Mann/Frau

Die FDP findet ein Thema

Die Freidemokraten greifen das Thema Männerpolitik auf. Das dürfte ihr klügster politischer Schachzug seit langem sein

Emanzipationspolitiker der FDP fordern eine radikale Wende: weg von der einseitigen Förderung der Frau, hin zur gleichmäßigen Unterstützung beider Geschlechter. Susanne Schneider, emanzipationspolitischen Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen, sagte in einem Interview, „dass Männer an vielen Stellen eine auf sie zugeschnittene Hilfe durch Politik und Forschung brauchen könnten – ähnlich dem, was Frauen seit Jahrzehnten genießen. Aber diese Hilfe gibt es nicht.“ Dabei nannte Schneider Aspekte wie die Gesundheit, Schulen und eine stärkere Unterstützung für Väter.

Dass gerade die FDP das Männerthema entdeckt, mag zunächst überraschen. Dass die Partei 2013 aus dem Bundestag geflogen war, sehen schließlich nicht wenige als Folge der Sexismus-Debatte vom selben Jahr. Diese hatte mit Kritik am damaligen Spitzenkandidaten Rainer Brüderle begonnen, aber viele Journalisten nutzten diese Kritik für Angriffe auf die Gesamtpartei. Noch vor wenigen Tagen hatte der ARD-Chefredakteur Kai Gniffke anlässlich des Dreikönigstreffens der FDP gegen „sabbernde Liberale“ vom Leder gezogen.

Trotzdem könnte sich Schneiders Vorstoß als ausgesprochen geschickter Schachzug herausstellen. Das Männerthema ist seit langen Jahren politisch unbehaust. Nicht nur die linken Parteien fokussieren sich einseitig auf die Anliegen von Frauen. Auch das Bild der Union wird von Personen wie Ministerin von der Leyen geprägt, die – egal in welchem Ressort – grundsätzlich Frauenpolitik betreibt.

Bislang wagten sich die Altparteien wohl auch deshalb nicht ans Männerthema, weil sie Angst haben, dadurch könnten sich infolge feministischer Kampagnen Wähler von ihnen abwenden. Hier aber könnte die FDP gerade nach dem Brüderle-Debakel auftrumpfen: In ihrer jetzigen Situation hat die Partei nichts mehr zu verlieren. Als sie aktuell erklärte, die Farbe Magenta in ihr Logo aufzunehmen, kritisierten viele, gescheiter wäre es, neue Inhalte statt neuer Farben aufzugreifen. Männerpolitik ist ein solches Anliegen, das vielen Bürgern auf den Nägeln brennt.

Noch mehr Profil könnten die Liberalen gewinnen, wenn sie sich als einzige Partei auch grundsätzlich gegen eine immer stärker ideologisierte Geschlechterpolitik aufstellen würden: Staatliche Zwangsmaßnahmen wie die Frauenquote, der institutionelle Zwang zu einer „geschlechtergerechten Sprache“, das Strömen von Steuergeldern in Projekte wie das Durchgendern von Ampelmännchen – all das und mehr ist prädestiniert für Kritik aus liberaler Perspektive.

Dabei würde sich die FDP zwar ihrerseits zur Zielscheibe vieler Journalisten machen. Allerdings hat die AfD in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, dass man Wahlerfolge auch entgegen dem Meinungsstrom der Leitmedien erzielen kann, wenn man seinen Positionen treu bleibt.

Hier muss die FDP glaubhaft vermitteln, dass ihr Engagement für Männer kein bloßes Strohfeuer ist. Schon während der Sexismus-Debatte Anfang 2013 deutete der damalige FDP-Minister Dirk Niebel vage an, dass es auch Sexismus gegen Männer gebe. Prompt attackierten ihn Zeitungen wie die „taz“, er konkretisierte seinen Gedanken nie und entschwand nach der Wahlniederlage seiner Partei zu einem Rüstungskonzern. Den Freidemokraten stünde es besser an, Standfestigkeit zu ihrer Tugend zu machen.

Klug ist es in jedem Fall, dass die Partei das Männerthema gerade durch eine Frau aufgreifen lässt. Viele Bürger sprechen Frauen bei Geschlechterthemen eine höhere Kompetenz zu. Auch kann hier viel weniger als bei Männern polemisiert werden, es ginge lediglich um die „Besitzstandswahrung larmoyanter Alt-Chauvinisten, die ihre Privilegien infolge der Emanzipation davonschwimmen“ sähen und wie dergleichen Wortgeklingel immer wieder lautet. In den USA kommen daher die weiblichen Mitglieder der Männerbewegung sehr viel besser in den Medien weg. Langfristig müssen zwar auch die Ansichten von Männern beim Geschlechterthema zählen. Aktuell ist dazu aber offenbar noch engagierte weibliche Unterstützung nötig.

Arne Hoffmann, geboren 1969, studierte Medienwissenschaft an der Universität Mainz. Durch zahlreiche Artikel und Bücher wie aktuell “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” gilt er als einer der Sprecher und Vordenker der deutschen Männerbewegung. Seit über zehn Jahren führt er das Newsblog Genderama und ist Mitglied bei den männerpolitischen Nichtregierungsorganisationen MANNdat und AGENS.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 50 Bewertungen (4,62 von 5)