Kolumne: Auf einen Klick

Weselsky kann doch gar nicht anders

Viele Medien machen es sich mit ihrer Kritik am Chef der Lokführer-Gewerkschaft GdL zu einfach. Sie ignorieren, dass der Mann einfach eine Rolle zu spielen hat

Es ist populär, Medien verächtlich als so genannte MSM zu schmähen, als Mainstream-Media, die gleichförmig und populistisch berichten. Das weisen die Medienmacher natürlich weit von sich. Dabei scheint es zu stimmen – schaut man zumindest auf die aktuelle Berichterstattung über den Bahnstreik.

Für die große Mehrheit der Journalisten ist der Schuldige klar identifizierbar: Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft. Als “Alleingänger” wird er geschmäht, als “verantwortungslos”, gar als “Bahnsinniger”. Die „Bild“ ruft zu Protestanrufen auf seiner Büronummer auf, der „Focus“ verfolgt ihn bis zu seiner Privatwohnung.

Nun muss man Weselsky nicht mögen. Zumal er es einem das Mögen wirklich schwer macht – mit seiner Wortwahl, seinen Talkshow-Auftritten, seiner Nichtredekunst.

Allerdings machen es sich seine Kritiker oft zu einfach. Denn was viele ignorieren: Weselsky handelt nur entsprechend seiner Rolle – und den äußeren Umständen entsprechend.

Der Konflikt zwischen der Gewerkschaft und der Bahn ist einerseits kompliziert, andererseits recht zweidimensional. Kompliziert, weil der Streit um die Zuständigkeiten für Belegschaftsteile in Tarifkonflikten schwer zu durchschauen und noch schwieriger aufzulösen ist. Zudem ist er in dieser Form einmalig. Denn dass eine Gewerkschaft derart um Einfluss in der Belegschaft kämpft, ist für alle ein Novum, also politisches wie rechtliches Neuland. Zugleich ist es zweidimensional, weil es – anders als bei Prozentforderungen – keinen wirklichen Kompromiss gibt: Entweder die Gewerkschaft setzt sich durch oder die Bahn.

Nun hat sich die Basis der GdL dafür entschieden, diesen Konflikt auszutragen. Weselsky kann also nicht anders, als kämpferisch aufzutreten. Für ihn und seine GdL geht es um alles oder nichts, weil es in diesem Punkt eben keinen Kompromiss geben kann. Das heißt auch, sie müssen den Konflikt so lange eskalieren, bis sich eine Seite durchsetzt. Und da die früheren Streiks nichts gebracht haben, folgt nun also der nächste, über ganze vier Tage.

Das Problem der GdL ist dabei, dass Bahn wie Bahnkunden inzwischen Alternativen bei Zugausfällen haben. Gerade die Passagiere haben aus den ständigen Verspätungen gelernt, zudem gibt es Mitfahrgelegenheiten und vor allem Fernbusanbieter, die erst seit kurzem legal sind. Ein Bahnstreik schmerzt also weniger also früher. Konsequenz aus Sicht der GdL: Er muss verlängert werden, um weh zu tun.

Verstärkt hat den Konflikt die Bundesregierung. Ihr Gesetzentwurf zur „Tarifeinheit” schürt bei kleineren Gewerkschaften die Furcht, dass sie schon in wenigen Monaten ihren Einfluss verlieren könnten, wenn nur noch die größere Gewerkschaft für alle Arbeitnehmer verhandeln kann. Das erzeugt Torschusspanik bei der GdL: Sie muss hart bleiben und muss eine Vertagung ablehnen, will sie nicht riskieren, dass sie später ihrer Waffen durch das Gesetz beraubt wird.

Das weiß natürlich wiederum die Bahn. Daher konnte sie gefahrlos ein Schlichtungsverfahren öffentlich vorschlagen. Weil damit eine Friedenspflicht verbunden gewesen wäre, musste GdL-Chef Weselsky es ablehnen. Wer weiß, ob das auch passiert wäre, wenn Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht kurz zuvor ihren Gesetzesentwurf vorgelegt hätte – da kann die Kanzlerin noch so öffentlichkeitswirksam zur Besonnenheit aufrufen. Es war tatsächlich ihre Regierung, die etwa durch den langjährigen Privatisierungskurs für massenhafte Überstunden bei Lokführern sorgte und die Fronten im Tarifkonflikt verhärtete.

Weselsky ist wahrlich untalentiert, für seine Positionen zu werben oder seine Zwänge zu erklären. Das entschuldigt es aber nicht, wenn diese von vielen Medien nicht berücksichtigt oder klein geredet werden.

Dass es dennoch passiert, ist erklärbar. Erstens ist Vereinfachen leichter als Komplexes aufzudröseln und zu vermitteln. Zweitens spart es Recherchearbeit und Denkanstrengung. Und drittens ist nationales Bahnbashing ausgesprochen populär (mehr noch als Medien- und Politikerbashing) – zumal wenn diesmal sogar mit Weselsky ein scheinbar Alleinschuldiger für die Probleme benannt werden kann. Endlich stehen Medien nicht wieder mal auf der Seite der Besserwisser oder Belehrer, sondern auf der Seite einer Mehrheit, die in Gut-Böse-Schemata denkt und die komplexe Welt auf simple Antworten reduziert.

Das ist einfach. Aber es ist nicht die Aufgabe von Medien, es sich einfach zu machen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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