Kolumne: Moneytalk

Persönlichkeitsspaltung der Börsianer

Der Ölpreis ist drastisch gefallen, auf den niedrigsten Stand seit fünfeinhalb Jahren. Das freut die Konsumenten. Doch die Aktienanleger unter ihnen sind besorgt. Mehr Sorgen sollten sie sich allerdings wegen Griechenland machen

Von vorweihnachtlicher Ruhe kann an den Finanzmärkten wahrlich keine Rede sein. Stieg der deutsche Leitindex DAX in der ersten Dezemberwoche auf ein neues Rekordhoch, fiel er in der zweiten Woche wieder deutlich unter die 10.000-Punkte-Marke. Die kräftigen Kursschwankungen an den Börsen spiegeln die Gemütsbewegungen der Anleger wider, die bestimmte Entwicklungen mal positiv, mal negativ interpretieren.

Dies gilt insbesondere für die Entwicklung des Ölpreises. Der ist seit Sommer um rund 40 Prozent gefallen und mittlerweile so niedrig wie seit fünfeinhalb Jahren nicht mehr. Das freut die Menschen in ihrer Eigenschaft als Konsument, weil die Tank- und Heizölrechnungen entsprechend niedriger ausfallen – und mehr Geld für die Weihnachtseinkäufe übrigbleibt. Doch als Anleger bewerteten sie den Ölpreisrückgang zuletzt negativ, wenn man den Aktienmarkt-Analysten glauben darf. Möglicherweise leidet der eine oder andere Börsianer an Persönlichkeitsspaltung.

Was Investoren Kopfzerbrechen bereitet, ist weniger der Rückgang der Ölnotierungen an sich, sondern das Tempo des Preisverfalls. Dies könnte nach Einschätzung von Beobachtern dazu führen, dass ölproduzierende Länder massive Probleme bekommen, ihre Staatsausgaben zu decken. Vor allem in Russland könnte es nach Meinung von Skeptikern eng werden und zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft kommen, was wiederum verheerend für die Finanzmärkte wäre. Gegen diese These sprechen allerdings die hohen Währungsreserven, mit denen das Land auch eine längere Schwächephase des Ölpreises halbwegs schadlos überbrücken könnte.

Gut möglich, dass schon bald diejenigen Anleger wieder die Oberhand gewinnen, die die unbestreitbaren Vorzüge niedrigerer Ölpreise sehen. Sie wirken für ölimportierende Länder, also besonders für Industrieländer wie Deutschland, wie ein Konjunkturprogramm. Die Volkswirtschaft spart zig-Milliarden für Öleinfuhren, Verbrauchern und Unternehmen steht mehr Geld für Konsum und Investitionen zur Verfügung.

Gefahr droht aus Athen

Berechtigte Sorgen machen sich Börsianer allerdings über die Ereignisse in Griechenland. Dort zog die Regierung die Präsidentschaftswahl überraschend vom 15. Februar 2015 auf den 17. Dezember 2014 vor. Wegen der Uneinigkeit der politischen Parteien dürfte diese Wahl scheitern, was zur Folge hätte, dass es im Februar zu vorgezogenen Parlamentswahlen käme. Dabei besteht aus Sicht der Anleger das Risiko, dass die Euro-skeptische Linkspartei Syriza die Wahl gewinnt und Regierungsverantwortung übernimmt.

Denn nach einer aktuellen Umfrage käme Syriza auf 31 Prozent der Stimmen, während die Regierungspartei von Ministerpräsident Antonis Samaras bei knapp 26 Prozent landen würde. Syriza lehnt die Politik der Troika aus EU, EZB und IWF ab und fordert vehement ein Ende des Sparkurses. An den Finanzmärkten wird die Wahrscheinlichkeit für einen Austritt Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion inzwischen auf 20 Prozent geschätzt.

Kein Wunder, dass die Anleger für griechische Staatsanleihen wieder höhere Risikozuschläge verlangen: Die Rendite für zehnjährige Papiere stieg vorübergehend auf über neun Prozent. Gleichzeitig gingen auch die Renditen der Euro-Südländer Portugal, Spanien und Italien deutlich nach oben, während die Flucht in den sicheren Hafen Bundesanleihen deren Rendite auf ein Rekordtief von 0,64 Prozent im Zehnjahresbereich drückte. Damit ist die Euro-Staatsschuldenkrise wieder in das Bewusstsein der Anleger zurückgekehrt.

Chinas Konjunktur flaut ab

Für Verstimmung an den Märkten sorgten zudem Nachrichten aus China: Die Bank von China gab bekannt, keine Wertpapiere schlechter Qualität mehr als Sicherheiten zu akzeptieren. Außerdem sickerte durch, dass das Planziel Pekings für das Wirtschaftswachstum 2015 nur sieben Prozent betragen soll, nachdem es für 2014 noch bei 7,5 Prozent lag. Aktuelle Daten deuteten auf eine Abschwächung der Konjunktur in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hin. So legten die Exporte Chinas zuletzt wesentlich schwächer zu als erwartet und die Inflation fiel auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren.

Dagegen gingen von starken Konjunkturzahlen aus den USA positive Impulse auf die Aktienmärkte aus: Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen von Oktober bis November um 0,7 Prozent und übertrafen damit die Konsensprognose der Analysten von 0,4 Prozent deutlich. Zusammen mit dem nach oben revidierten Vormonat sprechen die Einzelhandelsumsätze für einen sehr starken Konsum im vierten Quartal und ein erneut beachtliches Wachstum der US-Wirtschaftsleistung von über drei Prozent.

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, ob der FOMC-Ausschuss der amerikanischen Notenbank Fed bei seiner in dieser Woche stattfindenden Dezember-Sitzung in Bezug auf Leitzinsanhebungen andere Signale aussendet als bisher. Einige Fed-Watcher rechnen damit, dass Fed-Chefin Janet Yellen und Co. in ihrem Statement die Formulierung  „für einen beachtlichen Zeitraum“ durch eine Formulierung wie „für einige Zeit“ oder „für eine Weile“ ersetzen wird. Das würde darauf hindeuten, dass die erste Zinsanhebung innerhalb der nächsten sechs Monate anstehen dürfte.

Damit würde die Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks eine unterschiedliche Richtung nehmen. Denn in der Eurozone verdichten sich die Anzeichen, dass die EZB über kurz oder lang mit dem Ankauf von Staatsanleihen beginnen wird. So fiel die Nachfrage der Banken beim zweiten zielgerichteten Refinanzierungsgeschäft (TLTRO) der Notenbank erneut enttäuschend niedrig aus. Berücksichtigt man die laufenden Rückzahlungen aus anderen Refinanzierungsgeschäften der EZB, rückt die von der EZB angestrebte Bilanzausweitung auf rund 3.000 Milliarden Euro in noch weitere Ferne.

Verstärkt wird der Druck auf die Euro-Zentralbanker durch den Umstand, dass die Inflationsrate parallel zum Ölpreisverfall weiter sinken dürfte. In einigen Euro-Staaten herrscht bereits Deflation, Anfang 2015 könnten die Verbraucherpreise im Durchschnitt sogar für die gesamte Eurozone sinken. Deshalb ist eine Entscheidung der EZB über den Kauf von Staatsanleihen in den ersten Monaten des neuen Jahres wahrscheinlich.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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