Justiz

Vergewaltiger, die keine sind

Der Vorwurf einer Vergewaltigung wiegt schwer. Aber auch hier muss der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ gelten. Für die leichtfertig Verdächtigten ist das verheerend, wie etwa der Fall Karl Dall zeigt. Und auch ein Bärendienst für echte Opfer

Klick und die Handschellen waren zu. „Auf dem Revier dann das volle Programm: nackt ausziehen, auf Drogen durchsuchen. Ich kam in die Arrestzelle, nichts drin außer Klo ohne Deckel.“ Ein Albtraum, den der deutsche Entertainer Karl Dall zwei Wochen nach seiner Festnahme in der „Zeit“ beschrieb. Reporterin Anita Blasberg besuchte das Ehepaar Dall in dessen Hamburger Wohnung und nahm es als „Überlebende eines schweren Unfalls“ wahr. Nur war es keiner.

Karl Dall war von einer Schweizer Journalistin der Vergewaltigung bezichtigt und angezeigt worden, das, wie er sagt, „schlimmste Gewaltverbrechen, das man einem Menschen antun kann, gleich nach Mord“. Ein Komiker in Abwehrhaltung, gezwungen, im ZDF und anderswo derlei Statements abzugeben und sich von Gewalt gegen Frauen zu distanzieren. Gar nicht komisch. Eher todtraurig. Aber was sollte Dall tun? Er wusste, dass der Verdacht – Freispruch hin, Freispruch her – genügt, ihn zu ruinieren: „Es bleibt was kleben. Andreas Türck von ProSieben: Freispruch, Karriere kaputt. Kachelmann: trotz Freispruch erledigt. Ich möchte so nicht abtreten.“

Das Gericht in Zürich, das den Fall verhandelte, sprach Dall frei. Der Urteilsspruch war von der Kategorie, der keine Zweifel an der Richtigkeit und der Unschuld des Angeklagten zulässt. Die Kammer sah den Vorwurf als nicht ausreichend belegt an und zog die Glaubwürdigkeit der Klägerin unter Verweis auf viele Ungereimtheiten in ihren Aussagen in Zweifel. Kurzum: Es glaubte ihr nicht. Die Staatsanwaltschaft schon. Zumindest ein bisschen. Sie hatte zwei Jahre auf Bewährung gefordert, obwohl auch sie die Glaubwürdigkeit nicht besonders groß einschätzte und darauf verwies, dass Aussage gegen Aussage stehe. Dies mache aber, so zitierte dpa die Anklagebehörde, eine Vergewaltigung „nicht von Anfang an unmöglich“. Die Aussagen der Frau bei ihrer polizeilichen Vernehmung seien durchaus plausibel.

Verlängerter Albtraum

Dass Dall überhaupt angeklagt wurde, hält selbst sein Verteidiger Marc Engler für korrekt, zumal die Klägerin seinen Angaben zufolge eine Einstellung des Verfahrens angefochten hätte, was Dalls Albtraum um „sechs bis neun Monate“ verlängert hätte. Die eidgenössische Justiz geht strikt nach dem Grundsatz „in dubio pro duriore“ („Im Zweifel für das Härtere“) vor. „Die Aussagen der Geschädigten waren nicht völlig aus der Luft gegriffen und deckten sich mit überprüfbaren Fakten. (…) Es gab somit einen dringenden Tatverdacht“, erklärte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

„Nicht völlig aus der Luft gegriffene“ Angaben würden in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Anklage reichen. In der Schweiz sehr wohl. Die Staatsanwaltschaft muss in Fällen, die wie der Dalls gelagert sind, in denen Aussage gegen Aussage steht, Anklage erheben. Auch in der Bundesrepublik wird nach der Vorgabe „in dubio pro duriore“ verfahren, jedoch ist der Anwendungsspielraum weitaus größer als in der Schweiz.

Es wäre Anmaßung, die Tätigkeit einer Staatsanwaltschaft der demokratischen Schweiz zu verurteilen oder von Deutschland aus Besserwisserei zu betreiben. Es ist ihr Job, schweren Anschuldigungen nachzugehen, auf dünnen Hinweisen herumzureiten und geringe Wahrscheinlichkeiten zu verfolgen. Aber sie zu beurteilen, das muss erlaubt sein, zumal das Gericht Karl Dall freigesprochen hat. Zwar gilt – wie erwähnt – bei Anklageerhebung und -zulassung durch das Gericht der Grundsatz „in dubio pro duriore“. Doch bei der Forderung des Strafmaßes muss und gilt selbstverständlich auch in der Schweiz „in dubio pro reo“ („Im Zweifel für den Angeklagten“).

Seltsam auch, dass der Staatsanwalt, wenn er Dall für schuldig hielt, zwei Jahre Gefängnis verlangte. Verteidiger Engler sagt: „In der Regel, heißt es unter Staatsanwälten, bei Vergewaltigung nicht unter drei Jahren fordern.“ Also nur ein bisschen schuldig und deshalb nur ein bisschen Strafe für ein bisschen Vergewaltigung? Klingt ätzend – und ist es auch.

Liste verfolgter Männer

Die Liste der Männer, die die Frau vor Dall verfolgt hat, ist lang. „Die Zeit“ nennt mehrere Beispiele. Der Sänger Jürgen Drews habe Anzeige gegen die Journalistin erstattet, weil sie ihm 2009 Fotos ihrer nackten Brüste geschickt und mit Mord gedroht habe. 2006 sei sie bei einem Konzert von Udo Jürgens von der Polizei dingfest gemacht worden. Auch er habe von der Frau Todesdrohungen erhalten, mehrmals seine Rufnummern geändert, da er „bis zu 50 Anrufe in der Stunde“ erhalten habe. Nach übereinstimmenden Berichten schweizer und deutscher Medien ist die Klägerin zweifach vorbestraft, weil sie bekannte Politiker nervte. Ein psychologisches Gutachten habe der Frau eine „unbehandelte Angststörung“, eine „obsessionelle Zwangssymptomatik“ und eine „erotomane Wahnsymptomatik“ attestiert.

„Sie wollte mit mir in der Schweiz leben. Sie hatte mich auch schon um Geld angehauen. Sie hatte jede Menge Schulden, war spielsüchtig. Und ich sollte ihr ein Häuschen kaufen im Berner Oberland“, berichtete Dall in der „Zeit“. Es ist möglich, dass er all das erfunden hatte, um die Frau, die ihn wegen Vergewaltigung angezeigt hat, als unglaubwürdig darzustellen. Sollte es so sein, wäre er sehr raffiniert. Konjunktiv.

Genau das ist das Problem. Die Mutmaßung, da könne etwas dran sein und vielleicht seien alles Schutzbehauptungen, schwingt in solchen Prozessen immer mit. Eine einzige Mail von Dall, die schon „im Papierkorb“ gewesen sei, hat die Klägerin dem Gericht präsentiert. Der Beschuldigte gab darin bekannt: „Als ich gestern oder heute früh Deine geilen Mails bekam, habe ich gewichst und dann gleich nochmal.“

Ein Witz? Dann war es einer von der Kategorie saudämlich. Dall ist bekannt dafür, auch öffentlich platte oder dümmliche Sprüche über Sexualität weit unter der Gürtellinie und noch weiter unter Niveau zu machen. Das ist seine Art von Humor. Jede Wette, dass solche Mails Tag für Tag tausendfach wortgleich oder im Wortsinn verschickt werden. Sind sie also ein Indiz dafür, dass der Verfasser nicht nur ein Schweineigel, sondern auch eine gewalttätige Sau ist? Kann sogar sein, muss aber nicht. Also im Zweifel für den Angeklagten.

Ein Leserkommentar unter besagtem „Zeit“-Bericht lautet: „Ich würde nie mit einem Mann allein ins Hotelzimmer gehen, der mir vorher schlüpfrige e-mails geschrieben hat. Da kann ich mir doch denken, was der vorhat…“ Ja, kann man das? Was denn? Sex? Kuschel-Sex? SM-Sex? Vergewaltigung? Sind Männer, die schlüpfrige Mails schreiben, potenzielle Vergewaltiger? Wohl kaum. Aber man darf ruhig munkeln und mutmaßen.

Was hängen bleibt

Man muss davon ausgehen – und hoffen -, dass die Staatsanwaltschaft gute Gründe hatte, für Dall zwei Jahre auf Bewährung zu fordern. Wäre es nicht so, wäre es umso bitterer für den Komiker. In der Nacht zum 5. September 2013 soll es zu der Vergewaltigung gekommen sein. Ab 3. November 2013 wurde er für vier Tage eingesperrt. Am 9. Dezember 2014 wurde er freigesprochen. Ein Jahr des Wartens und der Unsicherheit, ein Jahr, in dem Dall keinen richtigen Job mehr hatte, Projekte mit ihm aufgeschoben wurden. TV-Sender zeigen nun einmal ungern Shows oder Filme mit der Vergewaltigung beschuldigten oder angeklagten Komikern und Wettermoderatoren.

Finanziell hat Karl Dall das Loch sicher verschmerzt, das ihm entstanden ist. Er hat genug Geld. Er hat mit 73 Jahren seine beste Zeit hinter sich – anders als Jörg Kachelmann, der von der ARD fallengelassen wurde wie eine heiße Kartoffel und seither den Megawutbürger bei Twitter gibt. Zum Freispruch Dalls zwitscherte er: „Und wie immer nimmt mans locker, dass Lügnerinnen/Falschbeschuldigerinnen (…) frei herumlaufen.“ Eine Followerin kam zu dem Schluss: „Und wie viele werden wieder sagen: „Na wer weiß, vielleicht hat er ja doch …“?“

Das ist in der Tat ein Problem. Doch selbst wenn nichts hängen bleibt, so muss nun der freigesprochene Karl Dall ertragen, dass jeder, der Zeitung gedruckt oder digital liest, weiß, wie es um die Nudel der Ulknudel steht: „Ich würde nicht sagen, dass es gar nicht mehr geht.“ Eigentlich geht das niemanden etwas an. Trotzdem scheut sich ein Portal wie news.de nicht, eine Schlagzeile zu bringen: „Freispruch: „Wichste“ Karl Dall nach „geilen Mails“?“

Das Tragische an dem Prozess – und das hätte sich die Züricher Staatsanwaltschaft bitte überlegen sollen -, ist der Bärendienst, dem die Justiz „echten“ Vergewaltigungsopfern erwiesen hat. Es ist bekannt, dass es Frauen (und Männer) gibt, die schwindeln, die eine sexuelle Misshandlung oder Beleidigung unterschiedlicher Schwere erfinden, um sich an Ex-Partnern oder Bekanntschaften zu rächen, Geld zu erpressen oder sich wichtig zu machen. Fälle wie der von Karl Dall haben nicht nur zur Folge, dass über beschuldigte Männer im Falle eines Freispruchs gedacht wird: Na, war der es nicht doch? Klar ist: Ein tatsächlich zu Unrecht Beschuldigter hat nicht den Ansatz einer Chance, seine Unschuld zu beweisen. Es wird immer etwas bleiben, worüber es zu munkeln gibt – und wenn es die Potenz des Betroffenen ist.

Generalverdacht gegen Frauen

Genauso droht Frauen der Generalverdacht zu lügen und unliebsamen Männern eins reinwürgen zu wollen. Schon heute ist die Hemmschwelle, zur Polizei zu gehen und eine Vergewaltigung anzuzeigen, aus leicht nachvollziehbaren Gründen enorm hoch. Echte Vergewaltigungsopfer werden kaum zur Polizei gehen im Bewusstsein, eventuell selbst an den Pranger gestellt zu werden. Ein Grund mehr für die Justiz, genau zu prüfen und abzuwägen, wann sie Anklage erhebt und ob sie sie zulässt.

Dass Frauen nicht geglaubt wird, ist definitiv nichts Neues. Die amerikanische Schauspielerin Barbara Bowman beklagte sich bitter, dass ihre Vorwürfe gegen ihren Kollegen Bill Cosby erst jetzt öffentliche Resonanz finden. Etwa zwei Dutzend Frauen beschuldigen den einst enorm populären Entertainer, Kolleginnen sexuell genötigt zu haben. „Warum hat es 30 Jahre gedauert, bis man meine Geschichte glaubt?“, fragte Bowman in der „Washington Post“.

Die USA erlebt gerade so etwas wie eine Welle öffentlich heftig diskutierter „Fälle“ von (angeblichen) Vergewaltigungen, die ausgerechnet Frauen ins Zwielicht rücken. Das Magazin „Rolling Stone“ zog eine Geschichte zurück, weil sich mehrere Aussagen des mutmaßlichen Opfers „Jackie“ zu einer angeblichen Gruppenvergewaltigung an einer Uni in Viginia als falsch erwiesen. Mit der Aussage in der Entschuldigung bei den Lesern, „angesichts neuer Informationen“ sei „unser Vertrauen in sie (Jackie ) nicht gerechtfertigt“ gewesen, entfachte die Redaktion eine neue Diskussionen, weil es so wirkte, als wolle sie ihre Schuld an der falschen Berichterstattung auf Jackie abwälzen. Der Satz wurde nach einem Bericht der „Washington Post“ ausgetauscht in: „Den Fehler hat Rolling Stone gemacht, nicht Jackie.“ Noch weiß nämlich niemand, ob Jackie nur Details falsch wiedergegeben oder komplett gelogen hat.

Die amerikanischen Filmschaffende Lena Dunham, von der FAZ kürzlich zur „Feministin unseres Vertrauens“ erhoben, gibt in ihrer Autobiografie „Not that kind of girl“ an, sie sei als 19-Jährige auf dem College von einem „Barry“ sexuell missbraucht worden. Da sie zahlreiche konkrete Angaben zu ihrem (mutmaßlichen) Peiniger veröffentlichte, recherchierten Journalisten des rechten Newsportals Breitbart.com und machten „Barry“ ausfindig. Resultat: Der war es nicht. Nun erklärte ihr Verlag laut thewrap.com: „Der Name Barry ist ein Pseudonym. Random House bedauert im eigenen Namen und im Namen unserer Autorin die Verwirrung.“ Der echte „Barry“ ist inzwischen landesweit bekannt wie ein bunter Hund.

Hängen bleibt immer etwas.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, hat zuvor unter anderem für die Nachrichtenagenturen ap und Reuters gearbeitet.

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