Kolumne: Warkentins Wut

Es ist nicht alles Wurst

Dass geplante Freihandelabkommen mit den USA darf nicht dazu führen, dass künftig Schwarzwälder Schinken aus Kentucky kommt, Gouda aus Texas oder die Ananas aus Alaska

Ausgerechnet ein CSU-Agrarminister läutet das Totenglöckchen für geschützte deutsche Spezialitäten wie Schwarzwälder Schinken oder Spreewaldgurken. Es waren die an einem Freihandelsabkommen interessierten Amerikaner, die Minister Christian Schmidt auf Ungereimtheiten im europäischen Markenrecht aufmerksam machten. Schmidt stand daraufhin für ein Wurst-Kas-Szenario ein, bei dem es traditionsbewussten Verbrauchern kalt den Rücken herunterläuft: „Wenn wir die Chancen eines freien Handels mit dem riesigen amerikanischen Markt nutzen wollen, können wir nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“. Diese Worte Schmidts lassen nicht zuletzt deshalb aufhorchen, weil sich die CSU als Partei der Bauern und Nahrungsgüterwirtschaft versteht.

Im Gegensatz zu den USA, wo jeder Produzent bei der Bezeichnung seiner Waren freie Hand hat, schützt die EU auch solche Spezialitäten, deren Grundstoffe längst nicht mehr nur in den Heimatregionen wachsen – dies gilt zum Beispiel für den Dresdner Stollen, der Zitronat und Orangeat enthält, die nicht im Südfrüchte-Paradies Sachsen wachsen. Importeure in Europa könnten aber bei dem geplanten Freihandelsabkommen TTIP die eigenen strengen Vorschriften unterlaufen und beispielsweise Schwarzwälder Schinken aus Kentucky, Gouda aus Texas oder Ananas aus Alaska vertreiben. Mit dieser Unstimmigkeit begründet Schmidt seinen Kurswechsel.

Mich ärgert seit langem der Versuch deutscher Käsereien, mir griechischen Feta-Käse aus dem Allgäu unterzujubeln. Mir graust auch beim Gedanken, Harzer Käse aus Griechenland essen zu müssen. Holländischer Gouda oder österreichischer Bergkäse sollen ihren unverwechselbaren Geschmack weiterhin von glücklichen Kühen auf heimischen Wiesen bekommen und nicht durch Aromastoffe.

Eine auf satten Marschböden an der Nordseeküste grasende Kuh liefert Milch und Käse, die sich im Geschmack grundlegend von dem unterscheidet, was eine Artgenossin gibt, die den Sommer auf einer Almwiese verbringt. Das sollte auch so bleiben.

Für die europäischen Politiker heißt das, am Verhandlungstisch hart bleiben und nicht nach der Pfeife der Amerikaner tanzen. Schon die – begrüßenswerte – europäische Einigung ebnet regionale Unterschiede immer mehr ein und speist die Verbraucher mit Produkten ab, die mit Natur kaum mehr etwas zu tun haben und denen jedweder Geschmack ausgetrieben wurde. Ein Freihandelsabkommen verschärft diese Tendenz weiter. Auf dem Altar der Profitgier würden kulinarisch-kulturelle Unterschiede, die Europas Vielfalt ausmachen, endgültig geopfert.

Volker Warkentin, Autor in Berlin und Gourmet, schmeckt europäischer Einheitsbrei nicht, auf amerikanischen hat er erst recht keinen Appetit. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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