Kolumne: Grenzgänger

Tod in der Weißen Hölle – live am PC

Zwei Extrembergsteiger sind im Himalaya unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Die Vermarktung ihrer Tour bei Spiegel Online wirft Fragen auf

Als der deutsche Extrembergsteiger Sebastian Haag vergangene Woche auf tragische Weise ums Leben kam, war Spiegel-Online-Land Deutschland fast live dabei. In einer bis dato kaum dagewesenen Vorabberichterstattung der Kollegen aus Hamburg sollte die „vielleicht wahnsinnige Aufgabe“ journalistisch begleitet werden. Und natürlich mit spektakulären Bildern und vollmundigen Ankündigungen vergoldet werden. Alles ein Vorschuss für eine noch zu erbringende Leistung. Dass die Besteigung nun derart tragisch enden musste, hat keiner gewollt. Aber sie sollte endlich ein Signal sein, die Vermarktung des Spitzenbergsports wieder auf ein Normalmaß zurückzuschrauben.

Was war passiert: Seit Ende August befanden sich die beiden deutschen Bergsteiger Benedikt Böhm und Sebastian Haag, beides Mittdreißiger, mit ihren Freunden, dem Italiener Andrea Zambadi und einem weiteren Deutschen, Martin Maier, im Himalaya, um sich für ihren großen Coup vorzubereiten und zu akklimatisieren: Sie wollten innerhalb von sieben Tagen zwei Achttausender besteigen – erst den Shisha Pangma (8027 m) in Tibet und im Anschluss den Cho Oyu (8188 m) in Nepal.

Als wäre das noch nicht genug gewesen, planten sie, die 170 Kilometer lange Strecke zwischen den Bergriesen auf dem Mountainbike zurückzulegen. 170 Kilometer im Himalaya bedeutet: über Stock und Stein, Geröllpisten und mit enormen Steigungen in endlosen Kehren. Eine Tortur selbst für die trainierten Bergsteiger und Skifahrer.

Spiegel Online war quasi live dabei, mit Berichten, Filmaufnahmen, O-Tönen direkt aus den Bergen und einer interaktiven Karte. Leser und Redaktion konnten darauf die GPS-Positionen der Extremsportler verfolgen. Doch gleich zu Beginn scheiterte der erste Besteigungsversuch auf den Shisha Pangma an den enormen Schneemassen. Das Team musste umkehren. Viel zu viel Schnee. Wer selbst am Berg unterwegs ist, weiß, wie schwer es fällt, von einem gesteckten Ziel abzulassen. Wie schwer muss es erst sein, wenn Spiegel Online quasi live dabei ist.

War das Projekt, das sehr vollmundig beworben wurde („sie wollen die Achttausender wieder zu der Herausforderung machen, die sie vor einem halben Jahrhundert waren“), nun gescheitert? „Nein“, sagte Böhm den Journalisten am Telefon. Obwohl die Bergsteiger nach eigenen Angaben schon recht entkräftet waren, brachen sie zu einem erneuten Versuch auf. Am vergangenen Mittwoch wurden Haag und Zambaldi durch eine Lawine getötet, lediglich Martin Maier konnte sich glücklicherweise retten. Böhm und der zwischenzeitlich dazu gestoßene Schweizer Bergsteiger Ueli Steck waren zum Unglückszeitpunkt glücklicherweise an anderer Stelle und wurden verschont.

Die Anteilnahme der Spiegel-Online-Redaktion ist natürlich das eine: „Die Nachricht vom Unglück…macht uns betroffen und traurig.“ Die Redaktion zeigt sich zu Recht selbstkritisch: „Welche Verantwortung bringt eine so intensive Berichterstattung mit sich? Befeuern wir gar durch die Aufmerksamkeit einen Trend – höher, schneller, weiter, riskanter? Was treibt uns? Und haben wir die Idee mit vorangetrieben?“

Die letzte Frage ist richtig, eine Antwort bleibt aber spekulativ. Hätten die Bergsteiger keinen zweiten Versuch mehr unternommen, wenn sie „ihre Geschichte“ nicht schon in vorauseilender Erfolgsmeldung an das Medium verkauft gehabt hätten? Das lässt sich nicht mehr beantworten. Fakt ist aber: Extremsportler stehen heutzutage unter extremen Vermarktungsdruck, weil nur noch die „alten“ Stars der Szene – allen voran Reinhold Messner, Hans Kammerlander oder die „Huber Buam“ – einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind und dementsprechend gut gefüllte Vortragssäle und gute Verkaufszahlen ihrer Bücher vorweisen können. Alle anderen sind nur noch für die Nische der Bergfans interessant.

Das schafft Druck, erhöht die Konkurrenzsituation unter Bergsteigern. Selbstmarketing ist da mittlerweile alles geworden. Es ist also durchaus verständlich, dass jüngere Bergsteiger andere Marketingwege gehen müssen, die Messner und Kammerlander ehedem noch nicht nötig hatten. Ihnen das zum Vorwurf zu machen, wäre vielleicht eine Stilkritik, was den Ton und die Vollmundigkeit ihrer Ankündigungen angeht. Im Angesicht des Todes und der Tragik fände ich es unangemessen, eine solche Debatte zu führen. Nicht jetzt.

Trotz der Selbstkritik der Redakteure liegt meines Erachtens nach eher das Problem in einer journalistischen Aufbereitung, die sicherlich gut gedacht war, aber auch von ziemlicher Unkenntnis der Materie zeugt: „Es gibt einfache Antworten auf diese Fragen, aber das sind selten die besten. Verzicht wäre eine Möglichkeit: einfach nicht mehr berichten. Doch die Grenze zur Ignoranz wäre fließend. Und würden wir der journalistischen Verantwortung gerecht, indem wir Themen einfach ausblendeten?“ So das Statement von Spiegel Online weiter.

„Journalistische Verantwortung“ – ein hehres Wort. Geht es nicht vielmehr um eine packende Story mit krassen Bildern aus der „Todeszone“ der Achttausender? Außerdem: Wer spricht denn von Ignoranz, wer spricht davon, Bergthemen einfach auszublenden? Aber muss eine vorauseilende und begleitende Berichterstattung sein, die den Druck auf die Bergsteiger noch erhöht, um jeden Preis die Geschichte zu einem guten – zum versprochenen – Abschluss zu bringen? Der Gipfel ist da ein Muss, alles andere Versagen, das weitere Aufträge unwahrscheinlich macht.

Redakteure, die in Hamburg sitzen, können die Geschichte nicht einschätzen oder gar kontrollieren. Dass man die ganze Zeit in Kontakt mit den Bergsteigern stand und Fragen wie „Geht’s Euch gut? Wie ist das Wetter? Könnt Ihr schlafen“ gestellt haben will, sind ja kaum mehr als ein Versuch, an einer Sache irgendwie dranzubleiben, die sich jeglicher Erkenntnis auf Distanz entzieht. Hier wird suggeriert, ein solcher Grenzgang, eine solche Extremtour sei irgendwie kontrollierbar. Zumal in dem Bericht auf Spiegel Online auch noch so getan wurde, als sei der Himalaya quasi ein Gebiet für Halbschuhtouristen: „der Himalaya fast ein Jedermannterrain“.

Das können nur Leute schreiben, die von den objektiven Gefahren – Lawinen, Kälte, Erschöpfung – nichts wissen. GPS-Geräte und andere neuere technische Entwicklungen ändern ja nichts an diesen objektiven Gefahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bergsteiger bei diesem Vorhaben sterben, war ziemlich hoch. Auch wenn sie erfahrene Alpinisten waren – objektive Gefahr bedeutet ja: Man kann sich kaum gegen sie wehren. Ob Gelegenheitswanderer oder Supercrack am Berg, gegen Lawinen sind alle machtlos. Und im Himalaya haben die Gletscher noch eine Dicke, die Alpenurlauber in Staunen versetzen würde.

Vielleicht entspricht dieses tragische Vorhaben einem allgemeinen Trend: erst den Mund vollnehmen, und danach die Leistung bringen. Erst die Homepage, dann das Produkt. Erst das Marketing, die Erzählung, die Geschichte, der vorweggenommene Erfolg, danach die Einlösung. Wenn es gut geht. Oder die Anbieter überhaupt in der Lage sind, das Produkt sicher zu liefern. In diesem Fall sicherlich eine fatale Kombination.

Es wäre gut, wenn andere Extrembergsteiger – und überhaupt alle Grenzgänger -, beim nächsten Mal erst ihre Leistung bringen, und danach darüber berichtet wird. Spiegel Online sollte gar nichts ignorieren, aber vielleicht eine natürliche Reihenfolge einhalten: erst das Produkt, dann die Berichterstattung. Das wäre „journalistische Verantwortung“. Klingt altbacken? Muss aber im Alpinismus sein – zu unsicher sind die Erfolgsaussichten bei extremen Touren.

Erst recht gehören Scheitern und Umkehr zum Bergsteigen dazu – wegen der Fähigkeit, im rechten Moment noch umzukehren, lebt Reinhold Messner noch. Doch wer scheitert schon gerne, wenn halb Deutschland zuschaut?

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“, ist begeisterter Bergsteiger. Berlin ist da natürlich nur suboptimal. Aber wann immer es die Zeit zulässt, düst er gen Alpen. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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