Kolumne: Mein Held der Woche

Total aufregend, DHL

Die Paketzusteller der Deutschen Post schaffen es immer wieder, Spannung in die Monotonie des Alltags zu bringen

Das Leben ist ein Einerlei. Immer um die gleiche Uhrzeit aufstehen, immer die gleiche Anzahl Tassen Kaffee oder Tee zum Frühstück, immer mit dem gleichen Verkehrsmittel zur Arbeit, immer im gleichen Büro seine acht, neun, zehn Stunden absitzen. Diese Monotonie ist schwer erträglich. Kommt noch dieses graue November-Wetter hinzu, wird es unerträglich.

Da ist es gut, dass es DHL gibt, den Paketdienst der Deutschen Post. Dessen Zusteller schaffen es immer wieder, Abwechslung in die Monotonie des Alltags zu bringen. Oft sogar Spannung.

Es klingelt an der Haustür. „Guten Tag, DHL“, kommt es durch die Gegensprechanlage. „Ein Paket für Sie. Können Sie bitte mal eben runterkommen und es abholen?“ Mal eben runterkommen heißt in diesem Fall, mal eben fünf Stockwerke, einen Hof und eine Eingangshalle zu bewältigen.

Zwei Zusteller, ein Paket, null Zustellung

„Tut mir leid, aber ich bin am Telefon“, antworten wir. Kommt schließlich häufiger vor bei Menschen, die von zuhause aus arbeiten. „Na gut, dann bringe ich das Paket zur Post oder werfe eine Karte ein“, kommt es aus der Gegensprechanlage.

Eine DHL-Benachrichtigungskarte finden wir an diesem Tag nicht im Briefkasten, auch nicht am nächsten. Dafür klingelt es am übernächsten Tag. Durch die Videoanlage sehen wir, dass diesmal sogar zwei DHL-Zusteller vor dem Haus stehen. „Guten Tag, ein Paket für Sie“, sagt der eine. „Können Sie mal eben runterkommen und es abholen?“

„Nein, kann ich leider nicht“, sagen wir. Diesmal ohne rechten Grund, sondern allein aus Daffke. Schließlich liefern Hermes und die anderen Paketdienste auch bis zur Wohnungstür oder geben die Pakete bei Nachbarn ab. Und dass DHL bei Mehrfamilienhäusern nicht mehr bis zur Wohnungstür zustellt, ist uns auch neu.

„Tschühüsss“, kommt es aus der Gegensprechanlage, mehr nicht. Kurz darauf finden wir eine DHL-Benachrichtigungskarte im Briefkasten. „Empfänger nicht angetroffen“, steht darauf, was man wohl als Lüge bezeichnen kann. Das Paket sei bei der Post abzuholen.

DHL-Zusteller sind erstaunlich kreativ bei ihrem steten Bemühen, unseren Alltag aufzuhellen. Da ist der Mann, der nicht einmal klingelt, sondern gleich eine Karte einwirft, obwohl wir zu dem Zeitpunkt daheim sind. Als wir das Paket auf der Post abholen, wird uns auch klar, weshalb: Das Ding, beladen mit zwei Kopfkissen und einer Bettdecke, ist recht sperrig.

Der Quotendruck der Zusteller

Und da ist der DHL-Zusteller, der nicht einmal eine Karte einwirft. Unter 164 Briefkästen den richtigen zu finden, ist ja auch verdammt mühsam. Erst durch Nachfrage beim Versender erfahren wir, dass das Paket schon seit Tagen auf der Post liegt.

Es ist schon ein Phänomen, dass ausschließlich die Zusteller von DHL mit überaus kreativen Methoden Spannung in unseren Alltag bringen, aber so gut wie nie die Leute von Hermes, DPD oder UPS. Selbstverständlich sind wir diesem Phänomen auf den Grund gegangen. Sein Arbeitgeber, so erklärt ein DHL-Zusteller, habe die Quote der täglich zuzustellenden Päckchen und Pakete so hoch angesetzt, dass er es unmöglich schaffen könne, sie alle an der Wohnungstür abzuliefern. Für jedes Phänomen gibt es eben eine sehr rationale Erklärung.

Nur ein Rätsel des DHL-Alltags haben wir noch nicht lösen können. Nach welchem Prinzip werden die angeblich nicht zuzustellenden Pakete mal bei der Post, mal in der Packstation deponiert? Dabei wäre es für uns durchaus interessant, dies zu wissen. Denn die Post liegt gleich gegenüber, die Packstation aber 600 Meter entfernt. Es bleibt aufregend, unser Leben mit DHL.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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