Kolumne: Links gedreht

Warum die AfD nicht anders ist als die Altparteien

Die „Alternative für Deutschland“ will die etablierten Parteien attackieren und dem „gesunden Menschenverstand“ zur Herrschaft verhelfen. In Brandenburg wurde sie deshalb in den neuen Landtag gewählt. Doch dort ist sie erst einmal mit sich selber beschäftigt

Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Etwa die Hoffnung, dass die AfD neuen Schwung in die deutsche Politik bringt. Indem sie alles anders macht als die Altparteien. Viele haben dieser Hoffnung Ausdruck verliehen, als sie ihre Stimme bei der letzten Wahl für die „Alternative für Deutschland“ abgegeben haben. In Brandenburg waren es etwa 12,2 Prozent der Wähler. Elf Sitze hatte die AfD damit gewonnen. Wenn der Landtag erstmals zusammentritt, werden es wohl nur noch zehn sein. Und das kommt so.

Zuerst sickern Interna aus der noch gar nicht konstituierten Landtagsfraktion nach draußen: Spitzenkandidat Alexander Gauland wolle einige seiner Parteifreunde loswerden, die es ebenfalls ins Parlament geschafft hatten, die aber durch Äußerungen oder Engagement am rechten Rand aufgefallen waren. Die Quelle war rasch enttarnt: Stefan Hein, der Sohn von Gaulands Lebensgefährtin. Einer Journalistin, die neben ihrer Arbeit für ein regional bedeutendes Blatt offenbar auch Büroarbeiten für den Gatten und dessen politische Arbeit zu Hause erledigt.

Hein, dem Gauland selbst einen großen Anteil am Wahlerfolg der AfD zuschrieb, will nach seiner Enttarnung auf das errungene Landtagsmandat verzichten. Der Nachrücker Jan-Ulrich Weiß ist 39, gelernter Landwirt und hat sieben Kinder. Von außen besehen müsste er ein Mann ganz nach dem Geschmack der Partei und ihrer Wählerschaft sein. Bodenständig eben. Mit gesundem Menschenverstand. Und er tut aktiv etwas gegen die drohende Überfremdung, vor der AfDler mitunter warnen, das muss man ihm lassen.

Aber ach, dieses Internet. Da stellt der Mann ausgerechnet eine antisemitische Karikatur auf seine Facebook-Seite. Was Weiß bestreitet. Aber er bestätigt damit doch sehr die Zuschreibung, die die junge Partei oft trifft: dass sie nämlich am rechten Rand fischt, und zwar nicht nur Argumente und Wähler, sondern auch politisches Personal.

Es kommt zu Dringlichkeitssitzungen. Weiß wird aus der Fraktion ausgeschlossen, der Parteiausschluss soll folgen. Doch der Landwirt denkt nachhaltig und nicht daran, alles anders zu machen als die Politiker der Altparteien. Er will sein Mandat nicht hergeben. Nach seinem Ausschluss würde die AfD damit über noch einen Sitz weniger verfügen.

Oder doch nicht? Herrn Hein, dem Stiefsohn von Landeschef Gauland, dräut, sein Rücktritt sei vielleicht etwas voreilig gewesen. Er kündigt an, sein Mandat nun doch antreten zu wollen. Doch das Vertrauen ist zerstört: Gauland lehnt eine Rückkehr in den Schoß der AfD-Familie als unmöglich ab. Zöge Hein tatsächlich in den Landtag ein, er müsste sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Und die Partei wäre noch immer auf zehn Sitze geschrumpft, noch bevor die politische Arbeit richtig angefangen hat.

Bei der AfD geht es also derzeit mehr um Posten als um Inhalte, zumindest in Brandenburg. Das persönliche Fortkommen der Abgeordneten steht über dem Fortkommen des Gemeinwesens. Und wenn es um das Image der Partei geht, dann ist dessen Schonung wichtiger als die Sorgen der Bürger.

Klingt fast genau so wie das, was sich die Altparteien in einem vergleichbaren Fall vorhalten lassen müssten – völlig zu recht. Nur, dass die es aus langjähriger Erfahrung meist gar nicht bis zu solchen parteiinternen Querelen kommen lassen. Bevor die AfD überhaupt versuchen wird, Politik zu treiben, wird sie sich noch einige Zeit mit sich selbst beschäftigen. Dabei wollten sie sich doch um die drängenden Probleme der Menschen kümmern oder zumindest um solche, die sie dafür halten.

Derzeit sorgen die neuen Alternativen doch nicht für mehr Bewegung in der Politik in Groko-Land. Aber immerhin für ein bisschen mehr Unterhaltung. Das ist großes Kino. Viele mögen immer noch glauben, die Hoffnung AfD, sie sterbe zuletzt. Aber einmal mehr beweist die Neupartei: Spott und Hohn leben halt immer noch ein bisschen länger.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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