Islamischer Staat

Was der Fall von Kobane wirklich bedeutet

Die Einnahme der syrischen Kleinstadt an der Grenze zur Türkei ist mehr als nur ein weiterer militärischer Sieg für den „Islamischen Staat“. Ihr Name dürfte einmal in einem Atemzug genannt werden mit Srebenica und Ruanda – als Synonym für das Versagen der Weltgemeinschaft

Nun also Kobane. Eine Kleinstadt wie so viele im Irak und in Syrien, die die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in den letzten Monaten ihrem „Kalifat“ einverleibt hat. Eigentlich also nicht der Rede wert, weder geografisch noch militärisch noch wirtschaftlich.

Und dennoch wird dieses Stadt einmal in einem Atemzug genannt werden mit Srebenica in Bosnien oder Ruanda, wo Massaker an Zivilisten stattfanden. In Kobane – arabisch Ain al-Arab – sind zwar keine Massaker zu erwarten, da ihre kurdischen Verteidiger die Zivilbevölkerung über die nahe türkische Grenze in Sicherheit gebracht haben. Dennoch wird die Stadt einmal den gleichen Ruf wie Srebenica oder Ruanda erlangen – als Synonym für das Versagen der Weltgemeinschaft.

Wochenlang haben IS-Truppen Kobane belagert – quasi unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Von den nahen Hügeln der Türkei aus beobachteten TV-Teams aus aller Welt jeden Granateneinschlag, jede schwarze IS-Flagge, die irgendwo vor oder in der Stadt gehisst wurde. Unaufhaltsam rückten die IS-Einheiten vor – trotz des erbitterten Widerstandes der kurdischen YPG-Einheiten, trotz der gelegentlichen US-Luftangriffe, trotz der in Sichtweite in Stellung gegangenen türkischen Truppen und Panzer.

Neue Kämpfer für das „Kalifat“

Der Fall von Kobane ist ein unglaublicher Propaganda-Erfolg für den IS. Vor den Augen der Welt siegen seine Milizen, obwohl scheinbar die ganze Welt gegen sie ist. Sie setzen sich gegen die Supermacht USA und deren Verbündete durch. Sie trotzen der hochgerüsteten Türkei. Und sie fügen den vom Westen gepäppelten Kurden eine vernichtende Niederlage zu.

Dieser Erfolg ist mehr als nur Stoff für die IS-Propagandaabteilung. Sie wird diesen Sieg ausschlachten bis zum Gehtnichtmehr. Und der IS wird unter militanten Islamisten in aller Welt weitere Sympathien gewinnen, wird weitere Rekruten zur militärischen Erweiterung seines „Kalifats“ gewinnen. Schließlich ist der IS nach Al-Kaida die erste islamistische Organisation die dem „Teufel“ USA getrotzt hat. Sieger sind immer sexy.

Rühmen kann sich der IS, weil er in Kobane gleich eine ganze Reihe von Gegnern geschlagen hat: militärisch die syrisch-kurdische YPG, politisch und moralisch die USA und deren arabische Verbündete, dazu die Europäische Union und auch die Türkei.

Großer Verlierer Türkei

Dass dem IS alleine mit Luftangriffen nicht beizukommen sein wird, war von vorne herein klar. Dennoch hält US-Präsident Barack Obama an dieser halbherzigen Strategie fest – und wurde nun in Kobane von der Terrormiliz vorgeführt. Die EU muss sich zu recht die Frage gefallen lassen, weshalb sie zwar die irakischen Kurden mit Waffen und Ausbildern unterstützt, nicht aber die syrischen, die Kobane verteidigt haben. Eine Frage, auf die es keine vernünftige Antwort gibt.

Zu den großen Verlierern der Schlacht von Kobane gehört aber auch die Türkei. Politisch und militärisch wäre sie in der Lage, den IS-Vormarsch nachhaltig zu stoppen. Sie tut es nicht. Stattdessen unterstützte sie indirekt sogar die Terrormiliz, als ihre Grenztruppen es türkischen Kurdenkämpfern verwehrten, ihren syrischen Freunden in Kobane zu Hilfe zu eilen. Ankaras Angst, die Kurden könnten sich vereinigen, ist größer als die Angst vor dem IS. Noch.

Versagt hat die Türkei vor allem als Regionalmacht, als die sie sich sieht und die sie sein könnte. Anstatt den IS-Terror zu bekämpfen, sieht sie seelenruhig zu, wie sich direkt vor ihrer Haustür das IS-„Kalifat“ etabliert. Was dies bedeutet, wird Ankara wohl erst begreifen, wenn die IS-Milizen in der Türkei einfallen. Etliche IS-Anhänger haben bereits angekündigt, dass die Türkei das nächste Angriffsziel sein wird. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan ist – wie EU und USA – immer noch zu sehr im alten Denken (= die Kurden sind der Gegner) verhaftet, als dass er auf ein neues Phänomen wie den IS adäquat reagieren könnte.

Menschlich und moralisch ist aber eines besonders bitter: Die Verteidiger von Kobane gehören der YPG an, eben jener kurdischen Volksmiliz, die vor wenigen Wochen erst die überlebenden nordirakischen Jesiden vor dem IS-Terror rettete und deshalb weltweit gefeiert wurden. Als die YPG jetzt selber Hilfe brauchte, wurde sie von eben jener Welt im Stich gelassen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, verfolgt den Aufstieg des „Islamischen Staates“, seit dessen Kämpfer die US-Truppen im Irak bekämpften.

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