Islam

Ich distanziere mich…

Die vielen Freisprüche der muslimischen Mehrheit in Deutschland vom Terrorverdacht befördern ein rassistisches Denkmuster: Für Muslime lassen selbst Gutmenschen keine Unschuldsvermutung gelten. Das ist ausbaufähig

In den vergangenen Tagen habe ich in deutschen Medien, aus der Politik sowie der muslimischen Community mehrere Dutzend oft wohlmeindende Analysen, Stellungnahmen und Kommentare zum Verhältnis der „großen Mehrheit der Muslime“ zum Terrorismus gehört und gelesen. Der beruhigende Tenor: Die meisten haben nix damit zu tun! Sie distanzieren sich ausdrücklich davon.

Ich schaue kurz zu meinen muslimischen Familienmitgliedern herüber. Ich rekapituliere noch einmal die Erkenntnis, dass es sich – bei „der großen Mehrheit“ von ihnen – nicht um Terroristen handeln soll. Ich denke an die Muslime unter meinen engsten Freunden. Ich versuche zu verstehen, dass sich auch in ihrem Namen muslimische Vertreter vom Terrorismus distanziert haben und dass die deutsche Öffentlichkeit dies weitgehend akzeptiert.

Ich bin nicht beruhigt, sondern wütend. Dazu folgende Erklärung:

Öffentliche Erklärung:
Im Namen meiner polnischen Vorfahren distanziere ich mich hiermit von allen Autodieben. Die große Mehrheit der Polen und ihrer Nachkommen achtet fremdes Eigentum. Ich weiß, dass die Heimat meiner Vorväter von einigen Wenigen zum Verschieben deutscher Bonzenschleudern missbraucht wird. Deswegen habe ich natürlich tiefes Verständnis für wirklich jedes rassistische Vorurteil gegenüber Polen, allen Mitbürgern mit polnisch klingenden Namen und einfach jedem, der irgendwie fremd erscheint.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Kommentatoren und wohlmeinende deutsche Politiker die Vertrauenswürdigkeit der „großen Mehrheit der hier lebenden Polen“ und die gelungene Integration „der meisten von ihnen“ in öffentlichen Solidaritätsadressen betonen könnten. Das gibt ihnen auch die Möglichkeit, mit dem Verweis auf „wenige schwarze Schafe“ die Berechtigung von Xenophobie als Grundannahme herauszustreichen, die erst einmal gilt, bis der Fremde das Gegenteil bewiesen hat. Gleichzeitig verhindern häufige, vermeintliche Solidaritätsbekundungen für diese fremden Migranten, dass die Spaltung der Gesellschaft in ein richtig deutsches „Wir“ und ein „die Anderen“ verschwimmt.

Ich selbst verspreche gemeinsam mit allen polnisch-stämmigen Deutschen, auf „unsere“ Kriminellen einzuwirken, mit denen ich in genauso engem Kontakt stehe wie die Muslime in meinem Umfeld mit irgendwelchen Terroristen. Selbstverständlich sehe ich es als meine Aufgabe an – und nicht etwa die der Polizei -, den Tätern das Handwerk zu legen.

Meine lieben reinrassigen Gastgeber in diesem wirklich sehr schönen Land mit dem besten Grundgesetz der Welt: Beachtet bitte auch, dass die Kriminellen nicht zwischen KFZ-Haltern verschiedener Herkunft unterscheiden. Selbst ich könnte, falls ich ein Auto besäße, zu ihrem Opfer werden. Lasst uns deshalb zusammenstehen und gemeinsam rassistische Denkmuster in der Mitte der Gesellschaft verankern, indem wir ständig wiederholen, dass sie – anders als ja zu erwarten wäre – nicht immer zutreffen.

In Dankbarkeit für eure Wahnsinns-Toleranz
Max Borowski

Max Borowski, Autor in Berlin, hat polnische Vorfahren, muslimische Verwandte, in Kairo und Beirut studiert und in Israel gearbeitet. Es gibt also noch viel zu entschuldigen.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 18 Bewertungen (4,72 von 5)