Kolumne: Grenzgänger

Wir brauchen die Frommen

Der Westen darf sich im Kampf gegen den IS nicht wegducken – das ist klar. Aber nur die Muslime selbst können den Feind besiegen, nicht zuletzt die konservativen und reaktionären Muslime

Wenn ich mir bildlich vorstelle, wer die Mörderbanden des selbst ernannten „Islamischen Staats“ (IS) am wirkungsvollsten bekämpfen kann, dann sehe ich Anwohner eroberter Städte im Irak und in Syrien, die faule Eier auf ihre daher stolzierenden Besatzer werfen, ihnen trotz vorgehaltener Waffe einen Unterschlupf und Vorräte verweigern, ihnen unter Gelächter und großer Gefahr den Ausgang ihrer Stadt zeigen: „Haut ab, Ihr habt nichts mit unserem Gott zu tun! Ihr wollt für uns sprechen? Schert Euch zum Teufel, Ihr seid vor allem Sadisten, Vergewaltiger und Psychopathen, aber bestimmt keine gottgefälligen, frommen Muslime, als die Ihr Euch ausgebt.“

Was meiner Phantasie entspringt, ist, gelinde gesagt, sicherlich kein Massenphänomen in den besetzten Gebieten. Zumal die bloße Gewalt und die Einschüchterung der IS-Schergen natürlich breiten Widerstand verhindert, ja vermutlich im Keim erstickt. Abseits der umkämpften Besatzungsgebiete aber gibt es sehr wohl arabische Stimmen, die sich dem IS-Terror entgegenwerfen, freilich aus einer Sicherheits-Distanz, die man niemandem verübeln möchte: Zwei dieser Stimmen möchte ich exemplarisch herausstellen, zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten und gerade deshalb – auf ihre Weise – sehr wirkungsvoll sind: die Stimme der arabischen Gelehrten, die einen offenen Brief an den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi geschrieben haben, und die jordanische Königin Rania, die vor einigen Tagen in Abu Dhabi eine fulminante Rede an die Araber gehalten hat.

Mutige Anklage der Königin
Fangen wir mit der jordanischen Königin an: Rania hat kürzlich, im November, eine beachtliche, mutige Rede gehalten, die vielen arabischen Männern zu denken geben sollte. „Unser Schweigen ist das größte Geschenk“ an den IS, sagte die 44-jährige Königin bei einer Veranstaltung in Abu Dhabi, bei der Teile der arabischen Elite, Scheichs und Medienmogule, im Publikum saßen. Das Vorrücken der Miliz sei eine Gefahr für die Zukunft des gesamten Islam und der Region, so Rania, die ihrer Heimat eine kollektive Apathie ob des Terrors aus den eigenen Reihen ins Stammbuch schrieb.

Klar, Rania ist besorgt über die Gefahr für ihr eigenes Königreich, schließlich ist das jordanische Königshaus als Freund des Westens den Islamisten ein besonderer Dorn im Auge. Aber was sie zu sagen hatte, überzeugt in der Sache: Die Radikalen, so Rania, seien getrieben von einer Ideologie, die sich kaum mit Gewehrkugeln bekämpfen lasse, zugleich seien die Dschihadisten ein Produkt der miserablen Bildung, der Armut und des fehlenden sozialen Bewusstseins in der Region. „Eine kleine Minderheit areligiöser Extremisten nutzt die sozialen Medien, um unsere Geschichte umzuschreiben, unsere Identität zu kidnappen und uns zu diskreditieren“, rief sie ihren arabischen Landsleuten entgegen.

Ranias Rufe blieben nicht ungehört in der arabischen Welt, obwohl der Eindruck nicht ganz falsch ist, dass ihre Worte vor allem im Westen für zustimmende bis jubilierende Leitartikel sorgten. Das mag damit zu tun haben, dass sich keiner mit deutlicher Kritik exponieren und damit angreifbar machen möchte – aber genau diese Apathie spielt dem IS in die blutigen Hände. Darauf hob sie ab. Vergessen wir nicht: Vor allem Muslime leiden unter dem Terrorregime der selbstgefälligen „Gotteskrieger“, und es sterben wesentlich mehr Muslime als westliche Journalisten durch die Hand der Halsabschneider. Dass ausgerechnet eine Frau den arabischen Patriarchen ins Gewissen redete, macht die Botschaft umso stärker.

Ranias Worte bleiben nicht unwirksam: Sie rüttelte auf in einer Zeit, in der die arabischen Nationen selbst darum ringen, wie sie auf die Bedrohung des IS reagieren sollten. Die Vereinigten Arabischen Emirate, der Jemen, Saudi-Arabien und Katar haben große Probleme mit kleinen, aber lautstarken IS-affinen Gruppen innerhalb ihrer Landesgrenzen. Selbst wenn sich ein saudischer Patriarch von einer Frau wie Rania nichts sagen lässt, so gab es doch für sie gehörig Zuspruch in den sozialen Netzwerken. Nicht zuletzt von jüngeren Frauen, für die Rania ein Vorbild ist. Ein wichtiges Vorbild.

Säkulare, irgendwie westliche und nach unseren Maßstäben moderne Menschen wie Rania aber werden das Ruder im Nahen Osten und in Afrika nicht herumreißen können. Dazu braucht es die Frommen, die Geistlichen, die Muslime, die nach unseren Kriterien keine lupenreinen Demokraten sind, die sich aber umso wirkungsvoller gegen den IS stellen können, weil sie von der einfacheren Bevölkerung gehört werden – und vor allem von den Imamen gehört werden, die in syrischen Kleinstädten oder libanesischen Dörfern von der Kanzel predigen und dort Einfluss auf ihre Schäfchen haben. Menschen wie Rania brauchen die einfachen, frommen Geistlichen als Multiplikatoren ihrer Anti-IS-Botschaft. Das aber funktioniert nicht über Leitartikel in westlichen Medien, sondern über religiöse Wege, über die Köpfe der Frommen.

Die Kraft der Gelehrten
Ein beeindruckendes Beispiel für eine solche Initiative ist der Offene Brief an IS-Chef al-Bagdadi, den 126 muslimische Gelehrte aus etlichen Ländern unterzeichnet haben, und der in mehreren Sprachen weltweit, natürlich auch im arabischen Raum, verbreitet wurde. Darin unterziehen die Geistlichen den IS-Terror einer theologischen Überprüfung, und sie kommen zum Ergebnis, dass es im Islam keine Rechtfertigung für die Gräueltaten und die Anmaßungen der „Gotteskrieger“ gibt. Das deklinieren sie durch und kommen zu einer Reihe von (theologischen) Schlüssen, wie „Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten“ oder auch „Es ist im Islam verboten, Christen und allen ‚Schriftbesitzern‘ zu schaden“.

Das klingt für europäische Ohren fremd und halbgar. Es entspricht nicht (mehr) dem europäischen Ansatz, Taten oder Ansichten auf religiöse Legitimation abzutasten, was zählt sind die weltlichen Gesetze, die Verfassungen und die moralischen Regeln einer säkularen und demokratischen Gesellschaft. Wir sprechen über Menschenrechte und nicht über religiöse Interpretationen von jahrhundertealten Schriften. Diesen europäischen Geist atmet der Offene Brief freilich nicht. Und nach Gleichberechtigung von Frau und Mann klingen solche Sätze auch nicht: „Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren“ (Nicht verwunderlich, dem Gelehrtenkreis gehören keine Frauen an).

Dennoch: Wenn die Botschaft im arabischen Raum gehört werden soll, dann nutzen Aufrufe von Amnesty International nur wenig. Wichtiger ist, dass die Botschaft die religiösen Würdenträger erreicht und überzeugt.

Der Brief ist deshalb so wichtig, weil er mit der geballten Autorität seiner frommen Verfasser klarstellt, dass der IS zwar eine Ideologie hat, die aber nicht fußen kann in einem umfassenden Religionsverständnis des Islam. Zumal die Gelehrten Ansätze einer Zeitbezogenheit erkennen lassen, die frommen Muslimen vom Westen oftmals pauschal abgesprochen wird: „Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten“, schreiben sie. Auch erteilen sie der kontextlosen Zitiererei von Koransuren – eine Angelegenheit, die Islamisten und sogenannte Islamkritiker in Deutschland gleichermaßen „gut“ und verheerend beherrschen – eine klare Absage: „Bei der Sprechung einer Fatwa, … können nicht die ‚Rosinen unter den Versen herausgepickt‘ werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.“

Beide Botschaften – sowohl Ranias als auch die der frommen Gelehrten – sind zudem an uns im Westen gerichtet, die wir „den Islam“ oftmals nur monolithisch sehen. Über den Brief der Gelehrten wurde hierzulande wenig berichtet, zumindest weniger als über so manche Äußerung eines heimischen Politikers, der mit Islam-Bashing auf tumben Stimmenfang geht. Auch das ist eine Unwucht, weil sie dazu beiträgt, dass die hiesige Bevölkerung die arabischen Stimmen und innerislamischen Kontroversen kaum mitbekommt. Es herrscht stattdessen ein pauschales Bild vom Islam, das der Bandbreite dieser großen Weltreligion überhaupt nicht beikommt.

Die Klöckner, notre dame?
Ein schlimmes Beispiel dieser indiskutablen Einseitigkeit war vergangene Woche die Forderung der rheinland-pfälzischen Politikerin und Bundes-CDU-Vize Julia Klöckner nach einem Burkaverbot. Eine Äußerung ohne Anlass, denn Rheinland-Pfalz, überhaupt Deutschland hat kein massenhaftes Problem mit Vollverschleierung. Frau Klöckner wird so an die wenigen Frauen, die Burka tragen (müssen), nicht herankommen, aber darum geht es ihr ja nicht: Mit Stimmungsmache versucht sie jene zu überzeugen, die die CDU für zu liberal halten und deshalb lieber bei der AfD oder einer anderen Rechts-Partei ihr Kreuz machen.

Mir persönlich ist Frau Klöckner schnuppe. Aber Verhalten wie dieses hat die allgemeine Islamfeindlichkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren geschürt. Eine neue Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung hat ja erst kürzlich gezeigt, dass in der nicht-muslimischen Bevölkerung die Auffassung, Muslime seien anders und gehörten irgendwie nicht dazu, weit verbreitet ist. In diese Reihe der billigen Stimmungsmache gehört auch der CSU-Vorstoß vom vergangenen Wochenende, wonach Migranten zuhause Deutsch sprechen sollten. Blanke Stimmungsmache, die in diesem Fall nicht nur, aber auch auf Muslime gemünzt ist.

Dieser ganze Komplex wiederum führt zu Abwehr bei Muslimen selbst, die sich falsch verstanden und nicht akzeptiert fühlen. Blankes Islam-Bashing trifft sogar vornehmlich die Intellektuellen, die Zeitung lesen und im Netz entsprechende Angebote verfolgen, nicht die Reinigungsfrau oder den Kassierer. Und die orthodoxen Islamverbände bekommen einen Vorwand, sich als Opfer und Diskriminierte zu gerieren. Sie ziehen sich zurück in ihr Schneckenhaus der gefühlten Islamophobie. Dabei brauchen wir sie alle, auch hierzulande. Nicht wenige der Islamfunktionäre in Deutschland verfügen über beste Kontakte in den Nahen Osten, weil sie sich ihre Moscheen durch Spenden aus islamischen Ländern finanzieren lassen aus Mangel an heimischen Geldquellen.

Wir brauchen die Frommen und die Konservativen im Kampf gegen den Extremismus. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass eine Reihe von Ranias in Kürze die arabischen Regierungspaläste oder Throne erobert, wir sollten davon ausgehen, dass der Konservatismus der frommen Gelehrten noch eine Zeitlang den Ton angibt. Wir sollten das Gespräch mit ihnen suchen und gemeinsam gegen den IS-Terror vorgehen. Dazu wäre es hilfreich, wenn wir in Europa ein differenziertes Islambild entwickelten und uns von den Klöckners dieser Welt nicht länger die mit langem Atem aufgebaute Differenzierung mit einem Streich zerstören ließen.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“, ist beeindruckt von Rania und den Geistlichen, die etwas riskieren. Frau Klöckner riskiert nur eine dicke Lippe. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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