Kolumne: Auf einen Klick

Das Wahrgefühl der deutschen Fernsehzuschauer

Kritiker behaupten immer wieder, dass die Medien einseitig gegen Russland argumentieren – dabei zeigen die Zahlen eindeutig anderes

Dieser Kommentar wird höchst wahrscheinlich ohne Folgen bleiben. Auch wenn seine Argumente noch so klug, noch so klar formuliert wären, er wird die Kritiker der „Mainstream-Medien“ wohl kaum überzeugen. Für sie steht einfach fest: Die MSM – wie die Medien verschwörerisch von ihren Kritikern abgekürzt werden – greifen die vielen Ansichten und Meinungen zu Russland nicht auf, sondern stellen einseitig Putin an den Pranger. Und dass die Bevölkerung das anders sieht, wollten die MSM demnach nicht wahrhaben, sie wollten ja die Bürger umerziehen. So das Weltbild der Anti-Medienisten.

Wenn man nur die vielen, vielen Titel etwa der Talkshows zu Russland in diesem Jahr liest, dann scheinen sie sogar recht zu haben. Elf Sendungen zu Putin und der Ukraine haben allein die großen Drei – Jauch, Illner und Plasberg – abgehalten. Es wären sogar noch mehr, wenn Plasberg mehr als nur eine gemacht hätte – ihn interessierte aber offenbar mehr die Rente. Und die elf Sendungs-Titel klingen in der Tat MSM-verschwörerisch:

Antwort an Putin: Nachgeben oder Härte zeigen?

Wohin steuert der Kreml-Chef?

Kriegsgefahr in Europa – ist Putin noch zu stoppen?

Putins Machthunger – Wie weit wird Moskau gehen?

Putin, der Große – wie gefährlich ist sein Russland?

Putins Machtspiele – gibt es jetzt Krieg?

Putin-Versteher oder Amerika-Freund – Muss Deutschland sich entscheiden?

Russisches Roulette – Kann man Putin trauen?

Putins neues Russland – Europa am Rande des Krieges?

Putins Alleingang – Droht jetzt Krieg in Europa?

Wladimir Putin – der gefährlichste Mann Europas?

Aber es soll ja um die Inhalte gehen, und nicht nur um oberflächliche, provokante Titel, die Zuschauer erregen und an den Fernseher locken sollen.

Und wer die Gästelisten überblickt und die Sendungen gesehen hat – was ich habe – dann zeigt sich: So genannte Russland-Versteher und -Kritiker halten sich ziemlich genau die Waage: 22 Gäste verteidigen das Vorgehen Putins, 20 kritisieren ihn. 13 weitere äußerten sich irgendwo dazwischen oder redeten so unklar und wenig, dass sie nicht zuzuordnen sind.

Nun kann man darüber streiten, ob die Wahl der Gäste immer so gelungen ist: Jauch etwa lud in fast alle Sendungen zu Russland die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein. Die junge Ex-Piratin Marina Weisband darf ebenso gleich in mehreren Shows auftreten wie der alternde Matthias Platzeck und der frotzelnde Gregor Gysi. Und natürlich nimmt sich der eine Gast mal mehr, der andere etwas weniger Redezeit. Aber das ist nebensächlich.

Denn die Bilanz ist eindeutig: In deutschen Talkshows – die großen Drei erreichen mindestens 2,5 Mio. Zuschauer, mehr als jede Zeitung – kommen alle Seiten ausführlich und nahezu gleich berechtigt zu Wort. Das bestätigt auch eine Untersuchung der Bundeszentrale politische Bildung, die 30 Sendungen in der ersten Jahreshälfte ausgewertet hatte.

Die Ausgewogenheit ist ja auch nur logisch: Die Sendungsmacher wollen erstens möglichst viele Zuschauer anlocken und zweitens eine Stunde füllen. Wenn alle derselben Meinung wären, gäbe es nichts zu diskutieren, die Quoten brächen ein und alle Gäste schwiegen sich die restlichen 55 Minuten nur noch an.

Aber das wird die MSM-Kritiker nicht berühren. Für sie zählen Fakten nicht, sondern nur das Wahrgefühl – oder „Truthiness“, wie der Philosoph Stephen Colbert das Phänomen bereits 2005 bezeichnete. Die gefühlte Wahrheit wiegt schwerer als die faktische, weil das Gefühl sich besser anfühlt als das Rationale.

Das Wahrgefühl ist nicht nur auf MSM-Kritiker beschränkt. Es ist derzeit zu spüren bei jenen angeblichen Patrioten, die gegen eine angeblich Islamisierung in Dresden demonstriert haben – in einem Bundesland mit einem Migrantenanteil von nur zwei Prozent. Es ist zu spüren bei Berlinern, die ihre Mieten als die höchsten der Welt empfinden. Und natürlich bei der CSU, und zwar immer.

Nun kann man auf zweierlei Arten darauf reagieren. Entweder: Man versucht, dem Wahrgefühl der Kritiker gerecht zu werden, damit sie ihre Kritik reduzieren – und setzt womöglich sogar mehr Vertreter einer Seite ins Plenum, als es sinnvoll wäre. Bei Illner etwa traten am 24. April gleich vier Putin-Verteidiger gegen einen Kritiker an.

Oder: Man akzeptiert, dass man gegen das Wahrgefühl leider nicht ankommt und lässt sich von den MSM-Kritikern nicht einschüchtern. Und verzichtet dann darauf, immer die gleichen Pro/Contra-Vertreter einzuladen und holt stattdessen häufiger echte Experten vor die Kamera, mit differenzierterer Meinung und mehr Erfahrung in Russland oder der Ukraine. Leute wie etwa Sonja Mikich oder Yevgenia Belorusets statt einen Richard-David Precht oder Marina Weisband, bei denen offenbar der Promi-Faktor wichtiger war als der Erkenntnisgewinn.

Andererseits: Dann wären viele Talkshows natürlich sehr schnell sehr leer. Manche würden womöglich gar überflüssig. Das kann natürlich auch keiner wollen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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