte einiger Politiker der dritten Reihe und berauscht von der russischen Fernsehpropaganda, glaubten sie an einen föderalen Neuanfang. Einflussreiche ostukrainische Oligarchen wie Rinat Achmetow erpressten Kiew mit der Separatistenbewegung, um nach dem Sturz Janukowitschs, ihres Patrons, ihre Macht und ihre undurchsichtigen Geschäftspraktiken bewahren zu können.

Die Ostukrainer verkannten, dass nicht sie, sondern Putin der wahre Spieler in der Ost-Ukraine ist. Nur Putin in seinem großrussischen Wahn kann den Gang der Geschichte in ihrer Heimat bestimmen. In großem geopolitischen Poker nimmt er keinerlei Rücksicht mehr auf menschliche Verluste auch in den eigenen Reihen. Das Wohl der Bevölkerung und der Erhalt der Infrastruktur im Donbass interessieren ihn schon gar nicht.

Wo die Russland-Sympathisanten hineingeraten sind, merken sie jetzt erst. Da sie sich aber weiterhin aus dem russischen Staatsfernsehen informieren, sehen sie nicht, dass ausgerechnet Mütterchen Russland das Leid in ihre Heimat gebracht hat. Ganz nach Orwell: Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!

Sicher, die Ostukrainer wollten die Grenzen des russischen „Schlaraffenlandes“ auf ihre Regionen ausweiten, aber doch nicht dafür in den Krieg ziehen. Deswegen fanden russische Diversanten wie Igor Girkin viel zu wenig kampfbereite Freiwillige unter der Donbass-Bevölkerung.

Ohne die Schwächung Russlands, das sich rasant in ein großes Nordkorea verwandelt, wird eine Rückkehr der besetzten Gebieten zur Ukraine kaum möglich sein. Ihr Präsident Petro Poroschenko wird schmerzhafte Zugeständnisse machen müssen, damit die Welle der Gewalt nicht weitere Landesteile überrollt.

Seine Regierung steht vor gewaltigen Herausforderungen. Sie ist gezwungen, die knappen Ressourcen des Landes für einen Krieg und die Beseitigung der Kriegsfolgen aufzubringen. Viel hängt davon ab, welche politischen Kräfte nach den Wahlen am 26.Oktober ins Parlament einziehen. Wird die ukrainische Führung die dringend notwendigen wirtschaftlichen und politischen Reformen durchführen können? Schafft sie es, die Korruption auf allen Ebenen wirksam und nachhaltig zu bekämpfen? Schafft sie es, die Wirtschaft des Landes wieder zu beleben?

Die Menschen in der West- wie in der Ostukraine wollen im Grunde das gleiche: ein glückliches friedliches Leben, gute Arbeit und soziale Sicherheit. Sie werden diese Krise meistern und einen Ausweg finden. Hoffentlich werden sie auf diesem Weg nicht ganz auf sich allein gestellt sein.

Maxim Sergienko, Foto- und Videojournalist und Multimedia-Producer in Hamburg, ist geboren und aufgewachsen in der Ukraine. Seit 1992 lebt er in Deutschland. Vier Jahre war er Researcher und Autor bei der “Financial Times Deutschland”, neun Jahre lang Bildredakteur.

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