Kirchen

Was Angela Merkel vom Papst lernen kann

Der Chef der Katholischen Kirche hat der eigenen Kurie die Leviten gelesen. Dieses Beispiel sollte Schule machen. Ein Fall für die Kanzlerin

Man stelle sich vor, Angela Merkel würde dem Beispiel von Papst Franziskus folgen und ihrer Kaste Eitelkeit, Karrieresucht und krankhafte Vergesslichkeit attestieren: Politikverdrossene und womöglich selbst die Dresdner Abendland-Verteidiger würden wohl vor Freude Hymnen auf die Christdemokratin singen.

Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, als Gerhard Schröder an der Macht war, sprach dessen Verkehrsminister Manfred Stolpe, einst Kirchenjurist in der DDR, von der Möglichkeit der Einführung einer Maut. Natürlich sagte das der Sozialdemokrat, wie das Politiker eben so machen, nicht direkt, sondern hübsch verklausuliert: „Wenn ein privater Investor eine Strecke baut, heißt das automatisch auch Pkw-Maut.“

So nicht, wir durchschauen dich, Beelzebub, riefen damals die Schutzpatrone des kleinen Mannes von der Christlich-Sozialen Union. „Die Mautpläne sind hemmungslose Abzockerei“, geißelte der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder den protestantischen Sozialdemokraten wider besseres Wissen, da von „Plänen“ bis dato nicht die Rede sein konnte. Du sollst nicht lügen! Nun, im Jahre 2014 nach Christi Geburt, möchte die CSU selber eine Autobahn-Maut einführen. Unterstützt wird sie von Kanzlerin Angela Merkel, die noch wenige Tage vor der jüngsten Bundestagswahl meinte, mit ihr werde es keine Maut geben. Seltsam, wie vergesslich Politiker christlicher Parteien sein können. Und wie verlogen – ungeachtet des 8. Gebotes, das Schwindeln untersagt.

Traurig, dass die Kanzlerin da mitspielt. Wie erfrischend es sein kann, wenn jemand, von dem man es nicht erwartet, einmal die Wahrheit sagt, hat gerade Papst Franziskus gezeigt. In der Weihnachtsansprache an sein leitendes Personal geißelte der Argentinier in größter Offenheit Fehler und Fehlentwicklungen in der Kurie, das einem der Atem stockte. „Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, auf den neusten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper.“ Immerhin satte 15 „Kurienkrankheiten“ diagnostizierte Gottes Vertreter auf Erden. Er hielt seiner Kaste „spirituellen Alzheimer“ vor, was durchaus mit krankhafter Vergesslichkeit übersetzt werden kann.

Man stelle sich nun einmal vor, Angela Merkel würde all ihren – nicht vorhandenen – Mut zusammennehmen, die Rede der katholischen Furie an seine Kurie kopieren und in ihrer Neujahrsansprache eine bestimmte Anzahl von „Politikerkrankheiten“ oder „Regierungskrankheiten“ aufzählen, zu denen – analog zum Papst – „mentale Erstarrung“, der „Terrorismus des Geschwätzes“, die „Krankheit der Rivalität und Eitelkeit“, Karrieresucht und Arroganz gehören.

Die Kanzlerin schaut dann also staatstragend auf den Teleprompter und verkündet die an Franziskus angelehnte furiose Mixtur aus Attacke und Lamento: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich als Christdemokratin glaube fest daran – und Gott sei mein Zeuge -, dass politisches Alzheimer zur Abhängigkeit von häufig selbst konstruierten Glaubensüberzeugungen führt. Auch die CSU ist davon nicht frei. Eine Koalition, die sich nicht selbst kritisiert, auf den neusten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper. Die Vergötterung der Chefs – und da will ich mich gar nicht ausnehmen – führt zu Untertänigkeit und Opportunismus.“ Zum Schluss verkündet Frau Merkel engelsgleich eine Botschaft für die Freunde der Semperoper. „Meinen Landsleuten in Dresden rufe ich zu: Wer andere mit Arroganz und übertriebener Härte behandelt, verbirgt die eigene Unsicherheit vielfach hinter theatralischer Strenge.“

Ach, wie schön wäre das, was für ein wunderbarer Auftakt für 2015. Die Wutrede von Rudi Völler wäre nichts dagegen, ein Ruck ginge durchs Land. Politikverdrossene im ganzen Land würden aufatmen, jubeln und rufen: Kanzlerin, wir haben die frohe Botschaft verstanden, dass du verstanden hast. Was ihr da in Berlin tut, gefällt uns nicht, weshalb wir den Glauben an euch verloren haben. Nun lass(t) bitte Taten folgen und sorge dafür, dass wir dir und euch wieder glauben können. Eine einzige solche Offenbarung wäre eine geeignete Maßnahme, die Teufelei von Dresden einzudämmen. Lutz Bachmann würde ab sofort mit ein paar Hundert seiner engsten Wir-sind-keine-Rassisten-finden-aber-Wirtschaftsflüchtlinge-große-Scheiße-Mitstreiter gegen Ängste und für die Rettung des Abendlandes demonstrieren.

Staunen und Glauben – das passt zu Weihnachten. Der Gläubige staunt, der Atheist staunt ungläubig, was der Papst da so tut.  Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Oberhaupt der Katholischen Kirche, bislang gescholten als Hort der Verlogenheit, Mehrzüngigkeit und Heuchelei, zeigt, wie man seine Jünger und das Fußvolk beglücken kann, indem man einfach ein glaubwürdiges Zeichen der Hoffnung sendet, ein Signal, das da lautet: Leute, so wie bisher geht es nur begrenzt weiter – oder wir sind Vergangenheit.

Wünschen wir also Papst Franziskus, dass Eugen Drewermann nicht recht behält, wenn er vermutet: „Auch wenn man seinen Hund etwas von der Kette lässt, bleibt er letztlich an der Kette.“ 

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, ist kein gläubiger Katholik. Dennoch hat ihn die Rede von Papst Franziskus beeindruckt.

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