Kolumne: Auf einen Klick

Ermittelt gegen die Medien!

Nicht nur im Bundestag wird die Rentenversicherung lauter Scheinselbstständige finden, sondern sicher auch in vielen Redaktionen – dabei schaden sich die Unternehmen mit den vielen Freien nur selbst

Für etablierte Redaktion hätte diese jüngste Meldung ein Fest sein müssen: Die Rentenversicherung, so konnten sie dieser Tage berichten, verlangt vom Bundestag Millionen an Nachzahlung, weil Fremdenführer im Parlament scheinselbstständig angestellt sind. Das heißt, sie sind nicht als Angestellte bezahlt und eingestellt, obwohl sie so arbeiten.

Eigentlich ein Skandal: Ausgerechnet das Parlament, das jahrelang über prekäre Arbeitsverhältnisse und den Mindestlohn diskutiert, unterläuft die selbst aufgestellten Gesetze.

Aus rein journalistischer Sicht hat die Geschichte eigentlich alles, um Rücktritte zu produzieren. Es gibt klare und abbildbare Opfer, es gibt klare und abbildbare Täter, es geht um das Geld der Steuerzahler.

Befangen bei der Berichterstattung

Und dennoch hat die Story medial nicht so recht gezündet. Und das könnte einen einfachen Grund haben: Viele Medien – Print, Online und Rundfunk – machen es genauso. Sie leben von der Scheinselbstständigkeit. Kaum eine Redaktion kommt ohne so genannte Feste Freie aus. Das sind Kollegen, die neben normalen Redakteuren sitzen, in Schichten arbeiten, Meldungen redigieren, im Dienstplan eingeplant werden, Weisungen erteilt bekommen. Feste Freie – der Widerspruch steckt schon in der Bezeichnung.

Wie groß das Ausmaß bei jedem Medium konkret ist, darüber sind keine verlässlichen Zahlen zu erhalten. Man hört nur viele, sehr viele beunruhigende Geschichten von Bekannten und Ex-Kollegen. Ein Indiz kann aber die „Financial Times Deutschland“ (FTD) geben. Als sie vor zwei Jahren dicht gemacht wurde, sammelten und organisierten sich ihre Freien, denn sie mussten plötzlich feststellen: Auch wenn sie teilweise so lange wie viele Redakteure bei der FTD beschäftigt waren, eine ähnliche Arbeit ausübten – eine Kündigungsfrist oder gar Abfindung durften sie nicht erwarten. Rund 60 von ihnen organisierten sie in der Schließungsphase, um zu protestieren und – nicht zuletzt – mit nachträglichen Klagen zu drohen. Am Ende zahlte Gruner+Jahr ihnen eine gewisse Entschädigung. Freiwillig, wie der Verlag betonte, ohne Eingeständnis von Fehlverhalten oder Anerkenntnis der Scheinselbstständigkeit. Als wenn Unternehmer freiwillig Geld hergeben, wenn sie es nicht müssen. Nur zur Einordnung: 60 Freie bei knapp 300 Beschäftigten, das ist rund ein Fünftel.

Nun arbeiteten längst nicht alle Freien nur für die FTD. Manche hatten tatsächlich noch andere Auftraggeber. Das war aber die Minderheit. Die Mehrheit dürfte sich für ein Fester-Freier-Verhältnis entschieden haben, weil es oft die einzige Möglichkeit ist, als Journalist zu arbeiten – und davon zu leben. Klar, man bekommt Brutto zunächst mehr heraus, für Laien klingen Tagessätze von 150 Euro nach viel Geld. Oft sind Spesen selbst zu bezahlen. Das aber muss man alles selbst versteuern, sozialversichern, es gibt kein Krankengeld und kein Urlaubsgeld, schon gar kein Weihnachtsgeld. Von Altersvorsorge, Arbeitsplatzsicherheit oder Kündigungsschutz ganz zu schweigen. Dafür muss man selbst vorsorgen. Was aber selten klappt. Die Kosten muss deshalb später die Allgemeinheit bezahlen, über Steuermittel und höhere Sozialversicherungsbeiträge.

Freie sind nur scheinbar frei und billiger

Diese Freiheit von Nebenkosten macht die Freien scheinbar attraktiv für die Verlage. Sie müssen ihre Stellenplanungen nicht nach dem Bedarf richten, sondern lagern Dienste an Freie aus, die man jederzeit wieder los wird. Eine langfristige Personalplanung ist nicht nötig. Freienhonorare könnte man ja von heute auf morgen kürzen, bei Stellen geht das nicht so einfach. Und für Ressortleiter ist der Einsatz von Freien eine Möglichkeit, die anfallende Arbeit erledigt zu bekommen, ohne beim Verlag oder beim Chefredakteur um die nötigen Stellen betteln zu müssen.

Natürlich wissen sie alle um das Problem der Scheinselbstständigkeit. Sie hoffen sich damit zu retten, indem sie ihnen Email-Adressen geben, in denen „Extern“ steht. Oder sie unterbrechen zwangsweise die Beschäftigung für einen Monat, um bei etwaigen Klagen dokumentieren zu können, dass die Anstellung nicht kontinuierlich war.

Tatsächlich schaden sich die Redaktionen damit selbst. Zum Einen, weil die Arbeit ja doch gemacht werden muss, die Freien also unverzichtbarer sind, als es ihre Bezeichnung suggeriert. Zum Anderen aber, weil sie damit die eigene Qualität senken. Wer sich nicht fest binden mag, kann keine Loyalität und keine Opferbereitschaft vom anderen erwarten.

Verlage und Sender vor sich selber schützen

Ein Freier hat natürlich ebenso jederzeit die Möglichkeit, von heute auf morgen seinem Auftraggeber den Rücken zuzukehren. Dieser muss dann einen geeigneten, stresserprobten Nachfolger finden, aufwändig suchen, ihn anlernen oder ansonsten Ausfälle verkraften. Bei Angestellten gibt es dagegen Kündigungsfristen, die den Übergang planbar machen. Es ist ja eine Chimäre, dass einmal eingestellte Beschäftigte schwer wieder los zu bekommen sind. Das Arbeitsrecht gestattet zahlreiche Möglichkeiten der Befristung, ansonsten trennt man sich per Auflösungsvertrag – den viele, mangels Rechtsschutzversicherung – auch akzeptieren.

Die Rentenversicherung sollte daher nicht nur den Bundestag oder die Bundesregierung durchleuchten, sondern auch die Medien. Um sie in die Pflicht zu nehmen und die Allgemeinheit zu entlasten. Vor allem aber: Um den Verlagen, Rundfunkanstalten, Sendern und Unternehmen damit einen Gefallen zu tun.

Dann können diese schließlich wieder frei über Politikskandale berichten, ohne eigene Betroffenheit befürchten zu müssen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Er war Kommentarredakteur und Betriebsrat bei der „Financial Times Deutschland“.

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