Kolumne: Moneytalk

Putin vergrößert Draghis Sorgen

Drei Themen halten Börsianer hier zu Lande derzeit in Atem: der Ukraine-Russland-Konflikt, die Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone und die Geldpolitik. Das Vertrackte an der Sache ist, dass man sie nicht unabhängig voneinander sehen kann, sondern dass sie eng miteinander zusammenhängen

Im Fall der Ukraine muss man sich fragen, worauf Russlands Präsident Wladimir Putin letzten Endes eigentlich hinaus will. Offensichtlich befürchtet er, dass sich in den früheren Sowjetrepubliken – und die Ukraine ist sicherlich eine der wichtigsten für Putin – demokratische Bewegungen ausbreiten, die diese Länder Richtung Westen ausrichten und dem Einfluss Moskaus entziehen. Um das zu verhindern, ist er bestrebt, dort entweder Politikern an die Macht zu verhelfen, die treu zu Russland stehen – oder wenn das nicht möglich ist, das Land zu destabilisieren. Letzteres ist ihm in der Ukraine zweifellos gelungen. Jüngste Äußerungen des russischen Präsidenten, man müsse über den staatlichen Status der Südostukraine sprechen, lassen sich so interpretieren, dass er eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew anstrebt.

Die Eskalation des Konflikts in den vergangenen Tagen wird aller Voraussicht nach weitere Sanktionen des Westens gegenüber Russland nach sich ziehen. Darauf wird Moskau zweifellos mit neuen Gegensanktionen antworten. Zwar kann man unterstellen, dass die unmittelbaren ökonomischen Folgen der Sanktionen für die Wirtschaft Eurolands gering sind, wenngleich die Meinungen in diesem Punkt auseinandergehen. Problematischer sind jedenfalls die indirekten Konsequenzen. Sie lassen sich an konjunkturellen Frühindikatoren ablesen, zum Beispiel dem ifo-Geschäftsklima für Deutschland. Das ist inzwischen vier Monate in Folge gesunken, was üblicherweise auf eine kommende Rezession hindeutet. Nachdenklich muss zudem stimmen, dass erstmals seit langem das Konsumklima in Deutschland schlechter geworden ist. All das weist darauf hin, dass die Unternehmen in nächster Zeit weniger investieren und die Verbraucher weniger konsumieren werden.

Fatal ist, dass die konjunkturelle Erholung der Eurozone schon bislang alles andere als dynamisch verlief. Oder anders ausgedrückt: Bereits eine leichte Verschlechterung der Konjunktur reicht aus, um Euroland wieder in eine Rezession zu drücken. Damit wird das Thema Eurokrise wieder aktuell: In Italien schrumpft die Wirtschaft seit zwei Quartalen, in Frankreich stagniert sie. Kein Wunder, dass die Steuereinnahmen spärlich fließen und die Staatsverschuldung weiter steigt. Die Budgetdefizite bleiben ebenfalls hoch, die EU-Vorgaben können nicht eingehalten werden.
Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls hat gerade signalisiert, dass Paris 2015 erneut die Latte für das Haushaltsdefizit reißen wird – und verlangt mehr Zeit für den Abbau des Fehlbetrags. Unterstützung erhalten die Franzosen durch den italienischen Premier Matteo Renzi, der fordert, den Wachstums- und Stabilitätspakt flexibler zu handhaben. Flexibel heißt natürlich, dass die Defizite weiter ausufern und die ohnehin hohe Staatsverschuldung weiter steigt.

Vermutlich werden Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble weiterhin betonen, wie wichtig es ist, nicht vom Reformkurs abzuweichen. Das wird sie aber vermutlich nicht davon abhalten, Frankreich und Italien entgegenzukommen und einem späteren Abbau der Defizite zuzustimmen. Wie das auf Dauer an den Finanzmärkten ankommt, bleibt abzuwarten. Das Vertrauen in die Politik und den Euro dürfte es jedoch kaum stärken.

Die konjunkturellen Schwächesignale bereiten offensichtlich den Verantwortlichen in der EZB erhebliche Sorgen, zumal die kaum noch steigenden Verbraucherpreise im Euro-Währungsgebiet EZB-Chef Mario Draghi beunruhigen. Schmiert die Konjunktur nun vollends ab, wird eine Deflation noch wahrscheinlicher. Befindet sich eine Wirtschaft aber erst einmal in einer Phase sinkender Preise, ist es erfahrungsgemäß schwer, aus der Abwärtsspirale wieder herauszukommen. Vor diesem Hintergrund nehmen die Rufe, insbesondere aus den USA, mehr und mehr zu, die EZB solle endlich dem Vorbild der Notenbanken in Amerika, Japan und Großbritannien folgen und eine Geldpolitik des Quantitative Easing (QE) betreiben. QE heißt vor allem, in großem Stil Staatsanleihen der Euro-Staaten aufzukaufen und auf diese Weise die langfristigen Zinsen zu senken und noch mehr Liquidität in die Märkte zu pumpen.

Im Grunde rennen die Amerikaner da offene Türen ein. Denn Draghi hat längst klar gemacht, dass die Pläne für Anleihekäufe in der Schublade liegen und im Notfall hervorgeholt werden. Nach entsprechenden Andeutungen vor einer Woche beim Treffen der Notenbanker im amerikanischen Jackson Hole könnte der eine oder andere Anleger darauf spekulieren, dass es schon beim nächsten EZB-Treffen am 4. September so weit ist. Vermutlich täuschen sie sich, doch dürfte Draghi die Fantasie weiter anheizen, dass es über kurz oder lang so weit sein wird.

Was heißt das nun alles für die Aktienmärkte? Ob der Trend in nächster Zeit eher nach oben oder unten weist, hängt wahrscheinlich in erster Linie davon ab, ob für die Investoren die Aussicht auf noch mehr billiges Notenbankgeld im Vordergrund steht oder die Furcht vor einer Rezession. Dominiert der Liquiditätsaspekt, kann es beim DAX durchaus Richtung 10.000 Punkte gehen. Setzen sich Rezessionsängste und die Erwartung sinkender Unternehmensgewinne durch, drohen Kursverluste. Sicher ist eigentlich nur eines: Meldungen aus der Ukraine und aktuelle Konjunkturdaten werden die Notierungen in den nächsten Wochen weiterhin kräftig schwanken lassen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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