Kolumne: Grenzgänger

German Reise-Angst

Die Deutschen mögen es gerne sicher. Auch deshalb überzieht das Auswärtige Amt die Welt mit Sicherheitshinweisen. Vollkasko-Mentalität und Fernreisen vertragen sich aber nicht

Den verstorbenen Weltenbummler Peter Scholl-Latour zog zuletzt nichts mehr in sein geliebtes Indochina. Zu viele Touristen, zu viele Backpacker, zu viele sogenannte Individualreisende, die zwar ihr Abenteuer suchen, aber bitte eines mit Rundumsorglospaket. Er fuhr dann lieber nochmal in den Tschad (laut Auswärtigem Amt mit einer „Teilreisewarnung“ belegt) – wenige Monate vor seinem Tod.

Nun muss wahrlich keiner Scholl-Latours Vorliebe für Kriegsgebiete teilen, um eine erfüllte Reise zu erleben. Und Thailand, Kambodscha, Laos und Vietnam sind tatsächlich mittlerweile ziemlich sicher zu bereisen. Für alle Beteiligten – vor allem die Bevölkerungen – bedeutet das seit den Indochina-Kriegen eine enorme Verbesserung. Wer will das beklagen? Bestimmt keiner.

Handtaschenraub in Laos
Dennoch werden selbst diese Länder vonseiten des Auswärtigen Amtes mit einer Vielzahl an absurden Sicherheitshinweisen überzogen. Da ist im Falle Laos‘ zum Beispiel von der Gefahr von Handtaschendiebstahl die Rede. Ja gut, das stimmt natürlich, so wie das immer stimmt in jeder Gesellschaft der Welt, und erst recht in einem Staat, in dem das Pro-Kopf-Einkommen der Menschen nur einen Bruchteil des Einkommens eines durchschnittlichen Mitteleuropäers ausmacht.

Befürworter einer Vollkasko-Mentalität beim Thema Reisen könnten anmerken, dass die Sicherheitshinweise per se ein gutes Angebot des Auswärtigen Amtes seien, weil sie Reisenden das Leben erleichterten. Stimmt. Es stimmt aber auch, dass die Reise- und Sicherheitswarnungen des deutschen Außenministeriums die Welt mittlerweile zu einem Hort potentieller Gefahren stempeln, völlig übertrieben und oft maßlos. Mit der Folge, dass manche Ziele ins Blickfeld von Reisenden geraten, für die der sichere Pool in einem Hotelkomplex vielleicht doch die bessere Lösung wäre. Zudem werden Klischees über ferne Ziele veröffentlicht, die zwar stimmen mögen, aber eben nur ein Teil der Wahrheit sein können. Nur, die anderen Teile der Wahrheit werden – das liegt in der Natur der Sache – nicht erwähnt.

Die erlebt man ausschließlich als Reisender, nur zwei Beispiele von vielen: Als ich in Nordindien meine Spiegelreflexkamera in einem Restaurant liegen ließ, lief mir der Wirt einen Kilometer hinterher, um sie mir zu bringen. Als ich in Albanien aus Versehen zu viel Geld zahlen wollte, weil ich mich mit der Währung noch nicht gut auskannte, korrigierte mich der Verkäufer sofort und gab mir das überschüssig gezahlte Geld zurück. Einzelfälle? Nein, zwei Beispiele für meinen Gesamteindruck nach vielen Fernreisen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich über einen längeren Zeitraum die Seite des Auswärtigen Amtes angeschaut und festgestellt: „Klickte man einen von rund 40 ausgewählten Staaten in Nahost, Afrika oder Asien an, erhielt man wochenlang die jeweils lautende Information, es bestünde dort ein erhöhtes Risiko, Opfer von Anschlägen und Entführungen zu werden. Das galt nicht nur für Länder, in denen es in jüngster Zeit Entführungen gab und die sowieso von Urlaubern gemieden werden wie etwa Niger, Mali und Mauretanien – sondern auch für beliebte Reiseziele wie Ägypten, Marokko, Thailand, Indonesien, Jordanien und Kenia.“ In den entsprechenden Foren werden Marokko-Reisen zum Beispiel mittlerweile stark diskutiert – also ob dieses klassische, auch für Individualreisende hervorragend zu erkundende Ziel mit Mali oder Mauretanien zu vergleichen wäre. Die Angst vor islamistischem Terror fährt nun schon zum Surfen nach Agadir mit.

Pauschale Terrorwarnungen
Inzwischen sind die regionalen Sicherheitshinweise durch weltweite ergänzt worden. Was die Sache noch undifferenzierter macht: Der weltweite Sicherheitshinweis auf die Terrorgefahr durch islamistische Gruppierungen wie den selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) wird sogar recht prominent auf der Seite über Kambodscha verlinkt: Dabei muss sich kein Kambodscha-Tourist vor Entführungen durch irgendwelche „IS“-Terroristen fürchten. Das Bild vom Islam als Sicherheitsrisiko wird so nur unnötig verschärft, was erst recht unverständlich ist, wenn man bedenkt, dass die kambodschanischen Muslime lange Zeit verfolgt wurden, also Opfer, nicht Täter waren. Legt man derart schwammige Kriterien an, dann sollte Deutschland unbedingt auf der Liste sicherheitsgefährdender Reiseziele stehen: In einem freien Land ist keiner vor Anschlägen gefeit. Aber: Sie kommen zum Glück extrem selten vor, in Deutschland – das muss man bei aller Hysterie um Salafisten ja betonen -, hat es bislang keinen einzigen schwerwiegenden Terroranschlag gegeben.

Bloße Sicherheitshinweise sind von den Reisewarnungen zu unterscheiden. Reisewarnungen sind Appelle, unter keinen Umständen in dieses oder jenes Land zu reisen. In den überwiegenden Fällen sind diese Appelle sinnvoll, weil es sich um aktuelle Kriegsgebiete handelt wie Libyen, Syrien oder Irak. In der Vergangenheit zählte auch Nordkorea dazu, was wiederum nicht unbedingt verständlich war: Denn abgesehen davon, dass man keine Bibel im Hotelzimmer liegen lassen sollte und keinen Fisch ins Zeitungspapier mit dem Konterfei Kim Jong-uns einwickeln sollte, reist es sich fast nirgendwo sicherer als in einer Diktatur, in der Reisenden per se staatliche Aufpasser an die Seite gestellt werden. Dass auch bei Nordkorea der weltweite Terrorhinweis auf „IS“ nötig ist, erscheint besonders absurd.

Sicherheitshinweise sind sinnvoll, wenn sie maßvoll und zielgenau eingesetzt werden. Am Beispiel Israel und Palästina zeigt sich, wie das geht: Vor Reisen in den Gaza-Streifen wird völlig zu Recht gewarnt. Sicherheitshinweise regen zu Obacht in Jerusalemer Straßenbahnen oder der Altstadt an und warnen vor Krawallen. Im vergangenen Jahr bin ich mit meiner Frau an der Stadtmauer der Jerusalemer Altstadt in einen Krawall geraten, als palästinensische Jugendliche mit Steinen und Feuerwerkskörpern auf die Polizei losgingen, die auf berittenen Pferden gegen die meist jungen Männer vorging. Das sah martialisch aus, ist aber Teil der Jerusalemer Wirklichkeit.

Leitbild des unmündigen Pauschalreisenden
Jeder vernünftige Reisende, der sich mit seinem Ziel im Vorfeld beschäftigt, bereitet sich auf derlei Vorfälle vor. In der Situation sollte man dann eher weggehen und sich nicht aus lauter Neugier ins Getümmel werfen – ja, bitte, das ist doch klar und sollte Grundlage für jeden vernünftigen Reisenden sein. Oder pflegt das Auswärtige Amt lieber ein Menschenbild des unmündigen Pauschalreisenden? Im Westjordanland waren wir auch entsprechend vorsichtig, haben andererseits vor Ort erleben können, dass vieles von außen gefährlicher aussieht als es ist: Das größte Problem dort ist die mangelhafte Beschilderung auf den Straßen, so dass wir am falschen Ende ausgekommen sind und plötzlich an der jordanischen Grenze standen.

So ist es mir meistens auch in anderen Ländern wie Nordkorea oder dem Maghreb ergangen. Und so ergeht es vermutlich den meisten Fernreisenden. Angst haben eher diejenigen, die ausschließlich nahe Ziele kennen und bereisen (das ist die berühmte Katze, die sich in den Schwanz beißt: Aus Angst reisen manche nicht zu ferneren Zielen. Aus Unkenntnis vertiefen sich dann allerdings auch die Vorurteile gegen ferne Ziele).

War die Welt vor 50 Jahren sicherer? Natürlich nicht. Kriegs- und Krisenkonflikte haben sich aber verschoben, was eine Binsenweisheit ist: Reisen durch Europa, auf dem Balkan, den meisten ehemaligen Sowjetrepubliken sind viel einfacher geworden. Etliche afrikanische Staaten (nehmen wir die Ebola-Staaten aktuell aus) sind sicherer geworden, ebenso südamerikanische Länder, deren staatliche Behörden mittlerweile mehr für Sicherheit sorgen können als das noch zu den Hochzeiten der Drogenkartelle möglich war.

Andere Weltregionen sind unsicherer geworden: Afghanistan zieht auf unabsehbare Zeit wohl keine Backpacker mehr an. Syrien, vor wenigen Jahren noch von Travellern gelobt ob der wunderbaren Städte und der freundlichen Menschen, ist No-Go-Area geworden. Der Iran hingegen gilt mittlerweile als sehr sicheres (lohnendes ohnehin) Reiseland. Das wird sich auch weiterhin verschieben und verändern, wie zu allen Zeiten.

Es ist gut, dass sich das Auswärtige Amt bemüht, diese großen Konfliktherde zu benennen, und für Touristen entsprechende Warnungen herausgibt. Bei den Sicherheitshinweisen sollte es allerdings die Kirche im Dorf lassen: Was hätte Peter Scholl-Latour über die Handtaschenraubgefahr in Laos gesagt? Er hätte wohl gelacht und das als sein kleinstes Problem benannt.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“, ist dankbar für die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes. In den Sicherheitshinweisen entdeckt er so manche Anregung für eine lohnende und spannende Reise. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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