Kolumne: Auf einen Klick

Das ist doch keine Islamkritik

Journalisten machen einen großen Fehler, wenn sie Pegida und ihre Anhänger weiter mit dem Attribut „islamkritisch“ versehen. Denn das ist Schönfärberei

Zugegeben, auch Journalisten haben es dieser Tage nicht einfach. Nicht nur mussten sie in den letzten Wochen recherchieren, warum plötzlich Tausende mit rechten Parolen durch diverse Städte ziehen. Sie mussten ihren Lesern und Zuschauern erst einmal erklären, was Abkürzungen wie Pegida, Kögida oder Bärgida bedeuten sollen – und dass sie wahrscheinlich nichts mit Ebola zu tun haben.

Da kann es schonmal passieren, dass man sich in der Wortwahl vergreift. Doch nun ist es genug. Es reicht: Hört endlich auf, die „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ weiter euphemistisch als „Islamkritiker“ zu bezeichnen. Das haben sie nicht verdient.

Kritik bedeutet, sich ernsthaft und mit vernünftigen Argumenten mit einer Sache zu beschäftigen, die Fakten recherchieren, sie diskutieren – dann zu einem gern pointierten, aber vernünftigen Urteil zu kommen. Und nicht mit Plakaten auflaufen, auf denen „Islam = Karzinom“ steht.
Das ist in Wahrheit keine Kritik, sondern beleidigend und herabsetzend, lügenbasiert und faktenleugnend. Es richtet sich auch nicht gegen den Islam, sondern ihre Gläubigen, die als homogene Masse von Fremden gesehen werden.

Echte Islamkritiker würden referieren über Papst Benedikt XVI und seine umstrittene Regensburger Rede. Sie wüssten um den Brief von 138 muslimischen Oberhäuptern aus mehreren Ländern im Jahr 2007, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam betonten. Sie könnten darüber diskutieren, ob der göttliche Schöpfungsakt ein einmaliger ist (Christentum) oder ein kontinuierlicher (Islam), oder sie würden fordern, dass die Koran-Interpretation weniger wortwörtlich, sondern mehr kontextuell geschehen müsste. Und sie würden sicher aktuelle Islamwissenschaftler wie Bassam Tibi oder Yasar Öztürk zitieren, die die innerislamische Debatte vorantreiben.

Sie würden einen Muslim persönlich kennen. Kennen lernen wollen.

Solcherlei kann man von einem Islamkritiker erwarten. Er muss den Islam nicht lieben, aber sich ernsthaft mit ihm beschäftigen, ihn studieren und vergleichen, in Theorie und Praxis. Und wüsste er dann etwa, dass es zwar Länder wie das frauenfeindliche Saudi-Arabien gibt, aber auch muslimische Staaten wie Kirgistan, Kosovo, Bangladesch, Pakistan oder auch die Türkei, in denen Frauen die Regierung führten bzw. führen.

Dass die tausenden Pegida-Anhänger oder auch die Organisatoren zu Differenzierung oder Faktenrecherche willens oder gar fähig sind, ist zweifelhaft. Sie kennen wahrscheinlich nicht einmal den Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten. Für sie ist alles eins, alle Muslime sind für sie – ausweislich ihrer Reden und Wortäußerungen – im Prinzip gleich schlecht und gleich gefährlich, eine homogene Masse, die das angeblich so christliche Abendland bedroht.

Wenn man solche Ungebildeten weiter als Islamkritiker bezeichnet, müssen auch all jene bereits als Literaturkritiker gelten, die Bücher bei Amazon mit „Ware pünktlich angekommen“ kommentieren.

Diejenigen, die derzeit zu oft in den Medien als „Islamkritiker“ betitelt werden, haben diesen Euphemismus nicht verdient. Diese nur scheinbare objektive Bezeichnung unterstellt ihnen eine Ernsthaftigkeit und faktenbasierte Argumentationsfähigkeit, die sie bislang schuldig bleiben. Dann sind Nazis auch nicht länger antisemitisch, sondern fortan „Thorakrititisch“.

So lange sie Fakten nicht anerkennen und sich nicht differenziert äußern, müssen Journalisten sie nennen, was sie sind: Fremdenfeinde, Moslemverteufler, Anti-Muslimisten oder einfach – Hetzer. Das ist dann auch keine Diffamierung, sondern schlicht eine treffende Bezeichnung.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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