Kolumne: Moneytalk

Die Börse spinnt

Die Börsen scheinen verrückt zu spielen. Rational zu begründen sind die heftigen Kursschwankungen, die im Oktober zu beobachten waren, jedenfalls nicht. Was sind die Ursachen?

Aktienanalysten und Marktstrategen sind mit Erklärungen natürlich immer schnell bei der Hand. Diesmal müssen primär Konjunkturängste dafür herhalten, dass sich Investoren massenhaft von Aktien getrennt haben und der DAX zwischenzeitlich 17 Prozent unter seinem bisherigen Jahreshoch lag, bevor es zu einer Gegenbewegung der Kurse kam. Vermutlich haben auch viele Privatanleger verkauft, weil sie angesichts des kräftig fallenden Marktes Panik ergriff – also den altbekannten Fehler begangen haben, sich prozyklisch zu verhalten.

Wie verunsichert und nervös die Börsianer sind, zeigt sich an den enormen Schwankungen der Notierungen. Sie werden durch die sogenannten „Angstindizes“ gemessen und zeigen, dass die kurzfristigen Ausschläge nach oben und unten so hoch sind wie zuletzt im Krisensommer 2012. Vergangene Woche wurde die Furcht vor einer von der Eurozone ausgehenden, sich weltweit auswirkenden Konjunkturschwäche durch einige überraschend schwache Zahlen aus Amerika geschürt. So lagen der US-Einzelhandelsumsatz und der Empire State Manufacturing Index deutlich unterhalb der Markterwartungen. Etwas beruhigt wurden die Pessimisten kurz darauf jedoch dadurch, dass die Industrieproduktion und der Philadelphia-Fed-Index besser ausfielen als von Analysten vorausgesagt.

Diejenigen, die für Euroland und besonders für Deutschland schwarz sehen, konnte das allerdings kaum trösten. Der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen ist zum zehnten Mal in Folge gefallen und erstmals seit November 2012 wieder negativ. Nach Internationalem Währungsfonds (IWF), Wirtschaftsforschungsinstituten und Bankenvolkswirten hat nun auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für die größte Volkswirtschaft der Eurozone gesenkt.

Man könnte sagen, aus der Euro-Staatsschuldenkrise ist inzwischen eine Euro-Konjunkturkrise geworden. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, weil es ja keine neue Erkenntnis ist, dass die Wirtschaftsentwicklung sich unter Schwankungen vollzieht. Ökonomen nennen das Konjunkturzyklus. Das Fatale ist jedoch, dass die finanzpolitischen Spielräume für konjunkturstimulierende Maßnahmen in den großen Euro-Staaten heute nahezu null sind, von Deutschland mal abgesehen. Die Länder, die wollen, können nicht. Und diejenigen, die könnten, wollen nicht. Finanzminister Wolfgang Schäuble macht jedenfalls nicht gerade den Eindruck, als würde er von seinem Lieblingsprojekt der schwarzen Null im Bundeshaushalt abrücken – trotz maroder Brücken und Straßen hier zu Lande, die nach öffentlichen Investitionen schreien.

Möglich, dass in Frankreich und Italien dennoch die eine oder andere Milliarde locker gemacht wird, um so etwas wie ein Konjunkturpaket zu schnüren. Das würde dann neue Schulden bedeuten – und ein erhöhtes Risiko, dass sich zur Konjunkturkrise erneut die Staatsschuldenkrise gesellt. Das kann übrigens auch passieren, wenn es kein Konjunkturpaket gibt. Denn die von den Regierungen in der vergangenen Woche für das Haushaltsjahr 2015 der Europäischen Kommission vorgelegten Haushaltspläne zeigen, dass die Defizitvorgaben in mehreren Ländern so oder so nicht eingehalten werden. Beispielsweise planen Frankreich und Portugal ein höheres Budgetdefizit als im Frühjahr vereinbart. Möglicherweise sind die Haushaltspläne schon bald Makulatur, weil sie sich als zu optimistisch herausstellen. Das gilt vor allem für die zugrunde gelegten Wachstumsprognosen, etwa Frankreichs und Italiens, deren Volkswirtschaften sich irgendwo zwischen Stagnation und Rezession bewegen.

Akzeptiert Brüssel die rosarot eingefärbten Haushaltspläne ohne Änderungen, käme das an den Finanzmärkten wohl schlecht an. Zumal sich die Sorgen um die Euro-Randstaaten im Moment ohnehin wieder verstärken und deren Staatsanleihe-Renditen zuletzt nach oben trieben. Das gilt besonders für Griechenland, für das man politische Turbulenzen fürchten muss, sollte es demnächst zu Neuwahlen kommen. Bedenken hegen Anleger auch gegenüber dem Plan der Griechen, das internationale Rettungsprogramm vorzeitig zu beenden – und damit die Kontrolle der Troika aus IWF, EU-Kommission und EZB abzuschütteln.

All das dürfte EZB-Chef Mario Draghi wenig gefallen. Dabei gibt es schon genügend andere Baustellen, die ihm Unbehagen bereiten. Die Kreditvergabe der Banken kommt nicht in Schwung, obwohl die EZB die Banken mit Liquidität überschüttet, die globalen Krisen verunsichern Unternehmen und Verbraucher. Wie soll da die Konjunktur in Europa wieder Fahrt aufnehmen? Hinzu kommt, dass die Deflationsgefahr offenbar immer größer wird. Zumindest weisen Indikatoren in diese Richtung, zum Beispiel die sogenannten marktbasierten Inflationserwartungen, die vergangene Woche weiter zurückgegangen sind.

Dieser Rückgang ist zum Teil auf den Ölpreis zurückzuführen, der sinkt und sinkt, obwohl man angesichts der globalen Konflikte und Kriege das Gegenteil erwarten könnte. Offensichtlich schlägt sich auch beim Öl die mäßige Konjunktur in einer schwächeren Nachfrage nieder – und das bei steigender Ölproduktion in den USA und bei einer OPEC, die sich weigert, ihre Förderung zu kürzen. Um das Deflationsgespenst zu vertreiben, startet die EZB in Kürze ihre umstrittenen Wertpapier-Käufe und dürfte über kurz oder lang auch Euro-Staatsanleihen ankaufen.

Vor lauter Konjunkturangst und sorgenvollen Blicken in Richtung Ukraine, Naher Osten sowie zunehmender Beunruhigung wegen der Ausbreitung von Ebola geriet die angelaufene Unternehmens-Berichtssaison für das dritte Quartal bisher zur Nebensache. Dabei haben von den bislang berichtenden S&P 500-Unternehmen drei Viertel die Gewinnprognosen der Aktienanalysten übertreffen können. Das ließ die Börsianer aber weitgehend kalt – vielleicht weil sich die Investoren sagten, dass die Zahlen ja ohnehin nur die Vergangenheit widerspiegeln und die Zukunft düster aussehe, oder weil sie auf noch bessere Ergebnisse als von Analysten vorausgesagt gehofft hatten.

Vermutlich werden Börsianer in den kommenden Wochen weiterhin gute Nerven brauchen. Ein Trost ist für so manchen Anleger, dass der traditionell schlechte Börsenmonat Oktober in gut einer Woche überstanden ist. Da die Stimmung der Investoren in den vergangenen Wochen einen kräftigen Dämpfer erhalten hat, besteht hier wieder Luft nach oben. Das heißt auch: Eine Jahresendrally ist keineswegs ausgeschlossen. Voraussetzung: Die Anleger blicken nicht nur auf negative Nachrichten, sondern nehmen auch wieder positive Meldungen zur Kenntnis.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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