Ukraine

Sie haben es dem verhaltensauffälligen Autokraten gezeigt

Trotz der kritischen Lage in ihrem Land haben die Ukrainer bei der Parlamentswahl bemerkenswerte Reife gezeigt

Manchen wird es selbstverständlich nicht reichen. Trolle und Linken-Sektierer wird es weiter geben, die Kiew und die Ukraine immer noch fest in der Hand von Faschisten wähnen.

Die anderen aber, die sehen können und klaren Verstandes geblieben sind in den letzten Wochen der Propaganda-Schlachten, die werden sich nach gestern Abend erstaunt wundern. Die geplagten, erpressten und von Krieg überzogenen Ukrainer haben sich an der Wahlurne entscheiden: Für Europa, und für einen gemäßigten Kurs. Das ist ein großes Signal.

Ein Teil ihres Landes ist annektiert, ein größerer steckt im Bürgerkrieg, und der Rest soll derart destabilisiert werden, dass der Präsident in Moskau dereinst seine Großmacht-Träume verwirklichen kann. Ein durchaus beängstigendes Gesamtbild. Aber die Wähler in der Ukraine haben sich keine Angst machen lassen.

Profitiert von der alarmierenden Situation haben nicht die Kriegstreiber, die Rechtsradikalen, die Wirrköpfe. Die Wähler haben – im Gegensatz zu den Nachbarn im EU-Mitgliedsland Ungarn – an der Urne einen kühlen Kopf bewahrt und bewundernswerte Reife gezeigt. Sie haben frische, unverbrauchte Kräfte gestärkt, wie die liberale Partei Samopomoschtsch (Selbsthilfe). Die Wähler sehen die Demokratie als das, was sie im Idealfall sein soll: als Chance zu Reform und Erneuerung. Das sind Perspektiven, die weder ein starker Mann, noch eine Ideologie, geschweige denn eine Religion bieten können. Das kann man sich ruhig ins Bewusstsein rufen, bevor man im warmen Westen mal wieder mit Lust über das politische Personal herzieht.

Und noch etwa haben die Wähler klargemacht: Ein mangelhaftes, teilweise feiges, meist zerstrittenes Europa ist ihnen immer noch lieber als der Gegenentwurf mit Korruption und einem verhaltensauffälligen Autokraten, der ihnen nichts zu bieten hat außer Gewalt und Drohungen.

Matthias Maus, Autor im Münchner Umland, verfolgt die Entwicklung in der Ukraine bereits seit Jahren, unter anderem als langjähriger Chefreporter der „Abendzeitung“.

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