Kolumne: Mein Held der Woche

Gute Werbung für die Schweiz, Herr Nationalbankpräsident

Die Schweizer Nationalbank hat in einer Hauruck-Aktion den Franken vom Euro gelöst. Alle regen sich auf. Wir nicht. Denn dahinter verbirgt sich ein genialer Plan

Jaaaa, die Schweiz. Was gibt es nicht alles für Vorurteile über den Alpenstaat und seine alpinen Bewohnern.

Langsaaaam sind die, heißt es. (Ist ja auch kein Wunder bei der dünnen Bergluft und den vielen Volksabstimmungen). Laaangweilig sind die, heißt es. (Ist ja auch kein Wunder, wenn man ständig Schokolade und Käsefondue mampfen und danach auch noch bergauf gehen muss.) Unverstäääändlich sind die, heißt es. (Kein Wunder, wenn man ständig kraxelt, gerät man eben leicht ins Hecheln, was dann im Ausland rasch als Schwyzerdütsch gilt.)

Für Unverständnis haben nun auch Sie gesorgt,  Jean Studer, Präsident des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank (SNB) . Über Nacht haben Sie den Schweizer Franken vom schwächelnden Euro entkoppelt, sprich: den Wechselkurs freigegeben. Und das Entsetzen war groß: bei Schweizer Unternehmen, weil ihre Exportprodukte nun rapide teurer werden. An den Börsen; alleine der Schweizer Leitindexes SMI brach um 14 Prozent ein. Und der Euro verlor binnen Sekunden gegenüber dem Franken 30 Prozent an Wert.

„Was ist nur in die SNB gefahren?“ entrüstete sich der Züricher „Tagesanzeiger“. Auch ansonsten ergoß sich reichlich Schimpf und Schande über Sie.

Wir stimmen nicht ein in diesen Chor. Denn wir wissen genau, was Sie mit dieser Aktion erreichen wollten – das Image der Schweizer grundlegend ändern.

Die Schweizer sind langsam? Nichts da. Notenbanken wie die Europäische Zentralbank und die US-Fed bereiten die Märkte monatelang auf ihre Entscheidungen vor. Sie, Herr Studer, haben bewiesen, dass die Schweizer ein deutlich fixeres Völkchen sind.

Die Schweizer sind langweilig? Nebbich. Wer es schafft, binnen Sekunden Europas Aktienmärkte in Wallung zu bringen, der ist genau das Gegenteil davon.

Die Schweizer sind unverständlich? Iwo. Was Sie, Herr Studer, da gemacht haben, das hat jeder kapiert. In der Schweiz, in Europa, weltweit.

Statt zu lästern, sollten Ihnen Ihre Eidgenossen irgendeinen helvetischen Verdienstorden umhängen. Wir Deutsche haben Jahrzehnte gebraucht, um unser braunes Image loszuwerden. Die Schweizer haben nun, dank Ihnen, Herr Studer, über Nacht bewiesen, dass sie alles andere als langweilig und behäbig sind.

Allerdings ist auch nicht zu leugnen, dass Sie für ihre eintägige Imagekampagne ein verdammt großes Werbebudget zur Verfügung hatten. Um den Wechselkurs stabil zu halten, hat die SHB seit 2011 massiv Euro aufgekauft. Bis Ende September 2014 lagen 174 Milliarden Euro auf den SHB-Konten. Durch den abrupten Kursverlust des Euro dank Ihrer Über-Nacht-Entscheidung dürfte die SHB nach Schätzungen zwischen 60 und 80 Milliarden Franken verlieren. Ein satter Werbeetat.

Sie, Herr Studer, dürften damit auch ins Guinness-Buch der Rekorde eingehen. Als Chef des Ladens, der die bislang teuerste Werbekampagne der Welt gefahren hat. Uf widerluege.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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