Kolumne: Auf einen Klick

Wir brauchen ein deutsches „West Wing“

Vor 15 Jahren lief die US-Serie „West Wing“ an, die erstmals Politiker und die Zuschauer ernstnahm – und Millionen faszinierte. Bis heute. Das brauchen wir endlich auch in Deutschland

Vor einigen Wochen hatte ich ein Deja vu: Eine Party, man steht in kleiner Runde mit eher Unbekannten zusammen, man redet über irgendwas, dann über Fernsehen, sogar etwas Politik. Und dann: „West Wing“. Mein Gegenüber bekommt plötzlich leuchtende Augen, schwärmt von Josh und Toby und Donna und Matt. Vor allem aber darüber, dass eine Serie, die von Politik handelt, so berauschend ist und Leidenschaften dafür weckt.

Genau 15 Jahre ist es  her, dass in den USA die ersten Folgen von „The West Wing“ ausgestrahlt wurden. Und es ist wahrlich keine Übertreibung festzustellen: Diese Serie über den fiktiven Mitarbeiterstab eines US-Präsidenten hat nicht nur das Fernsehen verändert. Sie hat eine ganze Generation geprägt – sie hat Zuschauer für Politik entzündet und mit genügend Stoff versorgt, so dass viele von ihnen bis heute dafür brennen. Nicht nur in den USA., sondern weltweit. Auch in Deutschland, 15 Jahre nach Serienstart und acht Jahre nach ihrem Ende.

Sicher, es gab ein paar Actionsszenen, romantische Spannungen, sogar Tote. Das aber hat die Serie nicht ausgemacht. Typisch war etwa die Folge „The Lame Duck Congress“ aus Staffel 2. In ihr verhandeln die Mitarbeiter eine knappe Stunde lang darüber, ob der alte, bereits abgewählte US-Kongress noch einmal zusammenkommen sollte, um mit der alten Mehrheit noch schnell einen Vertrag über den Bann von Nuklearwaffen zu beschließen.

In der Folge „Ways and Means“ (Staffel 3) beratschlagen sie, ob der Präsident sein Veto gegen die Abschaffung der Grundstückssteuer einlegen soll. In manchen wurde der Nahost-Konflikt behandelt, in anderen die Auswahl eines geeigneten Verfassungsrichters, es ging um die Reform der Sozialversicherung, die Finanzierung des Bildungssystems, die Rechte von Schwulen in der Armee, Freihandelsabkommen, Einwanderungspolitik, Datenschutz als Grundrecht. Bis zu 17 Millionen Zuschauer hatte jede Folge. Und das in einem Land, in dem nach hiesiger Auffassung angeblich nur akulturelle Dummköpfe leben.

Das Erfolgsrezept

Die Macher um Aaron Sorkin (The Newsroom, The Social Network) waren die ersten, die mit Konsequenz Politik wirklich ernst nahmen. Der West Wing – dort arbeiten die  Mitarbeiter des Weißen Hauses und ist das Oval Office –  diente ihnen nicht einfach nur als Kulisse für ein weiteres Shakespeare-Drama, eine Liebeskomödie oder eine weitere Seifenoper. Die Autoren behandelten Politik mit Respekt. Sie zeigten, dass es einfache Antworten nur für jene gibt, die es sich zu einfach machen. Dass ein Problem viele Facetten hat und stets Zielkonflikte entstehen. Und dass Politiker einerseits menschlich sind, also Fehler machen und sich gegenseitig veralbern, aber dass auch andererseits jeder von ihnen ernsthafte, nachvollziehbare Absichten hat. Und dass die Entscheidung zwischen eigenen Antsprüchen und dem Erreichbaren, zwischen eigenen Überzeugungen und Kompromissfähigkeit, zwischen Idealen und Notwendigkeiten, nie leicht ist.

Vor allem aus diesen Konflikten bezog die Serie sieben Jahre lang ihre Spannung, weniger aus Romantik, Intrigen oder Wortspielereien. Sie erhielt nicht nur Lob von Zuschauern und Kritikern, sondern auch von Politikern aller Parteien, die anerkannten, wie realitätsnah die Serie das wahre Geschehen inszeniert – bei aller dramaturgischen Zuspitzung

Das unterscheidet sie etwa von Nachfolgern wie „House of Cards“, das zwar unterhaltsam ist, aber mit wahrer Politik genausowenig zu tun hat wie der Tatort mit echter KriPo-Arbeit. Und anders als „House of Cards“, „Boss“ oder „Scandal“ bediente „West Wing“ nie das Klischee bei den Zuschauern, alle Politiker seien nur unfähige, intrigante, verlogene und machtgeile Zyniker. Oder schlicht Witzfiguren (Veep, Spin City, The Thick of it).

„West Wing“ ist nicht mehr allein. Die britische BBC etwa hat „Party Animals“ produziert, das kleine, arme dänische Staatsfernsehen das großartige „Borgen“. Bei allen Unterschieden: All diese Formate haben ihren Charakteren, und mehr noch dem Thema Politik vertraut. Dass politische Gegensätze durch einen Kompromiss gelöst, das moralische Konflikte unauflöslich sind. Und dass Wortduelle ebenso unterhaltend sein können wie Schusswechsel.

Darum scheiterte „Das Kanzleramt“

Womit wir beim deutschen Versuch „Kanzleramt“ (ZDF, 2005) wären. Ja, auch die öffentlich-Rechtlichen haben sich an einer „West-Wing“-Adaption versucht, mit Robert Atzorn in der Hauptrolle als Chef des Kanzleramts. Und es gab interessante Themenansätze, es wurde die Erhöhung der Tabaksteuer thematisiert oder ob Moral in der Außenpolitik möglich ist. Ein Regierungsmitglied musste aber auch unbedingt selbst einen Terroristen verhören, eine Journalistin recherchierte nicht durch Recherche, sondern durch Beischlaf, alle paar Folgen wurde ein Attentat auf den Kanzler verübt, Unternehmer wurden als skrupellos dargestellt und Mitarbeiter interessierten sich mehr für den nächste Romanze als für politische Probleme.

Aber die Macher (darunter der Ex-Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Martin E. Süßkind) vertrauten der Politik nicht, interessant zu sein. Sie trauten den Zuschauern nicht zu, sich für komplexe Themen zu interessieren. Wahrscheinlich interessierten sie sich selbst nicht wirklich für Politik und die Menschen, die sie betreiben. Und scheuten davor zurück, aktuelle, relevante Probleme zu thematisieren. Auch deshalb wollten die letzen Folgen nur noch eine Million  Menschen sehen, die Serie wurde nach nur einer Staffel eingestellt.

Neun Jahre ist das nun her. Das sollte reichen, um aus den Fehlern von „Kanzleramt“ gelernt zu haben und einen erneuten Anlauf zu unternehmen. Und nun eine neue ARD/ZDF-Serie anzugehen, die den Kanzler nicht als deutschen US-Präsidenten versteht, sondern als einen Akteur in einem Ensemble zwischen Ländern und Europa, zwischen Wählern und Abgeordneten, zwischen Fraktionsarbeit und Gipfelomatie. Genügend konfliktreiche Themen haben die letzten Jahre doch zuhauf geliefert, um sie auch fiktional aufzuarbeiten. Und zwar nicht so, dass die Kanzlerin einen One-Night-Stand mit den französischen Präsidenten hat („Die Staatsaffäre“, Sat1). Sondern realitätsnah, komplex, politisch leidenschaftlich. Ohne große Liebesszenen und Actionsequenzen – das spart sogar Drehkosten.

Geld genug dafür hätten die Öffentlich-Rechtlichen  – allein der „Tatort“ kostet pro Jahr 62 Mio, die Sportrechte 300 Mio. Euro. Die ARD-Produktionsfirma Degeto („Ein Fall von Liebe“, „Alpenklinik“, „Klinik unter Palmen“) kann pro Jahr 400 Mio. ausgeben.  Das reicht für 200 Folgen „West Wing“. Pro Jahr.

Am Geld also liegt es nicht. Allerdings muss man sich für die Arbeitsweise der Politik und seine Zuschauer ehrlich interessieren. Und ihnen ein gewisses Niveau auch zutrauen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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