Terrorismus

Terroristen – Made in Europe

Im Falle islamistischer Rückkehrer vertrauen wir alle darauf, dass die Sicherheitsbehörden Anschläge verhindern können. Doch wer sich darauf verlässt, ist schon verlassen

Ich hab’s getan, mir dieses schreckliche Video angeschaut, das die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley – zumindest ansatzweise – zeigt. Ein Zeugnis der unglaublichen Blutlust völlig verrohter Menschen, denen offenbar nichts, aber auch rein gar nichts mehr in einem angeblich heiligen Krieg heilig ist.

Vielleicht musste ich mir auch deshalb das Grauen mit eigenen Augen anschauen: Um zu begreifen, wozu Menschen in der Lage sind, die ansonsten in bloßen Textnachrichten gesichtslos bleiben. Wie viele Verbrechen dieser Art bleiben unterhalb der Wahrnehmungsschwelle europäischer Beobachter, wenn es keine Bilder gibt? Und ich gehe weiter: Welche Verbrechen bleiben unterhalb der Wahrnehmungsschwelle europäischer Beobachter, wenn Opfer und Täter nicht westlich sind?

Dass das Opfer US-Amerikaner war, ist nun die Strategie der IS-Mörder: eine Strafaktion gegen das große ideologische Feindbild Amerika. Dass der Täter offenbar britischen Ursprungs ist, rückt die Aktion näher an Europa ran. Eine perfide Drohung der IS-Terroristen: Seht her, wir kommen aus Euch, und seht her, wir kommen vielleicht auch wieder zurück zu Euch. Die Warnung mag als perfider PR-Trick geplant sein, der die Wirkung in den europäischen Bevölkerungen sicherlich nicht verfehlt. „Wir müssen uns auf die Möglichkeit von Anschlägen in Europa einstellen“, verkündete Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg-Maaßen kürzlich. Klar, dass hierbei die Sicherheitspolitik sofort – und ja auch richtigerweise – in den Mittelpunkt rückt.

Dennoch, wir dürfen uns nicht damit begnügen, erneut nur die Maschinerie der Sicherheitspolitik in Gang zu setzen (sie ist natürlich längst im Gange). Was nahezu fehlt, ist eine grundlegende Debatte darüber, wie wir gemeinsam die Radikalisierung vornehmlich junger Männer stoppen. James Foleys Mörder mit Londoner Akzent dürfte doch Warnung genug sein, dass der Islamismus, den die IS-Milizen in ihren schwarzen Kutten im Irak und in Syrien in blutrünstigen Terror ummünzen, eben kein ferner Konflikt mehr ist, der uns nichts angeht.

Und das geht nur, wenn wir alle begreifen, dass die Jungs und wenigen Mädels, die in die Islamistenausbildungslager fahren, unsere Jungs und Mädels sind. Made in Europe sozusagen. Ganz gleich, ob sie einen palästinensischen, marokkanischen oder deutschen Abstammungshintergrund haben.

Wenn sie auf Reisen sind, ist es schon fast zu spät, aber nur fast. Fakt ist aber, dass wir als Gesellschaft viel früher präventiv gegen den Radikalisierungswahn dieser Gruppen vorgehen müssen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie die nimmermüden sogenannten Islamkritiker abwinken und von Prävention nichts wissen wollen. Zu blauäugig. Zu teuer. Warum bloß noch Geld in die Hand nehmen für Probleme, die wir uns importiert haben?

Das aber wäre grundfalsch und würde nur zeigen: Nur wer begreift, dass gewalttätige Islamisten aus Deutschland unser hausgemachtes Problem sind, kann effektiv etwas gegen die radikalisierten Rückkehrer aus IS-Lagern machen.

Die Ansätze zur Prävention sind kein Allheilmittel, und auf den ersten Blick wirken sie nahezu banal. Vielleicht sind sie es auch. Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten. Aber immer steht am Anfang eine Debatte, und die müsste in Deutschland endlich breit und in der Bevölkerung geführt werden: Wie können wir etwas gegen die Radikalisierung mancher unserer Jugendlichen tun? Wie lösen wir ein Problem, wie lösen wir UNSER Problem?

Ein paar Ansätze:
– Die Gesellschaft muss deutlicher Hass ächten, egal ob er in religiöser oder sonstiger ideologischer Sprache daherkommt. Vor allem im Netz finden sich die Kommunikationskanäle gewaltbereiter Islamisten. Können wir ihnen im Netz auch etwas entgegensetzen? Kreieren wir eine Kultur, die es nicht hinnimmt, andere in die Ecke zu stellen! Das fängt bei uns zuhause an und darf sich nicht auf politische Sonntagsreden beschränken.
– Wir sollten alle gründlich nachprüfen, ob wir die Muslime wirklich als normalzugehörig zu Europa empfinden und dementsprechend behandeln. Wer sich abgelehnt fühlt, wird möglicherweise in die Arme radikaler Bauernfänger getrieben. Islamistische Gruppierungen versprechen Halt und Stärke – ein besonders attraktives Paket für „heimatlose“ Jugendliche, die nach Struktur und Selbstvertrauen lechzen. Islamistische Gruppen sind in dieser Hinsicht mit rechtsradikalen Gruppierungen zu vergleichen, die gestrauchelten Jugendlichen Halt und Selbstwertsteigerungen anbieten.
– Lasst uns offensiv die Moscheegemeinden in Deutschland mit einbinden, auch wenn die oft fremd und konservativ sind. Dort sitzen die Eltern von Kindern, die drohen, in die Radikalisierung abzurutschen. Diese Eltern brauchen unsere Hilfe, weil sie selbst oft verzweifelt sind, wie sie ihre Kinder schützen können. Es gibt erste „runde Tische“ von muslimischen Eltern, die das Abrutschen ihrer Kinder in den Terrorsumpf befürchten. Sie brauchen Unterstützung, mindestens aber unser Interesse.
– Nehmen wir ordentlich Steuergeld in die Hand für Präventivprogramme, die sich lohnen, weil sie spätere Kosten im Anfang verhindern.

Mit dem letzten Punkt meine ich nicht unbedingt die Hotline, bei der aussteigewillige Islamisten anrufen können (die wird nach wie vor wenig frequentiert), sondern Projekte wie das deutsche „Hayat“ in Berlin. Das berät und coacht Angehörige von radikalisierten Jugendlichen – mit Erfolg. Die Mitarbeiter kennen die Tricks, mit denen die Ausbilder in den Islamisten-Camps versuchen, die Jugendlichen von ihren Familien abzukoppeln. Und sie munitionieren die Familien in diesem Kampf um den Einfluss auf den Sohn oder die Tochter, etwa vor Skype-Gesprächen oder Chatunterhaltungen. Am effektivsten aber wirken derlei Beratungsangebote bei jungen Leuten, deren Abrutschen in die Szene droht, aber noch nicht gänzlich abgeschlossen ist.

Über „Hayat“ wird übrigens schon im Ausland berichtet. Auf einer Debattenseite der „New York Times“ wird auf das Projekt hingewiesen, in England soll derzeit ein ähnliches Projekt entstehen. Das ist sicherlich spät, aber noch nicht zu spät. Wie die deutsche Extremismusexpertin Claudia Dantschke völlig richtig einschätzt, muss der Radikalismus schon im Entstehen bekämpft werden, weil es sonst extrem schwierig ist, ideologisch gefestigte Islamisten wieder zurückzuholen. Und vor allem: Er muss international bekämpft werden. Es wäre ein wichtiger Schritt, ein europaweites Netzwerk im Sinne „Hayats“ zu installieren, das der in Englisch verbreiteten Islamisten-Propaganda im Netz wirksam etwas entgegenzusetzen hätte.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt.

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