Glosse

Advent – Mehr Dunkel ins Licht

Während der Adventszeit werden die Belgier auf der dunklen Seite der Nacht stehen: Weil zu wenig Strom produziert wird, sollen sie auf ihre Weihnachtsbeleuchtung verzichten. Was wie eine Strafe klingt, ist jedoch eine echte Chance

Es sieht düster aus in Belgien. Während in Deutschland und anderswo in Europa die Städte in der Adventszeit bunt erleuchtet sind, heißt die Devise dort wohl bald: Licht aus! Allen „nicht funktionellen“ Beleuchtungen wie Neon-Reklame – aber eben auch der Weihnachtsbeleuchtung – soll nach Regierungsplänen der Stecker gezogen werden, wenn der Strom knapp wird.

Durch den Ausfall von Kernreaktoren produziert das Land nicht genug Energie für die dunkle Winterzeit, so dass es zu Engpässen kommen kann. Besonders sensibel sind dabei die Stunden zwischen 17 und 20 Uhr, weil da der Verbrauch am höchsten ist. Im Notfall soll in manchen Gebieten sogar stundenweise der Strom ganz abgestellt werden.

Was nach einer tristen Vorweihnachtszeit klingt, ist in Wahrheit eine Chance: die Umerziehung zu etwas mehr Energiebewusstsein. Nicht nur könnte man in der dunklen Zeit massiv Strom sparen, sondern dann vielleicht auch erkennen, dass Einkaufspassagen mit der heutigen extremen Beleuchtung ebensowenig nötig sind wie Vorgärten, in denen sich blinkende Rentiere (eins davon immer mit roter Nase) mit dem Weihnachtsmann auf dem Dach eine Lichtschlacht liefern.

Der Helligkeits-Overkill passt eigentlich nicht in die Zeit der Stillen Nächte, in denen man das Jahr Revue passieren lassen und sich auf die wesentlichen Dingen besinnen soll. Von daher sollten wir uns den Belgiern freiwillig anschließen und statt der grün-pinken Lichterkette im Fenster mal eine altmodische Kerze anzünden. Mit etwas Glück und wenn genug Leute mitmachen, bekommt man dann auch einen ganz anderen Blick auf den Sternenhimmel: Ohne Lichtverschmutzung strahlen die Himmelskörper sehr viel heller und man sieht vielleicht einmal die ganze Achse vom Großen Wagen.

Wer dennoch nicht ganz auf das Leuchtspektakel verzichten mag: Einen im wahrsten Sinne des Wortes kleinen Lichtblick gibt es auch in Belgien. Wie die Zeitung „De Morgen“ schreibt, ist noch nicht ganz klar, ob die Lichter vom Weihnachtsbaum nicht doch „funktionell“ sind und somit auch in knappen Stromzeiten leuchten dürfen.

Angelika Dehmel, Autorin in Den Haag, glaubt alle Jahre wieder, dass nicht noch mehr leuchtende Weihnachtsdeko in Nachbarns Garten passt. Passt aber doch. Insofern, glaubt sie, wären belgische Verhältnisse mal einen Versuch wert.

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