Kolumne: Moneytalk

Die Lage ist besser als die Stimmung

Der Oktober ist seinem Ruf als schlechter Börsenmonat wieder einmal gerecht geworden. So ist der DAX von rund 9.400 Punkten zu Beginn des Monats auf 8.400 Zähler Mitte Oktober abgestürzt, um anschließend wieder auf etwa 9.000 Punkte zu steigen. Gleichzeitig zeigte der Index an manchen Tagen Schwankungen, die bei einigen Investoren regelrechte Schwindelgefühle erzeugt haben. Zeit, die Lage einmal nüchtern zu betrachten

Die jüngste Kurserholung war vor allem Konjunkturdaten zu verdanken, die besser ausfielen als erwartet. Sie trugen dazu bei, dass die Ängste, die Wachstumsschwäche Europas könnte die Weltwirtschaft in eine Rezession reißen, vorübergehend abklangen. So konnte sich der Einkaufsmanagerindex für die Industrie in der Eurozone im Oktober erstmals nach langer Talfahrt wieder erholen. Aus China kamen ebenfalls überraschend positive Nachrichten. Dort stieg sowohl die Industrieproduktion im September stärker als von Analysten vorausgesagt, als auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal, das 7,3 Prozent höher lag als vor Jahresfrist. Vor diesem Hintergrund belastete der stärker als erwartet fallende Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie die Aktienmärkte kaum, zumal sich der Rückgang auf hohem Niveau vollzog.

Auch in dieser Woche blicken die Börsianer mit Spannung auf die anstehenden Konjunkturzahlen. Dabei kam es am Montag bereits zum ersten Dämpfer, als das ifo-Institut den Geschäftsklimaindex für Oktober bekanntgab. Denn während am Markt von einer Stabilisierung des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers ausgegangen worden war, fiel dieses erneut kräftig, von 104,7 Punkten im September auf nunmehr 103,2 Punkte. Somit hat sich die Stimmung in der hiesigen Wirtschaft den sechsten Monat in Folge verschlechtert. Die Führungskräfte in Deutschlands Unternehmen schätzen aktuell sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate schlechter ein als zuletzt. Verunsichert durch zahlreiche Krisen, etwa in der Ukraine und im Nahen Osten, haben in den vergangenen Wochen viele Wirtschaftsexperten ihre Wachstumsprognosen deutlich nach unten revidiert. Die Börse reagierte überaus verschnupft auf den Rückgang des ifo-Index, der DAX büßte binnen einer Stunde fast 100 Punkte ein.

Nun sollte man bei einer schlechten Monatszahl nicht gleich die Rezession ausrufen und bei einer guten nicht gleich den Aufschwung. Wie stellen sich nüchtern betrachtet die wirtschaftlichen Perspektiven derzeit wirklich dar? In der größten Volkswirtschaft der Welt, den USA, macht der Arbeitsmarkt Fortschritte und stützt den privaten Verbrauch, der für die US-Konjunktur traditionell von überragender Bedeutung ist. Hinzu kommen positive Vermögenseffekte auf Grund der seit fünf Jahren steigenden Aktienkurse und des sich erholenden Immobilienmarkts. Zwar weiß niemand, wie nachhaltig diese Kurs- und Preisanstiege sind. Tatsache ist aber, dass sich viele Amerikaner dadurch reicher fühlen und demzufolge wieder verstärkt shoppen gehen.

Nur eingefleischte Pessimisten fürchten, die US-Notenbank Fed werde das lebhaftere Wachstum der heimischen Wirtschaft zum Anlass nehmen, die geldpolitischen Zügel stark zu straffen – und damit den Aufschwung auszubremsen. Tatsächlich dürfte die Fed diese Woche bei der Sitzung des Offenmarktausschusses verkünden, dass Sie ihr Quantitative-Easing-Programm diesen Monat beendet. Diese Entscheidung wird der Markt voraussichtlich gelassen aufnehmen, weil das exakt dem Plan der Fed entspricht und damit von den Anlegern längst eingepreist ist. Befürchtungen, die Fed könnte in absehbarer Zeit so restriktiv werden, dass sie die Konjunktur abwürgt, sind aber schlichtweg übertrieben. Man könnte sagen, die Geldpolitik der Amerikaner schaltet von extrem expansiv auf sehr expansiv um – und selbst das äußerst behutsam. Zumal Fed-Chefin Janet Yellen und ihre Kollegen stets betonen, dass sie jederzeit wieder Gas geben können, wann immer sie das für nötig halten. Wie wichtig ein hohes Wirtschaftswachstum der Fed ist, hat sie in den vergangenen Jahrzehnten oft genug bewiesen.

Was China betrifft, scheinen die Ängste vor einem massiven Konjunktureinbruch ebenfalls übertrieben. Immer wieder warnen Ökonomen vor dem Platzen einer Immobilienblase im Reich der Mitte. Doch obwohl die Umsätze und Preise bei Wohnimmobilien dort längst sinken, kam es weder zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft, noch des Bankensystems. Natürlich schwächt sich Chinas Wirtschaftswachstum ab, was aber nach Jahrzehnten zweistelliger Expansionsraten nur normal ist. Mit gut sieben Prozent kann es sich noch immer sehen lassen.

Wenn man sich um eine Region Sorgen machen muss, dann am ehesten um die Eurozone. Hier ist die ohnehin zaghafte Erholung im Sommer weiter ins Stocken geraten. Dafür gibt es allerdings durchaus stichhaltige und nachvollziehbare Erklärungen. Die wichtigste ist natürlich der anhaltende Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, der eine Sanktionsspirale nach sich zog, unter der europäische Exporteure ungleich stärker leiden als beispielsweise amerikanische. Wen wundert es da, dass Unternehmen ihre Investitionen einschränken? Eine weitere Ursache für das niedrige konjunkturelle Tempo diesseits des Atlantiks ist der Euro, der lange Zeit überbewertet war und der Exportindustrie der Euro-Staaten das Leben schwer machte.

Mittlerweile hat sich der Euro gegenüber dem Dollar von knapp 1,40 im Frühjahr auf rund 1,27 abgewertet. Das hat europäische Waren auf den Weltmärkten preislich wettbewerbsfähiger gemacht, was sich über kurz oder lang positiv auf Absatz und Gewinne der Firmen auswirken sollte. Außerdem hat die Europäische Zentralbank (EZB) auf die schwachen Konjunkturdaten reagiert und ein expansives Maßnahmenpaket nach dem nächsten geschnürt. Noch ist davon in der Realwirtschaft wenig zu spüren. Doch das könnte sich demnächst ändern.

Denn die EZB hat jetzt die mit Spannung erwarteten Ergebnisse des Fitness-Checks für die europäischen Banken veröffentlicht. Die Notenbanker haben die Bilanzen der Banken ein Jahr lang intensiv geprüft und in einem Stresstest auf ihre Widerstandsfähigkeit im Falle einer erneuten Krise untersucht. Wichtigstes Resultat ist, dass die großen Banken in Europa überwiegend gut gerüstet sind, um eine solche Krise zu überstehen. Zwar bezeichnen Kritiker wie ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Tests als zu lasch. Dennoch ist zumindest die Unsicherheit aus dem Markt, dass die eine oder andere große Bank ein Systemrisiko darstellt. In der EZB hofft man, dass die Banken schon bald wieder mehr Kredite an die Wirtschaft vergeben und so die Konjunktur in Schwung bringen.

Solange allerdings Frühindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima nicht nach oben drehen, werden die Börsianer nervös und die Volatilität des DAX hoch bleiben. Dabei sprechen die erwartete durchschnittliche Dividendenrendite der DAX-Unternehmen von 3,5 Prozent für 2015 und ein Kursgewinnverhältnis von 11,4 durchaus für höhere Notierungen, insbesondere angesichts der mickrigen Zinsen hier zu Lande.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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