Kolumne: Mein Held der Woche

Hmmm, Präsident Erdogan

Die Türkei hat die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ lange gehegt und gepflegt. Nun hat sie ihr den Krieg erklärt. Ein Widerspruch? Nein, Recep Tayyip Erdogan ist sich nur treu geblieben

Sie werden es ganz sicher nicht verstehen. Aber, ehrlich gesagt, machen Sie es einem auch nicht immer ganz leicht, Recep Tayyip Erdogan. Sie werden auch das nicht verstehen, aber wir versuchen dennoch, es zu erklären.

Als sie vor gefühlt 38,3 Jahren als türkischer Premierminister antraten, waren Sie ein Reformer. Sie brachten die Wirtschaft Ihres Landes auf Vordermann und drehten den undemokratischen Einfluss des Militärs zurück. Doch dann muckten ein paar Leute auf, weil ein kleiner Park in Istanbul einem Shoppingcenter weichen sollte. Und Sie fuhren so ziemlich alles auf, was ein Staat zur Verfügung hat, um die Protestler klein zu kriegen. Und wenn einer etwa bei Youtube oder Twitter rummotzte, wurde gleich das ganze Netzwerk still gelegt. Hmmmm, dachten wir.

Dann kam der Bürgerkrieg in Syrien. Der örtliche Präsident, Bashar al-Assat, war ein politischer Freund von Ihnen. Doch plötzlich hatte er keinen ärgeren Gegner als Sie. Sie ließen syrische Flugzeuge abschießen, Nato-Truppen an der Grenze zum Nachbarn aufmarschieren und die syrische Opposition erhielt eine ganze Menge Unterstützung von Ihnen. Hmmm, dachten wir.

Zu den Rebellen zählten auch die Rebellen des „Islamischen Staates“ (IS). Die durften in Ihrem Land chillen, wenn der Jihad zu anstrengend geworden war, sich in Ihrem Land behandeln lassen, wenn sie sich im Jihad eine Kugel gefangen hatten, und sie durften in Istanbul oder Ankara unbehelligt Verstärkung für den Jihad rekrutieren. Selbst als die Massaker des IS im Nordirak bekannt wurden und die USA eine Anti-IS-Allianz schmiedeten, verweigerten Sie sich und hielten den Islamisten die Stange. Hmmm, dachten wir. Kennt Erdogan etwa doch Freunde?

Aber nicht doch. Auch diesmal wechselten Sie abrupt die Seiten. Vom Parlament ließen Sie sich gerade einen Freibrief für den totalen Krieg gegen den IS geben, Einmarsch in Syrien oder dem Irak inklusive.

Ignoranten würden nun sagen: unglaublich, dieser Wankelmut. Wir sagen das nicht. Wir finden wahrhaft heroisch, dass Sie sich immer treu geblieben sind – indem Sie ständig Ihre Position wechseln. Das ist konsequent. Das einzige, was uns ein wenig nachdenklich stimmt: Deutschland, EU und Nato gelten als Ihre Freunde. Hmmm, denken wir und fragen uns: Wie lange gilt das für Sie noch?

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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