Kolumne: Links gedreht

Die Rente mit 70 ist ein Ablenkungsmanöver

Die Bundesagentur für Arbeit hat einen neuen Typus Menschen entdeckt: Rentner, die ohne Job nicht sein können. Für sie will Behördenchef Weise die Rente mit 70 – freiwillig, versteht sich. Steht ein Ansturm wie bei der die Rente mit 63 bevor?

Bis 70 arbeiten – und das auch noch freiwillig! Viele wollen einfach nicht vom Job lassen und ziehen den Unruhestand vor, sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Schöne neue Arbeitswelt. Ist der Vorstoß das nötige Gegenstück zur Rente mit 63 für Beschäftigte mit vielen Versicherungsjahren, die viel stärker genutzt wird als erwartet? Hat die Knechtung älterer Menschen endlich ein Ende, für die ein Leben ohne Arbeit keinen Sinn hat?

Hauptargument von Weise und seinen Unterstützern: der Fachkräftemangel, der mit der Alterung der Gesellschaft angeblich nicht nur droht, sondern schon da sein soll. Komisch nur, dass man diese angebliche Verknappung nicht dort ablesen kann, wo er sich am deutlichsten zeigen müsste: bei den Facharbeiterlöhnen. Unabhängig davon, dass es längst flexible Modelle für einen sanften Übergang in die Rente gibt und dass jeder Rentner ziemlich frei ist, sich einen Job zu suchen: Spielen wir anhand dreier Beispiele durch, was Weises Rente mit 70 brächte.

Facharbeiter sind eingestandenermaßen das Hauptziel einer Neuregelung. Es sind Menschen, die meist recht lange recht gut verdient haben. Die ihr Häuschen weitgehend abgezahlt haben und die deshalb oft auch mit 40 Prozent ihres letzten Entgelts ganz gut leben können. Die sich endlich ihren Enkeln widmen können oder ihrem Vorgarten, ihren Hobbies und Interessen. Die vielleicht nicht das Geld für eine Weltreise haben, aber immerhin die Zeit für eine Kreuzfahrt. Der monetäre Anreiz, länger zu arbeiten, müsste für diese Gruppe schon enorm sein.

Führungskräfte sind häufig mit ihrem Beruf verheiratet – anders ist es kaum vorstellbar, in eine wirklich verantwortliche Position zu kommen. Sie sind deshalb auch oft die, die sich mit dem plötzlichen Renteneintritt nicht abfinden wollen. Sie haben zwar das Fachwissen, auf das viele Firmen angewiesen sind. Sie sind es aber auch, die neue Ansätze und Ideen vielfach ablehnen („Haben wir doch schon immer so gemacht“). Und die Positionen besetzen, in die kein jüngerer Mitarbeiter nachrücken kann, um die Erneuerung von Abläufen und Unternehmenskultur zu meistern. Möglicherweise braucht es hier keine allzu großen Anreize für’s länger Arbeiten; zweifelhaft ist, ob das einer zukunftsgerichteten Personalpolitik zuträglich wäre.

Prekär Beschäftigte und schlecht entlohnte Mitarbeiter haben schon heute ziemliche Schwierigkeiten, einen regulären Arbeitsplatz zu finden, wenn sie über 60 sind. Sie dürften die Hauptgruppe des Drittels der Arbeitnehmer stellen, die laut DGB schon heute in diesem Alter keinen Job findet. Sie sind es auch, die nach Renteneintritt am ehesten nach einem Minijob suchen – Zeitungen austragen, Wach- und Schließdienste, Putzarbeiten. So lange es körperlich möglich ist. Für sie braucht es vermutlich keine Anreize, dem Arbeitsmarkt weiter zur Verfügung zu stehen. Denn mit dem Eintritt in den Ruhestand droht ihnen Altersarmut.

Schaut man sich die möglichen Auswirkungen einer Rente mit 70 an, wie sie Weise auf freiwilliger Basis vorschwebt, zeigt sich schnell, dass der Vorstoß vor allem eins ist: ein Ablenkungsmanöver. Denn kaum einer der angeblich händeringend gesuchten Facharbeiterinnen und Facharbeiter wird für ein bisschen mehr Geld den Ruhestand hinauszögern. Sicher werden einige Führungskräfte anbeißen, die nicht ertragen können, dass auch andere mal das Sagen haben. Vor allem dürfte eine Verlängerung des Arbeitslebens also nötig sein für Menschen, die ihr ganzes Leben oder zumindest große Teile davon wenig verdient haben. Denn sie sind schlicht angewiesen auf das Geld. Von Freiwilligkeit keine Spur.

Absehbar ist daher, dass eine Rente mit 70 nicht dem Fachkräftemangel entgegenwirken, sondern die Politik vor allem von einer anderen Sorge etwas entlasten würde: dem Problem der Altersarmut, das mit noch größerer Macht naht als der demographische Wandel. Ein, zwei Minijobs hier, ein bisschen Hartz-IV-Aufstockung dort – wird schon irgendwie passen, lautet die Devise. Würden sich die Verantwortlichen in Berlin stärker dieser Gefahr annehmen, anstatt noch mehr Menschen mit Gedankenspielen zur gesetzlichen Rente zu verunsichern, es fänden sich wahrscheinlich montags weniger „Besorgte“ auf den Straßen Dresdens ein.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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