Kolumne: Links gedreht

Not my President

Ein Bundespräsident soll wichtige Debatten anstoßen. Er sollte nicht versuchen, Einfluss auf das laufende Politgeschäft zu nehmen. Mit seinem Gepolter Richtung Linke in Thüringen kratzt Joachim Gauck weiter am Lack des höchsten deutschen Staatsamts

Als sie Joachim Gauck 2010 als Bundespräsidenten vorgeschlagen haben, war das ein ziemlich guter Einfall. Nicht so sehr wegen der Eignung des Kandidaten. Dafür polarisierte Gauck schon damals zu sehr. Wie clever SPD und Grüne die Merkel-CDU damit piesackten, das hatte durchaus Charme. Am Ende stand Christian Wulff vorn, Angela Merkel hatte einen weiteren Unionsgranden entsorgt und wir alle hatten später eine Menge Spaß mit Sylt-Urlaub und Bobby-Cars.

An Gauck nach Wulffs Abgang festzuhalten, war dann nicht mehr so gelungen. Ob Kriegsgedenken, Integration oder die neue deutsche Möchtegern-Breitbeinigkeit – egal welches Thema, Gauck erwies sich als einer, der nicht für alle Bundesbürger spricht. Das muss er auch nicht. Als Bundespräsident soll er gesellschaftliche Debatten anstoßen. Allerdings muss er dabei den Ton treffen. Das war sogar Wulff in seiner verkürzten Amtszeit gelungen.

Gauck hingegen hat sich in die Debatte um einen möglichen linken Ministerpräsidenten in Thüringen 25 Jahre nach dem Fall der Mauer hineingepoltert, wo eine weise Stimme geschwiegen hätte. Denn der dortige SPD-Landesverband stimmt derzeit ab, ob sie zu diesem Plan ihre Zustimmung geben. Solche Tagespolitik muss ohne Einmischung aus dem höchsten Staatsamt möglich sein. Schließlich geht es um eine Koalition auf Landesebene, nicht um die Rückkehr der DDR.

Die Frage, ob Gauck nicht unbedingt ein guter Christ ist, wie der angegriffene Bodo Ramelow mutmaßt, müsste theologisch diskutiert und beantwortet werden. Dem Bundespräsidentenamt jedenfalls hat Gauck einen weiteren Schlag verpasst. Er ist aufgerufen, jederzeit öffentlich seine Meinung über die Linke zu sagen und über alles andere auch – als Privatmann. Aus dem Amt heraus steht ihm das nicht gut an.

Hätten sich nicht schon seine beiden Vorgänger aus dem Amt gestohlen und dabei den Lack des Bundespräsidenten bereits kräftig zerkratzt, könnte man zu Recht über Gaucks Rücktritt nachdenken. Dann aber wäre auch die letzte Autorität des Amts dahin. Zur ihrer Wiederherstellung kann Gauck am meisten beitragen, wenn er keine zweite Amtszeit anstrebt. Bis dahin werden noch viele sagen: Not my president.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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