Kolumne: Moneytalk

Verfall der Energiepreise setzt EZB-Chef Draghi unter Druck

Die Eurozone ist vom Beginn einer Deflation nicht mehr weit entfernt. Mario Draghi und seine Kollegen im Rat der Europäischen Zentralbank dürfte dies ziemlich nervös machen – und den Handlungsdruck erhöhen

Die internationalen Aktienmärkte haben in der vergangenen Woche ihren Aufwärtstrend größtenteils fortgesetzt. Der S&P 500 erreichte erneut ein Allzeithoch, der DAX bewegt sich nur knapp unter der Marke von 10.000 Punkten.

Positive Impulse kamen zuletzt von den veröffentlichten Konjunkturdaten. Da wäre zum einen das nach oben revidierte US-BIP für das dritte Quartal zu nennen. Zum anderen konnte das ifo-Geschäftsklima entgegen den Prognosen wieder zulegen und damit seinen Abwärtstrend stoppen. Zum anderen sorgen weiterhin die Notenbanken für Fantasie bei den Anlegern. Während die Bank von Japan schon seit längerer Zeit überaus aggressiv agiert, schüren Kommentare von Repräsentanten der Europäischen Zentralbank (EZB) zunehmend die Erwartungen auf mögliche Staatsanleihekäufe. Vor diesem Hintergrund sind die Renditen auf den Anleihemärkten der Eurozone weiter gefallen.

Kein Wunder, dass Börsianer mit Spannung auf die in dieser Woche anstehende Zinssitzung der EZB warten. Notenbank-Beobachter werden sorgfältig darauf achten, ob EZB-Chef Mario Draghi auf der anschließenden Pressekonferenz Andeutungen macht, ob und wann Wertpapierkäufe auf weitere Vermögensklassen ausgedehnt werden. Am Markt rechnet man nicht damit, dass es noch im alten Jahr zu einem entsprechenden Beschluss kommen wird.

Inflationsrate sinkt auf 0,0 Prozent
Im ersten Quartal des neuen Jahres dürfte es dann allerdings so weit sein. Denn es spricht einiges dafür, dass die Inflationsrate im Euroraum bis Anfang 2015 auf 0,0 Prozent fallen wird. Im November ist sie auf 0,3 Prozent zurückgegangen und somit gefährlich nahe an die Nulllinie herangerückt. Vom Beginn einer Deflation ist die Eurozone also nicht mehr weit entfernt, was Mario Draghi und seine Kollegen im EZB-Rat ziemlich nervös machen dürfte – und den Handlungsdruck erhöht.

Der Rückgang der Teuerung im November ist primär auf den Einbruch der Ölpreise zurückzuführen. Energie verbilligte sich von Oktober bis November um 1,3 Prozent. Vermutlich werden die Energiepreise in den kommenden Monaten weiter sinken, da die Ölimporteure die günstigeren Einkaufspreise wohl noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben. Hinzu kommt, dass die Gas- und Strompreise mit zeitlicher Verzögerung an die Ölpreise angepasst werden. Da derzeit im deutschen Einzelhandel ein Preiskampf tobt, sind außerdem die Nahrungsmittelpreise unter Druck geraten.

Bei einer auf null fallenden Inflation müssen die Euro-Notenbanker fürchten, dass auch die Inflationserwartungen bei Unternehmen und Verbrauchern weiter sinken. Für die EZB wäre das ein Anlass, einmal mehr auf die Gefahr einer deflatorischen Spirale nach unten hinzuweisen und mit den erwarteten Staatsanleihekäufen zu beginnen, ungeachtet aller Warnungen – insbesondere aus Deutschland –, dass es sich dabei um unerlaubte Staatsfinanzierung handeln würde.

Natürlich könnte die EZB auch Bank- oder Unternehmensanleihen kaufen. Das Problem hierbei ist allerdings, dass die Märkte für diese Anleihen-Segmente nicht ergiebig genug sind. Nur der Staatsanleihemarkt ist groß genug, um die für ein groß angelegtes Aufkaufprogramm nötigen Volumina zu bieten.

Draghis gefährliches Spiel
Eine Gefahr der extrem expansiven Geldpolitik besteht darin, dass sie zu Spekulationsblasen auf den Vermögensmärkten führt. Dessen sind sich die Notenbanker durchaus bewusst. Das hindert die EZB aber nicht daran, noch mehr Gas zu geben, weil für sie offenbar das Inflationsziel den Vorrang gegenüber Finanzmarktstabilität genießt. Hier treiben Draghi und seine Mitstreiter ein riskantes Spiel. Schließlich ist es alles andere als sicher, dass der Kauf von Staatsanleihen tatsächlich zu höheren Inflationsraten führt. Dagegen hat das vergangene Jahrzehnt eindrucksvoll gezeigt, welche verheerenden ökonomischen Schäden durch das Platzen von Spekulationsblasen entstehen können.

Dennoch hat die Aussicht auf weitere expansive Schritte der EZB die Aktienmärkte in der Eurozone im November nach oben getrieben. Somit scheint das Jahr 2014 doch mit einem Anstieg des DAX gegenüber Ende 2013 zu Ende zu gehen, obwohl der deutsche Leitindex im Oktober noch unter dem Stand von Anfang des Jahres notierte. Allerdings fällt das Plus beim DAX-Kursindex bescheiden aus, es betrug Ende November gerade mal knapp zwei Prozent. Wesentlich besser schnitten der breite europäische STOXX 600 mit sechs Prozent und vor allem der amerikanische S&P 500 mit einem Anstieg von zwölf Prozent ab.

Ursachen für die schwächere Performance der europäischen Aktienindizes – und besonders des DAX – sind die schwächere Konjunkturentwicklung diesseits des Atlantiks sowie die Ukraine-Russland-Krise. Die blutleere konjunkturelle Entwicklung blieb nicht ohne Folgen für die Unternehmensgewinne: Sie stiegen schwächer als noch zu Jahresbeginn von Aktienanalysten vorausgesagt und stützten daher die Notierungen nicht in dem Maß, das man sich erhofft hatte.

Für 2015 rechnen Aktienexperten momentan im Durchschnitt mit einem Zuwachs der Unternehmensgewinne in Europa von rund zehn Prozent. Das spricht dafür, dass sich der Aufwärtstrend der Aktienmärkte 2015 fortsetzen wird. Es bestehen jedoch erhebliche Risiken, dass die Gewinnprognosen im Laufe des Jahres nach unten revidiert werden müssen. Zwar kommt die Abwertung des Euro den Gewinnen der hiesigen Exportunternehmen zugute. Dem steht aber eine weiterhin nur zähe Konjunkturerholung gegenüber. Zudem unterstellen Analysten eine Ausweitung der Gewinnmargen, was angesichts ohnehin schon sehr guter Margen überaus ambitioniert erscheint. Hier bergen die Erwartungen also ebenfalls Enttäuschungspotenzial. Insgesamt sollten die Firmengewinne im neuen Jahr die Kursentwicklung an den europäischen Aktienmärkten aber dennoch stützen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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