Kolumne: Auf einen Klick

Startet eine Petition gegen Plasberg

Kritiker aller Sender, vereinigt Euch – und fordert das Ende von „Hart aber fair“. Dabei war sie mal eine der besten Talkshows. Hier sind sechs Argumente für eine Absetzung

Erinnert sich noch jemand an Markus Lanz? Das ist dieser freundliche, etwas zwanghaft lächelnde ZDF-Moderator, der in seiner Talkshow fast 30 Minuten eine Linke-Politikerin zu Wort kommen ließ – und dann alle ob dieser geringen Menge so erbost waren, dass sie seine Entlassung forderten.

Nun sollten die Empörer sich endlich mal ein Ziel vornehmen, das die Aufregung wirklich wert ist: Frank Plasberg, Moderator der so genannten Show „Hart aber fair“.

Es gab mal Zeiten, da gehörte diese Sendung tatsächlich zum Besten, was das Öffentlich-Rechtliche zu bieten hatte. Sie war relevant, abwägend, sachlich, vorurteilsarm. Das ist vorbei.

Vielleicht liegt es daran, dass die Sendung nicht mehr im Dritten läuft, sondern seit 2007 im Ersten. Womöglich ist der Moderator nach 13 Jahren konzeptionell etwas erschöpft. Eventuell ist die ARD schuld, die ihn auf den Montagabend platziert hat. In jedem Fall: Diese Sendung gehört – wenn sie nicht generalüberholt wird – endlich abgesetzt. Das sind die Gründe:

Der Moderator: Frank Plasberg ist zweifelsfrei ein kluger Journalist. Leider will er ständig dafür sorgen, dass daran wirklich keine Zweifel aufkommen. Frauen kann er nicht ernst nehmen. Andere Männer als sich selbst aber auch nicht. Gerissene Fragestellungen sind ihm mittlerweile lieber als welche, die zur Erhellung beitragen. Wenn eine Diskussion aufkommt, würgt er sie ab, weil seine Themenplanung etwas anderes vorsieht. Er freut sich so, wenn er mal eine Floskel gefunden hat, dass er sie in Sendungen gerne gleich mehrfach sagt. Am Montag war dies „Machen Sie sich das nicht ein bisschen schlank?“, bei der Runde zum Streikrecht war es „Auch in dieser Sendung gilt Artikel 1 [des Grundgesetzes]“. Und er pflegt seine Vorurteile: In der Sendung zu ISIS sprach er lange, zu lange von Muslimen einerseits und Deutschen andererseits.

Das Konzept: Als die Sendung noch im WDR am Mittwoch lief, hat die Sendung noch funktioniert: Sie lud Politiker, Experten und Betroffene ein und diskutierte über das Thema der Woche. Da talkte am Sonntag noch Sabine Christiansen, am Montag Beckmann, dienstags und mittwochs Kerner im ZDF – nichts Ernstzunehmendes also. Doch inzwischen rückte Plasberg auf den Montagabend, nicht einmal 24 Stunden nach Liebling Jauch und einen Abend vor der Könnerin Maischberger. Andere Moderatoren haben aus dem Hin- und Hergetausche das Beste gemacht, sie haben das Konzept verändert, wollen der Sonntagabendrunde nicht Konkurrenz machen, sondern eigene Themen setzen. „Hart aber fair“ hat sein Konzept beibehalten, lädt ähnliche Gäste ein, zeigt ebenfalls kleine Einspielerfilme, formuliert ähnlich pseudoprovokative Sendungstitel in Frageform. So wirkt es oft nur noch wie eine Billigkopie von Jauch. Ohne dessen Gelassenheit.

Die Gäste: Vom Anspruch, unideologisch einzuladen, ist beim wöchentlichen Blick auf den Diskussiontresen nicht viel zu sehen. Da stehen doch nur immer wieder dieselben Gesichter, die man auch aus vielen anderen und früheren Talkshows kennt. Promifaktor schlagt Erkenntnisgewinn. Und es wirkt schematisch: Einer von der Union, einer von der SPD, einer von der Wirtschaft, ein Journalistenkollege, ein Sonstiger. Auch das wie bei Jauch. Echte Experten werden allenfalls noch ins Publikum gesetzt, wie zuletzt Finanzratgeber Herman-Josef Tenhagen, der dann nur zu zwei, drei Sätzen kommt. Betroffene werden gefragt, aber dann nur dazu genutzt, komplexe Sachverhalte auf das Polemische zu reduzieren.

Die Debatte: Von Fair kann kaum noch die Rede sein. Diskutanten werden an den unglücklichsten Stellen unterbrochen, Debatten abgewürgt, über Nebensächlichkeiten wird ausufernd diskutiert. Beispiel Montag: Plasberg ließ nicht locker, ob EZB-Chef Mario Draghi nur deshalb seine Politik so betreibt, weil er Italiener ist. In einer Sendung zu Minizinsen und Altersvorsorge widmete er sich dann der Frage, warum die Dispozinsen so hoch sind – was miteinander nur begrenzt zu tun hat. Altersvorsorge war für ihn ausschließlich Lebensversicherungen, die inzwischen schlecht abschneiden – Aktien, Anleihen, Immobilien kamen nicht vor.

Der Faktencheck: Einst galt dieser Service mal als Aushängeschild der Sendung, denn er disziplinierte die Teilnehmer – nach der Devise: Behauptet nichts, was wir nicht hinterher widerlegen könnten. Inzwischen scheint es aber der Anlass zu sein, die gründliche Recherche vor der Sendung zu unterlassen. Eine Vorbereitung auf Argumente der Gäste scheint nicht länger nötig – soll doch der Faktencheck am nächsten Nachmittag ihre Aussagen nachprüfen. So durfte AfD-Chef Frank Lucke minutenlang ungestört behaupten, Gold auf der AfD-Seite sei billiger als bei Banken. Den Faktencheck machten andere wie feingold-research.com – und bewiesen das Gegenteil. Dabei kam nicht mal Lucke von selbst auf das Thema, Plasberg hatte ihn auf den Goldverkauf angesprochen. Oder: in der Sendung zum Zugstreik darf ein Unternehmer behaupten, der Streik koste pro Tag 100 Mio. Euro. Stimmt das? Plasberg weiß es nicht, lässt ihn gewähren. Und sein Team vom Faktencheck kümmert all das nicht, sie widmen sich Nebenaspekten. Sie prüfen auch oft nicht mehr Fakten, sondern Bewertungen. Nicht also, ob eine Zahl stimmt, sondern fragen zu einem Urteil, dass die Lokführergewerkschaft einen Machtkampf führe: „Ist das nachvollziehbar?“ Antwort: Die einen sagen so, die anderen so.

Die Einbindung des Internets: Das war nicht mal mehr vor zehn Jahren mehr modern. Sondern wirkt nur noch aufgesetzt und anbiederisch ans Publikum. Das hätte aber lieber eine gute, informierte, erhellende, floskelarme, differenzierte Debatte. Wie früher.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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