Kolumne: Mein Held der Woche

Genial gemacht, Helmut Kohl

Der Altbundeskanzler ist ein ganz gewiefter PR-Profi. Obwohl er seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher hat, schafft er es auch noch auf das Cover des „Spiegel“

Bin mal wieder zum Kiosk gegangen. Habe Helmut Kohl getroffen. War das ein Hallo.

16 Jahre ist es her, dass er Kanzler war. Und dennoch sitzt er da, mitten auf dem Cover des „Spiegel“. Schaut so missmutig drein wie immer dann in seinen 16 Regierungsjahren, wenn er aufs Cover des Nachrichtenmagazins musste. Das muss man erst einmal schaffen: Eine halbe Generation nach dem Abtritt, in einer Zeit, in der ihm in Geschichtsbüchern als Kanzler der Einheit gehuldigt wird, schafft er es auf die Titelseite eines aktuellen Magazins.

Wie schrieb doch ein gewisser Rudolf Augstein 1990 über ihn: „Chapeau, Kanzler!“

Was ist passiert? Wurde die deutsche Einheit rückgängig gemacht? Hat irgendein Historiker endlich Kohls noch größere Verdienste um die europäische Einigung erkannt? Hat der Altkanzler die Namen der Spender genannt, die er seit anderthalb Jahrzehnten eisern verschweigt?

Nö. Kohl hat bewiesen, dass er sich hervorragend auf Eigen-PR versteht.

Es war ein wenig ruhig um ihn geworden. Öffentliche Auftritte sind aus gesundheitlichen Gründen rar. Die beiden Söhne mosern im Moment nicht mehr öffentlich über ihren Vater. Und die Kapriolen der Neugattin halten sich ebenfalls in Grenzen; ist ja auch kaum noch jemand da, den sie noch verprellen könnte.

Nun plötzlich das „Spiegel“-Cover, und alle Welt redet über ihn. Wie hat er das geschafft?

Helmut Kohl mag keine Journalisten, zumindest keine außer „Bild“-Chef Kai Diekmann. Als „Ratten und Schmeißfliegen“ hat er sie zwar – anders als Franz-Josef Strauß – nie bezeichnet, aber gerade die Hamburger Medienmafia („Spiegel“, „Stern“, „Zeit“) verabscheut er. Dennoch hat er sich jahrelang zum Plaudern mit einem Journalisten getroffen, mit Heribert Schwan vom WDR, dem „Rotfunk“ (O-Ton Kohl). Das war clever von Kohl, denn am glaubwürdigsten sind immer diejenigen vom anderen politischen Ufer.

Noch cleverer war, dass er ihm das erzählte, worüber Journalisten am liebsten schreiben: Er lästerte über Parteifreunde. Über die Frau, die „nicht mit Messer und Gabel essen“ konnte und heute Kanzlerin ist. Über sie „Null“, die später kurz Bundespräsident war. Und auch über Richard von Weizsäcker, heute die Ikone unter den Bundespräsidenten.

Lästern allein reicht aber noch nicht, um es als 84-jähriger Ex-Politiker aufs „Spiegel“-Cover zu schaffen. Das machen viele Politiker. Auch der soignierte von Weizsäcker konnte in Hintergrundgesprächen mit Journalisten wunderbar über Helmut Kohl ablästern. Und Christian Wulff war, wenn er seine Spitzen gegen Angela Merkel abschoss, alles andere als der nette Schwiegersohn.

Also musste etwas Drama her, um die Verbalinjurien gegen die Parteifreunde besser vermarkten zu können. Kohl verklagte den Ghostwriter Schwan auf Herausgabe der Tonbänder, auf denen seine Beleidigungen verewigt waren, was ein Gericht naturgemäß billigte. Schwan aber wäre kein richtiger Journalist, wenn er a) nicht Abschriften der Bänder hätte und b) sie nicht als Buch herausbringen würde. Schwan ist ein richtiger Journalist, und so gibt es seit dieser Woche das Buch, den Vorabdruck des Buches im „Spiegel“, das Kohl-Cover und jede Menge Gesprächsbedarf in Sachen Kohl.

Kohl muss das einfach haarklein über Jahre so geplant haben, als ganz großer PR-Stratege in eigener Sache. Und falls es nicht genau so geplant war – dann ist ihm etwas ganz schlimm aus dem Ruder gelaufen.

Andreas Theyssen, Autor und PR-Berater in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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