Euro-Krise

Euro-Rettung in Rambo-Manier

Die EZB schüttet in ein Meer voller billigen Geldes weitere 1,14 Billionen Euro. Da jubeln nicht nur die Börsen, sondern auch Italien und Frankreich

Erst lief er mit ihr über der Schulter durch die Welt, dann hielt er sie im Anschlag. Nun feuerte Mario Draghi seine Bazooka ab. Die Salve, die der Italiener verschießt, hat es in sich: mindestens 1.140.000.000.000 Euro ballert er in den Markt. Es besteht eine realistische Gefahr, dass er sie verballert.

Die Europäische Zentralbank und nationale Notenbanken der Währungsunion sollen zwischen kommendem März und Ende September nächsten Jahres  Anleihen der Eurozone und andere Wertpapiere im Wert von wenigstens 60 Milliarden Euro kaufen – Monat für Monat. Macht 1,14 Billionen Euro! Und das, obwohl die Märkte nach Jahren der Fast-Null-Leitzinspolitik schon längst im spottbilligen Geld schwimmen, wenn nicht ersaufen. Anleger sind verzweifelt auf der Suche nach Investments. Dabei geht es noch nicht einmal mehr immer um Rendite. Sicherheit lautet das oberste Gebot. Wenn all die Blasen, die weltweit durch das megabillige Geld entstehen, platzen, sieht es trübe aus.

Die Billion fließt zusätzlich in den Kreislauf, die Zentralbankgeldmenge wächst um genau diesen Betrag. Es ist nicht da, sondern wird frisch gedruckt. Weil er Deflation befürchtet, will EZB-Chef Draghi die Inflation im Euroraum anheizen. Man muss Europa und der Welt fest die Daumen drücken, dass die Rechnung aufgeht. Die Preise vieler Aktien, Anleihen und vor allem von Immobilien sind schon jetzt arg hoch. Mit der offenen Geldpumpe entstehen Risiken an anderer Stelle. Die Börsen feuerten zwar das erwartete Kursfeuerwerk ab. Ob aber die Kreditvergabe an Unternehmen in Schwung kommt und damit die Realwirtschaft ankurbelt, ist absolut fraglich. Denn Geld zum Nulltarif gibt es seit Jahren massenweise. Es wird aber eher in Immoblien gesteckt statt in Industrieproduktionsanlagen.

Es gibt zu denken, wenn man sich vor Augen hält, wer Draghi aufgefordert hat, seine Ankündigung umzusetzen. „Wenn eine Zentralbank ein Inflationsziel hat und sich weit von diesem Inflationsziel entfernt, muss die Zentralbank dagegensteuern, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren will“, sagte Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius laut „FAZ“. (Für alle Verschwörungstheoretiker zur Erinnerung: Vor zehn Jahren war Draghi in der City of London Vizepräsident von Goldman Sachs.) Von Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain ist das Zitat überliefert: „Für die Märkte wären 500 Milliarden Euro eine Enttäuschung, 750 Milliarden Euro okay und eine Billion sehr gut.“ Bankentresore sind voller Staatsanleihen. Mutmaßlich steigt ihr Wert nun massiv an und hübscht so die Bilanzen auf.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sagte kürzlich in Davos: „Die Schritte der EZB werden ein Zeichen setzen, dass Europa in eine neue Richtung geht.“ Der griechische Finanzminister Gikas Hardouvelis jüngst im „Handelsblatt“: „Kein anderes Land braucht Quantitative Easing so sehr wie Griechenland.“ Und: „Ich glaube, es ist wichtig, dass die Europäer ein wenig flexibel sind bei den griechischen Haushaltszielen für 2015.“ Heißt: Lasst die Zügel locker. Anders ausgedrückt: Nehmt die Troika an die Leine.

Draghi und seine Getreuen wollen der Athener Regierung nicht den Gefallen tun, griechische Staatsanleihen zu erwerben. Hellas erfüllt die Kriterien nicht, die den Aufkauf der Papiere zulassen. Andere Länder der Eurozone – Frankreich und Italien zum Beispiel – dürfen aber Reformen und die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit weiter aufschieben. Denn die Nationalbanken haben nun die Chance, sich Geld zu drucken. Sie kaufen einfach die Anleihen jenes Landes, in dem sie ihren Sitz haben.

Die gemeinsame Risikohaftung innerhalb der Währungsunion soll nach Auskunft Draghis auf 20 Prozent gedeckelt werden. Ob das in der Praxis durchzuhalten ist, falls ein Land seine Zinsen nicht mehr zahlen kann, ist eine andere Frage. Oder vielleicht sogar eine Illusion. In jedem Fall ist die Gemeinschaftshaftung rechtlich angreifbar. Mit der Begrenzung wollte Draghi die deutschen und holländischen Skeptiker für seine Gelddruckerei gewinnen. Bundesbankpräsident Jens Weidmann wird seine Bedenken kaum zurücknehmen. Er weiß, dass die – wenn auch auf 20 Prozent begrenzte – gemeinsame Haftung der Einführung von Eurobonds ziemlich nahe kommt. Aber die sind ja laut Kanzlerin Angela Merkel ausgeschlossen, „solange ich lebe“.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, verfolgt die Euro-Krise seit Jahren, unter anderem als finanzpolitischer Korrespondent der Nachrichtenagenturen Reuters und AP.

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