Kolumne: Moneytalk

Das Warten auf den Schock

Der Internationale Währungsfonds fürchtet, dass selbst kleine Erschütterungen Euroland in eine Rezession stürzen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies eintritt, ist angesichts der globalen Risiken groß

Während sich das Oktoberwetter bisher ungewöhnlich mild präsentiert, zeigt sich das Börsenklima eher von seiner ungemütlichen Seite. Der DAX ist binnen drei Wochen um elf Prozent auf knapp 8.800 Punkte gefallen – und ist damit wieder da angekommen, wo er vor etwa einem Jahr stand. Das Dumme ist, dass der Trend damals nach oben zeigte und jetzt steil nach unten. Mit dem kräftigen Rückgang hat der deutsche Leitindex wieder einmal bestätigt, dass er besonders konjunktursensibel ist.

„Weiche“ Indikatoren wie Einkaufsmanagerindizes oder Geschäftsklima sind schon seit Monaten schwach. Doch nun enttäuschen auch „harte“ Daten. So fielen die vergangene Woche veröffentlichten August-Zahlen für den Auftragseingang der deutschen Industrie, die Industrieproduktion und die Exporte wesentlich schlechter aus als erwartet. Das schockte die Börsianer und trieb die Aktienkurse nach unten.

Geschürt wird der Pessimismus am Aktienmarkt derzeit auch dadurch, dass Prognosen für das Wirtschaftswachstum gleich reihenweise nach unten revidiert werden. Zwar hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Vorhersage für das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2014 und 2015 nur um jeweils 0,1 Prozentpunkte reduziert, auf 2,6 und 3,2 Prozent. Die Ökonomen des IWF äußerten sich aber besorgt über die Wirtschaftslage in Europa und besonders über die Konjunkturabkühlung in Deutschland. Sie rechnen für das laufende Jahr nur noch mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent, einen halben Prozentpunkte weniger als noch im Juli.

Das erwartete schwächere Wachstum in Deutschland hängt sicherlich auch damit zusammen, dass der Aufschwung in den Schwellenländern nicht mehr so dynamisch läuft wie in den vergangenen Jahren. Schließlich gehören diese zu den wichtigsten Abnehmern deutscher Produkte. Dabei kommt China, immerhin zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und lange Zeit Wachstumslokomotive Nummer eins, eine zentrale Rolle zu. Das Handelsvolumen Deutschlands mit China beträgt rund 140 Milliarden Euro pro Jahr.

Ungeachtet aller bestehenden Wachstumsrisiken halten Regierung und Bank von China die Gefahr einer „harten Landung“ der chinesischen Wirtschaft für gering. Viele Volkswirte sehen das skeptisch und warnen vor allem vor einer Preisblase am Immobilienmarkt, die platzen könnte. Das würde Ausfälle bei Baukrediten nach sich ziehen und Banken ins Wanken bringen. Wenn Peking dennoch an der BIP-Prognose von 7,5 Prozent für dieses Jahr festhält, scheint das schon sehr ambitioniert. Andererseits: Ihre Statistik haben die Chinesen im Griff, wenn sie 7,5 Prozent Wachstum ausweisen wollen, dann werden sie das schaffen.

Die Frage ist, ob das der hinkenden Konjunktur in Euroland auf die Beine hilft. Der IWF sieht die Situation jedenfalls kritisch: Lag die Rezessionswahrscheinlichkeit für die Währungsunion vor einem halben Jahr bei 20 Prozent, soll sie heute bei knapp 40 Prozent liegen. Schon ein kleinerer negativer Schock könnte deshalb eine Rezession auslösen. Und Risiken für einen negativen Schock bestehen angesichts der derzeitigen Fülle an globalen Krisen reichlich.

Immerhin könnte sich der Ukraine-Russland-Konflikt entspannen, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin den Abzug von 17.000 Soldaten von der Grenze zur Ukraine angekündigt hat. Andererseits ist damit die Krise noch nicht beendet – und auch der Kampf gegen Ebola und gegen die Terrormiliz des „Islamischen Staats“ (IS) sowie die Proteste in Hongkong halten die Märkte weiter in Atem.

Lange glaubten die Anleger, die Europäische Zentralbank (EZB) werde mit ihrer lockeren Geldpolitik schon dafür sorgen, dass die Konjunktur in der Eurozone in Schwung komme. Schließlich hat die US-Notenbank Fed vorgemacht, wie das geht. Inzwischen macht sich jedoch mehr und mehr Ernüchterung breit. Das viele billige Geld kommt einfach nicht in der Realwirtschaft an – und den Investoren dämmert, dass es demzufolge für die Unternehmen schwer wird, ihre Gewinne zu steigern. Wenn also die Gewinne sich den vorausgeeilten Aktienkursen nicht anpassen, müssen sich die Aktienkurse den zurückbleibenden Firmengewinnen anpassen, also sinken. Genau das war zuletzt der Fall.

Nachdem die weltweiten Krisen den hiesigen Unternehmen die Investitionslaune und den Verbrauchern die Konsumlaune verderben, richten sich die Hoffnungen nun verstärkt darauf, dass ein schwächerer Euro den Ausfuhren zugutekommt und von dieser Seite die Konjunktur und die Börse stützt. Im Laufe der vergangenen Monate hat der Euro gegenüber dem Dollar rund acht Prozent an Wert verloren, gegenüber dem chinesischen Yuan sogar gut zehn Prozent. Dadurch werden Waren und Dienstleistungen aus Euroland auf dem Weltmarkt billiger und somit wettbewerbsfähiger.

Fragt sich nur, ob es der Rest der Welt einfach so hinnimmt, dass sich der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt auf diese Weise aus dem Sumpf ziehen will. Schließlich erwirtschaftet die Eurozone schon heute einen Leistungsbilanzüberschuss von gut zwei Prozent des BIP. Dazu trägt Deutschland mit dem weltweit höchsten außenwirtschaftlichen Überschuss maßgeblich bei. Kein Wunder, dass überall im Ausland, beim IWF und – was bis vor kurzem undenkbar schien – gar von deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten gefordert wird, Deutschland müsse mehr für seine Binnenkonjunktur tun. Beispielsweise hat der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, gerade die Bundesregierung aufgefordert, ihr Ziel aufzugeben, im kommenden Jahr ohne Neuverschuldung auszukommen.

Sollte die Talfahrt des Euro weitergehen, könnte das dazu führen, dass andere Länder sich unfair behandelt fühlen und ebenfalls versuchen, den Wechselkurs ihrer Währungen zu drücken. Gleichzeitig nimmt in einer solchen Konstellation die Gefahr zu, dass die eine oder andere Regierung zu Handelsbeschränkungen greift, die bei anderen Regierungen Gegenmaßnahmen provozieren. Und schon ist der Währungs- und Handelskrieg voll im Gange.

Optimisten setzen darauf, dass es nicht soweit kommt. Denn die Welt arbeitet daran, die globalen Krisen zu entschärfen. Sobald sich hier Erfolge abzeichnen, dürfte sich die momentan trübe Stimmung aufhellen und der Trend bei den Frühindikatoren nach oben drehen. Dann dürfte auch in Euroland die expansive Geldpolitik positiv auf die Konjunktur wirken. Bis es soweit ist, sollten sich Börsianer allerdings auf harte Zeiten einstellen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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