Kolumne: Links gedreht

Was die Schweizer Goldinitiave mit der AfD verbindet

Die Schweizer, sie haben sich nicht irre machen lassen von den Katastrophenszenarien der Papiergeldkritiker. Das ist auch eine Niederlage für die deutschen Goldkäfer aus dem AfD-Umfeld

Gold gehört in jedes Depot. Das gehört zum Grundwissen jedes Finanzberaters. Man könnte auch sagen: zu ihren Verkaufstricks. Die meisten raten davon ab, mehr als zehn Prozent in den angeblich sicheren Hafen zu stecken. Denn Gold arbeitet nicht für seinen Besitzer wie andere Werte, etwa Aktien, Anleihen und – zu normalen Zeiten – auch Sparguthaben.

Den Anteil im Portfolio auf 20 Prozent zu erhöhen, das sahen viele Schweizer dann doch als Geldverschwendung. Sie kennen den Unterschied zwischen Volks- und Betriebswirtschaft und stimmten gegen eine Initiative aus dem Umfeld der rechtpopulistischen SVP, die genau das vorsah. Dass die Initiative, die im Vorfeld viel Brimborium gemacht hatte und im Internet viel Unterstützung erhielt, so wenige Stimmen erzielte, liegt auch an den noch weitergehenden, noch abstruseren Forderungen: Nie wieder, so sollten es die Schweizer beschließen, hätte ihr Gold außerhalb der Schweiz lagern dürfen.

Und ein Verkauf der Reserven, er wäre ebenso ausgeschlossen gewesen. Da wäre dann ungefähr so gewesen, als ob man einen 50-Liter-Reservekanister im Auto vorschreibt; im Notfall aber, wenn man abseits der Zivilisation liegen geblieben ist, hätte man diese tolle Reserve nicht antasten dürfen. Statt dessen müsste man zur nächsten Tankstelle schieben – nur um dort einen weiteren Reservekanister füllen und im Kofferraum bunkern zu müssen, auf ewige Zeit.

Die Niederlage der Schweizer Goldkäfer – „gold bugs“ nennen sie an der Wall Street die Anleger, die immer wieder unbeirrt auf die scheinbare Sicherheit von Gold setzen – ist auch eine ihrer deutschen Pendants. Die besuchten in letzter Zeit häufig die Website der AfD, um ihre Nerven zu beruhigen. Man darf ihnen guten Gewissens unterstellen, dass sie mit den Zielen der Partei sympathisieren. Denn in der Sache waren sie gewarnt. Dass es entgegen der Beteuerungen von AfD-Sprecher Bernd Lucke dort eben nicht billiger ist als bei den Banken, war vielfach nachzulesen. Ebenso wie die allgegenwärtigen Warnungen vor einem drohenden Goldpreisverfall. Und der Hinweis, die goldenen Geschäfte der AfD dienten der angeblichen Neupartei nur dem schnöden Erwerb staatlicher Beihilfen – ganz wie die Altparteien eben.

Das ist schon einigermaßen bizarr. Diese Leute wählen eine Partei, weil sie um ihr Erspartes fürchten. Und sie kaufen Gold, das seit seinem Höchststand empfindlich eingebüßt hat und weiter nachgeben wird. Denn der Grund zum Goldkauf, er ist nicht eingetreten: Die verflixte Inflation, sie will ihr hässliches Haupt einfach nicht erheben. Trotz aller Bemühungen von EZB-Chef Mario Draghi zur Vermeidung einer um sich greifenden Deflation in Euroland.

Ob sie wissen, dass er es ist, der ihre Gold-Anlagen seit Jahresanfang im Plus gehalten hat? Auf Dollar-Basis – und so wird dieser Rohstoff wie viele andere auch üblicherweise abgerechnet – haben die Notierungen zwar deutlich nachgegeben. Nur wenn in Euro umgerechnet wird (und wegen der de-facto-Kopplung an die Gemeinschaftswährung übrigens auch in Schweizer Franken) sind Goldkäfer seit Jahresanfang im Plus. Weil Draghi den Euro bewusst abwertet, um die Konjunktur im Euro-Raum zu stützen.

Ausgerechnet Mario Draghi sorgt für den Werterhalt des Goldes der AfD-Anhänger. So absurd kann die Wirklichkeit sein. Doch sie kann an Absurdität nicht mit Vorschlägen mithalten, die eigene Notenbank zum stetigen Goldkauf zu verdammen. Oder zur D-Mark zurückzukehren – eine ähnlich rückwärtsgewandte Schwärmerei, die demselben Geist entspringt wie die kruden Ideen der Schweizer Goldinitiative.

Es steht zu befürchten, dass sich die Goldkäfer nicht vom klaren Nein der Schweizer beeindrucken lassen. Viele von ihnen sind bereits viel zu tief im Netz von Verschwörungstheorien und -fantasmen gefangen, die sie auf obskuren Seiten im Internet finden, die sie seltsamerweise für vertrauenswürdiger halten als die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender oder aus der von ihnen so genannten Mainstreampresse. Sie werden sich weiter in Foren und Kommentarspalten tummeln und die Lauten geben, damit man sie für viele hält. Sind sie aber nicht.

Es sind diejenigen, die sich unter wonnigen Schauern immer wieder ausmalen, wie sie dereinst in einer Mad-Max-artigen Welt zu Fuß den Weg aus der Stadt aufs Land nehmen, nachdem die nächste finanzielle Kernschmelze unsere Welt in Trümmer geschlagen hat. Den Kilobarren Gold in den Hosenbund geklemmt, um vom Bauern möglichst viele Lebensmittel für die Versorgung ihrer Lieben daheim zu erwerben. Fast wünschte man, man könne sie beim Realitätstest beobachten. Wie sie dann erfahren, was Inflation wirklich heißt. Und wie sie feststellen müssen, dass man Gold noch schlechter essen kann als Papier.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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