Kolumne: Moneytalk

Warum der Euro schwächelt

Europas Einheitswährung verliert gegenüber dem Dollar an Stärke. Wer darunter leidet, wer davon profitiert – eine Analyse

Das „No“ Schottlands hat  Auswirkungen, die auf längere Sicht positiv für die Märkte sein sollten. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien in der EU bleibt. Das ist der Fall, weil die Schotten EU-freundlicher eingestellt sind als die Engländer – und das Gewicht des Landes innerhalb des UK gestärkt wird. Premier David Cameron hat bereits angekündigt, die Eigenständigkeit der UK-Mitgliedsländer zu fördern. Außerdem hätte die Loslösung vom United Kingdom Unabhängigkeitsbewegungen in anderen europäischen Staaten, etwa in Spanien und Belgien, weiteren Auftrieb gegeben. Das hätte ohnehin bestehende Spannungen zwischen Zentralregierungen und Regionen in diesen Ländern weiter verschärft. Möglicherweise hätten sich die Anleger über kurz oder lang auch gefragt, warum ein so heterogenes Gebilde wie die Europäische Währungsunion auf Dauer bestehen soll, wenn sogar die seit 300 Jahren relativ gut funktionierende Union zwischen England und Schottland zerbricht.

Der für Großbritannien günstige Ausgang des Referendums hat dazu geführt, dass das britische Pfund wieder an Wert gewonnen hat, nachdem es zuvor unter „Scheidungsängsten“ gelitten hatte. Ganz anders sieht es beim Euro aus. Die Gemeinschaftswährung hat nach der überraschenden Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) auf 0,05 Prozent und der Ankündigung, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen, vor allem gegenüber dem Dollar spürbar an Wert eingebüßt. EZB-Vertreter, allen voran Notenbankchef Mario Draghi, haben signalisiert, dass ihnen ein schwächerer Euro durchaus gelegen komme. Er soll der flauen europäischen Konjunktur auf die Beine helfen und gleichzeitig deflatorischen Tendenzen entgegenwirken.

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass der Abwärtstrend beim Euro anhält, insbesondere der gegensätzliche Kurs der Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks. Während die EZB vor dem Start von Quantitative Easing (QE) steht – also dem massiven Ankauf von Wertpapieren –, beendet die US-Notenbank Fed im Oktober ihr QE3-Programm. Gleichzeitig ist an Leitzinserhöhungen im Euroraum vorerst nicht zu denken, während für Fed-Beobachter klar ist, dass in den USA der Leitzins spätestens Mitte 2015 angehoben wird. Die Zinsdifferenz wird sich also zu Gunsten des Dollars ausweiten, was dem Greenback weiteres Aufwärtspotenzial beschert.

Die Perspektive eines schwächeren Euros könnte den Aktien von Unternehmen Auftrieb geben, die einen großen Umsatzanteil in Ländern aufweisen, deren Handel in Dollar abgewickelt wird, beziehungsweise in Währungen, die eng an den Dollar gekoppelt sind (wie China). Nach Berechnungen der Commerzbank erzielen DAX-Unternehmen im Durchschnitt rund 37 Prozent ihrer Umsätze in solchen Ländern. Allerdings werden die positiven Effekte der Euro-Abwertung durch zwei in die andere Richtung wirkende Einflüsse gebremst. Erstens: Produziert eine Firma auch in diesen Ländern, fallen zugleich Produktionskosten in Dollar an. Zweitens: Viele Unternehmen sichern sich zumindest teilweise gegen Wechselkursschwankungen ab. Das schützt vor Wechselkursverlusten, verhindert aber auch Wechselkursgewinne. Nach Einschätzung der Commerzbank-Analysten sollten besonders DAX-Gesellschaften wie Lanxess, Infineon, Bayer, Linde und BMW vom schwachen Euro profitieren.

Die Frage ist allerdings, ob die Fed einer kräftigen Aufwertung des Dollars lange tatenlos zusehen wird. Vergangene Woche freuten sich Börsianer darüber, dass die Fed Ängste zerstreute, sie könne die Zinsen möglicherweise früher erhöhen als bislang erwartet. Zwar plädierten bei der September-Sitzung des Offenmarktausschusses einzelne Fed-Mitglieder für eine schärfere Gangart. Doch Fed-Chefin Janet Yellen betonte, die Zinsen werden auch nach dem Ende von QE3 noch „für eine beträchtliche Zeit“ niedrig bleiben. Sie fügte aber hinzu, dass die Zinswende maßgeblich von der wirtschaftlichen Entwicklung Amerikas abhänge. Die wird natürlich auch durch den Außenwert des Dollars beeinflusst.

So dämpft ein starker Dollar tendenziell die Einfuhrpreise – und damit auch die Preisentwicklung in den USA. Schon im August ist die Inflationsrate mit 1,7 Prozent niedriger ausgefallen als erwartet und hat sich vom Fed-Inflationsziel, das bei 2,0 Prozent liegt, entfernt. Geht diese Entwicklung weiter, würde das der Fed Spielraum verschaffen, die Zinswende noch weiter in die Zukunft zu verschieben. Solange die US-Konjunktur prima läuft, besteht dazu freilich keine Veranlassung. Die jüngsten Frühindikatoren, zum Beispiel der Philadelphia Fed Index, wiesen jedenfalls auf eine weiter expandierende US-Wirtschaft hin. Volkswirte rechnen damit, dass das Wirtschaftswachstum Amerikas für das zweite Quartal von – aufs Jahr hochgerechnet – 4,2 Prozent auf 4,6 Prozent nach oben revidiert wird.

Von solchen Raten können wir im Euroraum nur träumen. Nun wollen die G20, also die 20 größten Industrie- und Schwellenländer, das globale Wachstum bis 2018 um zwei Prozent über das hinaus steigern, was bisher absehbar ist. Wie das angesichts klammer Staatshaushalte erreicht werden soll, bleibt abzuwarten. Die Hoffnung wird wohl weiterhin primär auf den Notenbanken liegen. Zentralbankgeld lässt sich schließlich unbegrenzt schaffen, zumindest in der Theorie. Blöd ist nur, wenn es die Banken selbst zum Zins von praktisch null nicht mehr haben wollen. Genau das konnte man gerade beobachten: Die Banken der Eurozone nahmen das in der vergangenen Woche gemachte Angebot der EZB zur Aufnahme zweckgebundener langfristiger Kredite weit weniger in Anspruch als vom Markt erwartet.

Man darf nun gespannt sein, ob die Banken bei der nächsten Tranche kräftiger zulangen oder sich wieder zurückhalten. Sollte die Geldnachfrage dann erneut deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben, spräche das dafür, dass die Banken nicht in ausreichendem Maße Chancen sehen, das viele EZB-Geld in Form von Krediten an die Realwirtschaft weiterzugeben. Einerseits hindert wahrscheinlich viele Banken fehlendes Eigenkapital daran, neue Darlehen anzubieten, andererseits dürfte es wegen der mauen Konjunktur in Euroland und den geopolitischen Risiken an der nötigen Investitions- und Kreditnachfrage der Unternehmen mangeln.

Mit anderen Worten: Im Moment ist zweifelhaft, ob die extrem expansive Geldpolitik der EZB wirklich zu einer konjunkturellen Belebung in der Eurozone führt. Sollte sich an der Börse die Meinung durchsetzen, dass Draghis Liquiditätsspritzen lediglich zu Spekulationsblasen an den Finanzmärkten führen, wird es mit der Aktienhausse bald vorbei sein.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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