Kolumne: Mein Held der Woche

Aufgewacht, Hans-Olaf Henkel?

Der frühere BDI-Chef hat sich auf AfD-Ticket ins Europaparlament wählen lassen. Ein knappes halbes Jahr später fällt ihm plötzlich auf, dass mit seiner Partei etwas nicht stimmt. Guten Morgen

Das Europaparlament ist eine feine Sache. Als Abgeordneter bekommt man ordentliche Diäten, ein paar Mitarbeiter sowie tiefe Einblicke in das wirtschaftliche und politische Geflecht Europas. Und offenbar eine Menge Distanz zur eigenen Partei.

Anders sind jedenfalls die Äußerungen kaum zu erklären, die Hans-Olaf Henkel, seit einem knappen halben Jahr Europaabgeordneter mit AfD-Parteibuch, neuerdings von sich gibt. Auf AfD-Parteitagen gehe es mitunter so wirr zu, erzählte er der „Zeit“, und „ich schäme mich in Grund und Boden“. Zudem bevölkerten „Ideologen, Goldgräber, Karrieristen“ die Partei. Und im „Spiegel“ echauffierte sich Henkel über „Unvernünftige, Unanständige und Intolerante in unseren Reihen“.

Tja, wer hätte das gedacht? Gerade einmal elf Monate ist es her, dass Henkel der AfD, dem Shootingstar der deutschen Parteienszene, beigetreten ist. Und irgendwer muss sich in dieser Zeit massiv verändert haben. Aber wer? Henkel? Die Partei?

Die Auflösung: Henkel. Denn die Partei ist sich treu geblieben. Sie ist schon seit ihrer Gründung ein Sammelbecken notorisch unzufriedener Querulanten, die sich mit extraordinärer Leidenschaft gegenseitig befehden und auch gerne mal das rechtsradikale Wort pflegen. Für Henkel kann das alles nicht überraschend kommen. Das war hier zu lesen. Und hier. Oder auch hier.

Falls es nicht die Abgehobenheit des Parlamentarierdaseins war – was hat dann zu Henkels Meinungswandel geführt?

Vielleicht hat er früher ausschließlich auf die Anti-Euro-Politik der AfD geguckt und den rechtschauvinistischen Rest großzügig übersehen; so soll es ja etlichen AfD-Wählern ergehen.

Vielleicht wollte Henkel auf seine alten Tage einfach auch mal in irgendeinem Parlament sitzen, und da die FDP für solche Zwecke untauglich geworden ist, ist er eben zur AfD gegangen; inhaltlich aber stand  er ihr nie sonderlich nahe.

Oder aber Henkel ist aufgefallen, dass es im Europaparlament Internet gibt und er hat dann doch mal nachgelesen, was in den letzten beiden Jahren so über seine Partei publiziert wurde.

Aber egal. Wir freuen uns jedenfalls, dass Hans-Olaf Henkel nunmehr aufgewacht ist. Lieber spät als nie.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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