Kolumne: Mein Held der Woche

Friedensnobelpreis für Igor Plotnizkij

Der ostukrainische Separatistenführer hat einen revolutionären Vorschlag zur Konfliktlösung vorgelegt. Eine Idee, die Millionen von Menschenleben retten kann. Das muss belohnt werden

In diesen Tagen erwartet man nicht unbedingt, dass ein ostukrainischer Rebellenführer einen revolutionären Friedensvorschlag präsentiert. Und bislang ist Igor Plotnizkij, so eine Art Oberhaupt der Volksrepublik Luhansk, eher dadurch aufgefallen, dass er ukrainische Regierungstruppen beschießen ließ und weiße Lkw aus Moskau in Empfang nahm.

Das macht aber nichts, denn als US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis erhielt, hatte der auch noch nichts Friedenstiftendes erschaffen. Und danach leider auch nicht. Insofern ist Plotnizkij also in bester Gesellschaft, wenn er demnächst den Friedensnobelpreis erhält. Wer, wenn nicht er?

Plotnizkij hat einen einzigartigen Vorschlag unterbreitet, von dem noch Generationen lernen können. Einen Vorschlag, der der Menschheit Kriege ersparen und Millionen von Menschenleben retten kann. Das ist wahrhaft preiswürdig.

Im Streit um den Donbass in der Ostukraine hat der Separatistenchef den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zum Duell gefordert. Dem Sieger soll dann das umstrittene Territorium zugeschlagen werden – ohne Kampf, ohne Zerstörungen, ohne Tote und Verletzte.

Vergessener Brauch

Zugegeben, so ganz neu ist Plotnizkijs Vorschlag nicht. Auf diese Weise sind schon früher gelegentlich Konflikte beigelegt worden, wie Spiegel Online verdienstvoll in einer kleinen Kulturgeschichte des Duellantentums aufgeschrieben hat. Aber in Zeiten der Massenvernichtungswaffen war dieser Brauch wohl in Vergessenheit geraten.

Gut, dass ihn Plotnizkij wiederentdeckt hat. Er dürfte damit zum Idol von Millionen von Soldaten werden, die künftig nicht mehr die Rübe hinhalten müssen, bloß weil ihre Anführer sich in die Haare geraten sind. Jetzt müssen ihre Chefs das Problem selber lösen: mit Duellpistole, Degen oder zeitgemäßer mit Kalaschnikow.

Man stelle sich vor, dieser Brauch wäre im vergangenen Jahrhundert noch nicht in Vergessenheit gewesen. Dann hätte sich Hitler mit Churchill, Stalin oder Roosevelt duelliert, und der Menschheit wäre eine Katastrophe erspart geblieben.

Keine Frage, Plotnizkij hat den Friedensnobelpreis verdient. Den sollte er auch unbedingt bekommen, und mit dem Preisgeld von 862.000 Euro Forschungen finanzieren, um die offenen Fragen dieser Methode zu klären. Davon gibt es nämlich noch ein paar.

Kampfsporttrainingspflicht für Staatsmänner?

Plotnizkij und Poroschenko sind von ungefähr gleicher Größe und Korpulenz. Was aber, wenn beispielsweise Angela Merkel und Wladimir Putin ein Problem per Duell zu lösen haben? Der Russe ist gestählt durch Judo, sibirisches Angeln und sonstige sportliche Aktivitäten, mit denen er sein Macho-Image pflegt. Und Angela Merkel… nun ja. Stellt sich also die Frage, ob beim Duell Männer überhaupt gegen Frauen antreten dürfen oder ob Kampfsporttraining für Staatsmänner und –frauen nicht verpflichtend sein muss. Und falls ja, muss dieses nicht völkerrechtlich verpflichtend in die UN-Charta aufgenommen werden? Fragen über Fragen.

Anderes Beispiel. Der „Islamische Staat“ (IS) , der große Teile Syriens und des Irak besetzt hält und terrorisiert, hat nicht viele Freunde. Muss also IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi gegen Obama, Syriens Diktator Assad und Kurdenführer Barsani antreten (um nur eine Auswahl seiner Gegner zu nennen)? Und wenn ja, dann gleichzeitig oder nacheinander? Und schließlich: Darf ihn der türkische Präsident Erdogan bei den Duellen unterstützen? Oder zählen Nichtstun und Gewährenlassen noch nicht als Unterstützung? Fragen über Fragen.

Auch wenn Plotnizkijs Methode zur Konfliktlösung offensichtlich noch nicht ganz ausgereift ist – im Vergleich zu den Gemetzeln des Ersten Weltkrieges ist sie ein zivilisatorischer Fortschritt. Gebt ihm also den Preis.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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