Kolumne: Moneytalk

Zwei Deutsche gegen Draghi

Im Rat der EZB gibt es ein Aufbegehren gegen den Zentralbank-Chef. Worum es geht, und warum die Deutschen keinen Erfolg haben werden

Historische Höchststände beim DAX und beim S&P 500 könnten den Eindruck erwecken, die Aufwärtsdynamik an den Aktienmärkten sei ungebrochen. Doch das täuscht: Während die Notierungen in der zweiten Novemberhälfte stark anzogen, tendierten die Märkte in den ersten Dezembertagen eher seitwärts- und das unter teilweise beachtlichen Schwankungen.

So überschritt der deutsche Leitindex DAX vergangene Woche erstmals seit Anfang Juli wieder die Marke von 10.000 Punkten. Er erreichte am 4. Dezember sogar fast 10.100 Zähler, bevor Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi ihn binnen Minuten auf fast 9.900 Punkte abstürzen ließen. Der Grund für diesen Absturz waren enttäuschte Erwartungen der Anleger. Sie hatten damit gerechnet, dass Draghi auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des EZB-Rats konkrete Beschlüsse verkünden würde, wann die Notenbank mit dem Kauf von Staatsanleihen beginnt. Diesen Gefallen tat der Italiener den Märken nicht – was zu einer vorübergehenden Verstimmung der Investoren führte.

Vorübergehend deshalb, weil ihnen offenbar rasch dämmerte, dass aufgeschoben nicht aufgehoben bedeutet. Denn Draghi hat sich alle Optionen offengehalten, jedenfalls stellte er entsprechende Käufe in Aussicht. Hält der Trend zu sinkenden Inflationsraten in der Eurozone an – im November lag die Teuerungsrate nur noch bei 0,3 Prozent – könnte es schon im ersten Quartal 2015 so weit sein.

Dabei steuert Draghi auf einen handfesten Streit mit der Deutschen Bundesbank zu. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters hatten die beiden deutschen Vertreter im EZB-Rat, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger vergangenen Donnerstag Draghi die Gefolgschaft in Sachen Quantitative Easing (QE) verweigert. Dieser machte auf der Pressekonferenz deutlich, dass er auch ohne Zustimmung der Deutschen neue Schritte durchzusetzen gedenkt, konkret: in großem Stil Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer aufkaufen will, wenn er das für nötig erachtet.

Schon am Tag nach der EZB-Ratssitzung warnte Weidmann die EZB öffentlich davor, die ultraleichte Geldpolitik der USA zu kopieren. In der Frankfurter Paulskirche sagte er: „Die Rezepte, die in den USA Erfolg gehabt haben (…) oder die in Japan angewandt werden, kann man nicht einfach auf den Euroraum übertragen.“ Damit vertritt er eine Position, die derjenigen Draghi diametral entgegengesetzt ist. Der hatte darauf verwiesen, dass Maßnahmen wie der Kauf von Staatsanleihen in anderen Ländern im Kampf gegen die Krise geholfen hätten.

Schützenhilfe erhielt Weidmann von Finanzminister Wolfgang Schäuble, der gleichfalls warnte, die Politik der USA nachzuahmen. Er sagte, dass er die Auffassung, nur mit einer lockeren Geldpolitik und mehr staatlichen Ausgaben könnte man die Krise erfolgreich bekämpfen, für falsch halte. Er sei im Gegenteil der Meinung, dieser Ansatz sei nicht die Lösung, sondern sogar die Ursache der Krise.

Zwar ist Deutschland die größte Volkswirtschaft der Eurozone und hält demzufolge die den größten Anteil am Kapital der EZB. Das bedeutet aber keineswegs, dass sich die Bundesbank beziehungsweise die deutschen Vertreter im EZB-Rat durchsetzen werden. Kommt es zur Abstimmung über den Kauf von Staatsanleihen, werden sie aller Voraussicht nach von den Vertretern der anderen Länder überstimmt.

Vermutlich befürchten Weidmann und Schäuble nicht, dass die extrem lockere Geldpolitik der EZB zu einer unzähmbaren Inflation im Euroraum führt. Der Grund für ihren Widerstand, den Geldhahn über Staatsanleihekäufe noch weiter aufzudrehen, dürfte eher sein, dass sie erwarten, dadurch würden Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten entstehen. Ihnen ist bewusst, welch verheerende Folgen für die Wirtschaft das Platzen solcher Blasen haben kann. Insofern sind die Bedenken durchaus nachvollziehbar. Ein weiterer Grund für das Nein der Deutschen ist sicherlich, dass sie einen Reputationsverlust der EZB befürchten, wenn sie in den Geruch der Staatsfinanzierung mit der Notenpresse gerät.

Dennoch wird es wohl im neuen Jahr zu Staatsanleihekäufen kommen. Das bedeutet, dass sich die Politik der beiden großen Zentralbanken EZB und US-Fed in unterschiedliche Richtungen entwickeln werden: Die EZB wird noch expansiver, die Fed bewegt sich in Richtung Normalisierung der Geldpolitik – und erhöht möglicherweise bereits im ersten Quartal 2015 ihren Leitzins.

Jedenfalls glauben das inzwischen einige Fed-Beobachter, während die Mehrheit noch davon ausgeht, dass es erst Mitte des Jahres so weit sein wird. Anlass, dass Fed-Chefin Janet Yellen schon früher die Zinszügel anzieht, könnte der US-Arbeitsmarkt sein, der sich zuletzt in prächtiger Verfassung zeigte. Im November schuf die amerikanische Wirtschaft 321.000 neue Jobs, so viel wie seit knapp drei Jahren nicht mehr in einem Monat. Ökonomen hatten lediglich einen Stellenzuwachs von 230.000 vorausgesagt. Damit wurden seit zehn Monaten jeweils mehr als 200.000 Arbeitsplätze geschaffen. Einen so langen Zeitraum mit derart hohen Zuwächsen gab es nach Angaben des US-Arbeitsministeriums zuletzt vor 20 Jahren.

Die US-Arbeitsmarktzahlen sind ein Beleg dafür, dass die Wirtschaft jenseits des Atlantiks derzeit vor Kraft strotzt, während sie hier zu Lande eher stagniert als wächst. Doch es gibt Hoffnung: Nachdem jüngst die Frühindikatoren überraschend stiegen, wurden vergangene Woche auch Auftragseingänge der deutschen Industrie gemeldet, welche die Prognosen der Analysten bei Weitem übertrafen. Dabei brummten vor allem die Bestellungen aus dem Inland.

Natürlich darf man nicht den Fehler machen und einzelne Monatszahlen überbewerten. Aber ein kräftig gesunkener Ölpreis stärkt die Kaufkraft im Inland und eine deutliche Abwertung des Euro erhöht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exportindustrie. Beides kommt der hiesigen Konjunktur tendenziell zugute – und das ist auch eine gute Nachricht für die Aktienmärkte in Europa.

Ludwig Heinz. Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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