Kolumne: Links gedreht

Warum das Öl so billig ist

Der rasante Verfall des Ölpreises hat 2014 überrascht. Jetzt gedeihen die Verschwörungstheorien. Dabei ist die Erklärung recht simpel. So simpel, dass vergessen werden könnte, daraus die richtigen Schlüsse für die deutsche Energiewende zu ziehen

2014 wird das Jahr des Öls – das Jahr, in dem der Preis in nur sechs Monaten um über 40 Prozent abgeschmiert ist. Und das, obwohl überall in der Welt politische Krisen die Tagesordnung bestimmen. Die Ukraine im Clinch mit der Ölmacht Russland. Der „Islamische Staat“ (IS) im Besitz der bedeutenden nordirakischen Ölmetropole Mossul. Da braucht es gar keine gezielten Terror-Angriffe auf die Ölindustrie, wie sie der frühere CIA-Agent Robert Baer 2003 recht plastisch in seinem Buch „Die Saudi-Connection. Wie Amerika seine Seele verkaufte“ auf Basis geheimdienstlicher Planspiele aus der Reagan-Ära schildert: Jeder hätte angesichts der globalen politischen Großwetterlage eher auf eine Preisexplosion getippt.

Doch die Notierungen fallen und fallen. Zwischen den Jahren kostet ein Fass à 159 Liter der US-Standardsorte WTI weniger als 55 Dollar, das für Europa maßgebliche Äquivalent Brent schlägt mit unter 60 Dollar zu Buche. Da niemand einen Anlass für den zur Jahresmitte einsetzenden Ölpreisverfall finden kann, muss sich ein struktureller Grund hinter der Marktbewegung verbergen. Klar: Es ist die Nutzung unkonventioneller Lagerstätten durch moderne Technik – kurz: Fracking -, das in Deutschland vor allem beim Thema Gas diskutiert wird, tatsächlich aber auch Unmengen unkonventionelles Öl aus dem Boden presst. Der Fracking-Boom in den USA hat das Land binnen kurzer Zeit vom Ölverbraucher zum Ölexporteur gemacht. Und schaut man sich die – stets umstrittenen, weil hochpolitischen – Berechnungen der Reserven an, sind die Vereinigten Staaten plötzlich zurück im Konzert der ganz Großen.

Finstere Verschwörer am Werk?
Was es mit dem Fracking auf sich hat, dazu kursieren derzeit zwei Verschwörungstheorien. Die eine besagt – in Kürze –, dass die Saudis gerade dabei wären, die Amis und ihre Fracking-Industrie aus dem Ölgeschäft herauszukaufen: Sie drückten, von der Opec gedeckt, den Preis so weit, dass sich das teure, weil technologisch anspruchsvolle Fracking nicht mehr rechnet. Wir werden bald sehen, wie stichhaltig diese Theorie sein könnte. Denn viele der Ölunternehmen, die auf Fracking setzen, haben ihre Investitionen über Unternehmensanleihen finanziert, meist mit einem ziemlich hohen Coupon. Fallen die ersten davon aus, werden sich Verfechter dieser These wieder lauter zu Wort melden.

Die zweite Verschwörungstheorie geht – wiederum verkürzt – davon aus, dass sich US-Amerikaner und Saudis wie immer zusammengetan haben; diesmal, um den Energiegiganten Russland zumindest vorübergehend aus dem Ölgeschäft zu schießen. Schaut man sich die finanziellen Zustände in Wladimir Putins Reich an, sieht man Kapitalflucht und galoppierende Inflation und die schon fast verzweifelten Versuche der Moskauer Notenbankchefin Elvira Nabiullina, sich gegen den Rubel-Absturz zu stemmen, dann könnte man meinen, auch die Vertreter dieser These hätten einen Punkt.

Doch beide Theorien, die das Wirken finsterer Mächte hinter der Wirklichkeit vermuten, sind überflüssig. Man muss nur einen Blick auf das US-Wirtschaftswachstum werfen, um zu wissen, worum es tatsächlich geht. Im dritten Quartal ist es auf fünf Prozent emporgeschossen, wenn man es aufs Jahr hochrechnet – der höchste Wert seit über zehn Jahren. Die wichtigsten Aktienindizes sind auf Rekordkurs. Es sind zunächst die Verbraucher, die weniger Geld an der Tankstelle lassen und es anderweitig ausgeben. Einige träumen angesichts der billigen Energie schon von einer Reidustrialisierung des Landes. Da wird ordentlich Geld verdient – eine gezielte Politik gegen Russland oder gar die engen Verbündeten aus dem Haus der Saud, sie steckt nicht hinter dem Fracking-Boom.

Windfall-Profits für die Energiewende
Alles fein, so scheint es. Auch wir Europäer dürfen uns ein wenig freuen – vielleicht außer Mario Draghi, dem der zeitgleich fallende Euro einen Strich durch die Rechnung macht und seinen Plan, nicht nur die Ausfuhren zu stärken, sondern zugleich auch Inflation in die Euro-Zone zu importieren, erst einmal durchkreuzt hat. Nur: Die Ölpreise sind gerade einmal dahin gefallen, wo sie zuletzt vor fünf Jahren waren. Vom wirklich billigen Öl zu – sagen wir mal – 20 Dollar das Fass sind wir meilenweit entfernt. Auch wenn der erhöhte Fracking-Einsatz den Blick etwas verstellt: Der Rohstoff ist eben endlich. Das wird spätestens der nächste Ölkater zeigen, wenn eine internationale Krise tatsächlich das Angebot massiv verknappen oder die Fracking-Wirtschaft in den USA an ihrem eigenen Erfolg zerbrechen sollte.

Wer an die Zukunft denkt, sollte zufällig frei werdende Mittel, klassische „Windfall Profits“, erst recht in andere Energien investieren. Denn nur eine intelligente Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Quellen wird dauerhaft für Stabilität sorgen – ohne Öl aus dem Nahen und Mittleren Osten, ohne Gas aus Russland, ohne generationenlang strahlendes Uran und seine Zerfallsprodukte. Es ist schon fast tragisch, dass sich angesichts der finanziellen Möglichkeiten, die auch der Ölpreisverfall eröffnet, die Diskussion über die Energiewende fast auf das Bekleben von Fassaden mit Styropor beschränkt. Denn sie darf nicht auf der Ölspur des Jahres 2014 ins Schlingern geraten.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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